Zur Homer’schen Lehre der innerstädtischen Kommunikation ohne Telefon

Ich habe schon als Kind immer diese Eltern verabscheut, die in den hässlichen Prekariats-Ghetto-Mehrfamilien-Wohnanstalten ihre verblödeten Bälger vom Fenster aus zum Abendessen rein gebrüllt haben – mit jener typischen Ignoranz für jegliche soziale Außenwelt, die eventuell keinen Bock hat, ins Elend ihrer familiären Zurechtweisungs- und Kommando-Strukturen einbezogen zu werden, und es gibt momentan wirklich kein Kunstwerk, das solche noch vage aus der frühen Kindheit erinnerten Phänomene des alltäglichen Irrsinns mit einer solchen Sensibilität aufzugreifen und auf köstlichster ästhetischer Ebene verarbeiten zu vermag, wie Groenings „Simpsons“.

Ich wunderte mich beim erneuten Anschauen der Szene auf Youtube zunächst darüber, dass der angebrüllte Milhouse gar nicht zu sehen ist (normalerweise gibt es in solchen Fällen immer einen kurzen Cut in Milhouse Mussolini (seine Großmutter ist Italienerin) van Houtens Kinderzimmer, wo er entweder heimlich mit Puppen spielt oder – noch heimlicher – die Teletubbies guckt statt den von Bart empfohlenen Splatterfilm), ich hätte schwören können, dass er kurz gezeigt wurde, aber sah dann ein, dass die 15-sekündige Einstellung auf Homer dem Zweck der Szene letztlich wohl doch gerechter wird, da die Totalität elterlicher Kommunikationsbarbarei so noch offenbarer wird und das angesprochene Kind, das 10 Häuserblocks weiter wahrscheinlich irgendwo im Sandkasten hockt, wirklich nur als Anbrüll-Objekt Beachtung findet.

Die Simpsons wären nicht so lustig, wenn Matt Groening nicht so genial wäre; alleine diese Szene könnte ich mir schon wieder stundenlang angucken. Simpsons-Szenen – und überhaupt fast alle Simpsons-Episoden – sind in ihrer ästhetischen Wirkung verwandt mit guten Popsongs: je öfter man sie sich zu Gemüte führt, desto besser werden sie, desto besser versteht man sie, desto mehr liebt man sie.

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2 Antworten auf “Zur Homer’schen Lehre der innerstädtischen Kommunikation ohne Telefon”


  1. 1 Blogneurotiker 02. Februar 2010 um 16:37 Uhr

    viel geschwafel um auszudrücken das man in der mehrfamilien-häusersiedlung gefälligt ruhe und ordnung möchte. dieses ruhe- und idyllebedürfnis offenbart eine gehörige portion spießigkeit.

  2. 2 Väterchen Administrator 02. Februar 2010 um 22:40 Uhr

    Dass ich ein Riesen-Spießer bin ist ja nun schon lange keine Neuigkeit mehr. Danke für die Blumen, du Idiot. Und klar will ich Ruhe und Ordnung, wie jeder vernünftige Mensch.

    Wie landen hier immer nur all die Kreuzberger Anarchospinner, wo ich doch bloß in Ruhe meine SED- & Stasi-Spießigkeiten ausleben möchte. Schlimm.

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