Warum Guttenberg bleiben kann, wo der Pfeffer wächst (also: in der Bundesregierung)

Offener Brief an den deutschen Pöbel

„Ich kenne mich sehr wenig aus mit diesen akademischen Usancen, denn ich habe ja noch nicht mal Abitur. Das Einzige, was ich sagen kann: Ich habe häufig abgeschrieben. Sonst wäre ich ja auch nicht bis zur mittleren Reife gekommen!”
Fürstin Gloria von Thurn und Taxis

Die schale, ankotzende Pointe der ganzen Debatte um die volksmobkompatible Adels-Canaille Guttenberg ist der darin zum Vorschein kommende Doktortitel-Fetischismus, welcher – wie eh und je – jeden Zusammenhang von subjektiven Fähigkeiten und des als deren Objektivierung geltenden Titels leugnet: als gäbe es heute überhaupt einen wesentlichen Unterschied zwischen einem komplett abgeschriebenen Text und einer korrekt zitierten, genauso hirnlosen, in jahrelanger stumpf-debiler Quellen- und Zitate-Sammelei zusammengeklaubten, also akademisch „korrekten“ Arbeit. ES GIBT KEINEN SOLCHEN UNTERSCHIED – Doktortitel bekommen Leute, die sich der bürgerlichen Gesellschaft voll und ganz unterwerfen, sich den herrschenden Regeln verschreiben und also ihren Konformismus (als eine Art universeller, blinder „Loyalität“) beweisen, i.e.: das Gegenteil von selbständiger Wissenschaft betreiben. Überhaupt ist die vielgerühmte „Kompetenz“ oder die ebenso oft angeführte „Doktorwürde“ bloß das Produkt von durch Schleimerei erkauftem Ansehen, nichts weiter. In einer Gesellschaft, in der Wissenschaft allgemein durch „WissenschaftlichKEIT“, also den Anschein von geistiger Anstrengung, der Karikatur von wissenschaftlichem Tun ersetzt wurde, ist jede diesbezügliche Diskussion nur noch ein Hohn auf die wenigen übrig gebliebenen Behirnten. Es gibt keinen Qualitätssprung durch Titel. Titel sind bloße Schlüssel für Türen, die man dem Großteil des Pöbels verschlossen hält; dafür sind die langwierigen Dissertations- und Habilitationsphasen institutionalisiert: um Selektion zu betreiben, Selektion im Sinne der herrschenden Eliten, Selektion darüber, wer dieser Gesellschaft nützlich ist und wer nicht. Guttenberg hat seine Nützlichkeit schon lange zur Genüge bewiesen, kann also voll und ganz auf einen solchen Titel pfeifen – was er ja nun auch konsequenterweise tut.
 
Walter Benjamin, der noch von jenem altmodischen Schlage war, einen zumindest im Ansatz Hegel’schen Begriff von Wissenschaft verwirklichen zu wollen, durfte sich in der Weimarer Republik damals nicht habilitieren, weil seine eingereichte Habilitationsschrift über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ zu viele eigenständige Gedanken, zuviel Theorie, zu wenig „zitierten“, also abgeschriebenen Blödsinn enthielt, zu „unorthodox“ war (heute hingegen parasitieren ganze Doktorandenstämme vom Inhalt allein dieser Schrift); bei Dissertationsverfahren ist sogar noch von einer weit nachdrücklicheren Verbrämung des Denkens auszugehen. Das sollte eigentlich alles über Titel und die sogenannte „Doktorwürde“ sagen: Sie ist die Würde der ideenlosen Idioten. Nirgendwo soviel wirres Geschwätz, soviel geistige Leere, so große Hirn-Ödnis und Denkfeindschaft wie beim Studententum und speziell den Doktoranwärtern in ihrer staatlichen Kampfbastion gegen den autonomen Geist, der Universität. Aber was soll mans ihnen vorwerfen, sie studieren nunmal, weil sie sonst nichts können; und natürlich kann auch ein Guttendepp nichts – er wäre sonst wohl kaum deutscher Minister.

Folglich ist er ganz zurecht immer noch da, wo er jetzt ist. Jeder Kommunist sollte begrüßen, dass die deutsche Bourgeoisie so offen zu ihren Verbrechen steht; es gibt keinen „besseren, glaubwürdigeren Verteidigungsminister“, weil es in bürgerlichen Staaten keine guten Minister geben KANN. Sie setzen die Interessen des Kapitals durch, und das tun sie gut, wie sie es tun – ob mit oder ohne Titeln. (Schrecklicher Verdacht: Sind Politiker etwa Lügner und Betrüger? Und werden sie etwa gerade deshalb vom Pöbel verehrt?) Einen Rücktritt zu fordern wäre also, wenn nicht bodenlose Dummheit, so doch pure Heuchelei, weil diese Forderung implizierte, dass durch den Rücktritt irgendeiner gut passenden Charaktermaske und dessen Austausch durch eine schlechter passende irgend etwas besser, gerechter, oder, ach herrje, „glaubwürdiger“ werden könnte.

Guttenberg zu verteidigen, seinen Verbleib in der Bundesregierung zu unterstützen, sollte also im Interesse eines jeden liegen, dem am Schaden der BRD und seiner Titel- und Würdenträger gelegen ist.

ordnungmusssein

Trotzdem wird momentan von allen möglichen (auch linken) Moral-Instrumentalisten Guttenbergs Rücktritt gefordert: Ordnung muss sein! – da sind sich Links- und Rechtsdeutschland, Bloggertum und SPD, Jutta Ditfurth und Arnulf Baring (letzte Woche gemeinsam bei Maischberger sitzend) einig; beiden ist es eine Herzensangelegenheit, die bürgerlich-akademische Ehre zu retten, weswegen der Freiherr doch bitte als Minister zurücktreten und irgendeinen Ex-CDU-Kassenwart den Rommel machen lassen möge, um dann drei Jahre später unbelastet und mit umso mehr „Glaubwürdigkeit“ CSU-Vorsitzender und daraufhin Bundeskanzler werden zu können. Na Prost.

prostguttenberg1
Schwerter zu Zapfhähnen: Pöbel, Guttenberg, Bierkrug

Eigenständigkeitserklärung:
Hiermit erkläre und versichere ich abstruserweise, dass ich den gesamten obigen Text vollkommen eigenständig und ohne Hilfe von Mami und Papi, mit korrekter Zitation und innerhalb von fünfzehn Minuten im volltrunkenen Zustand zusammengeschustert habe.

Mein Ehrenwort: Prof. Dr. Dr. Dr. Lyzis von und zu Welt

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12 Antworten auf “Warum Guttenberg bleiben kann, wo der Pfeffer wächst (also: in der Bundesregierung)”


  1. 1 JabJab 01. März 2011 um 13:32 Uhr

    Damit ist sie endgültig vergangen, die Illusion aus der Schulzeit, daß eine Doktorarbeit stets auch eine Forschungsarbeit ist. Bei naturwissenschaftlichen Arbeiten mag es noch so etwas geben, bei Rechts-, Sozial-, Politik-, oder Wirschaftswissenschaften bleibt es bei stumpfer und sinnentleerter Wortschieberei.

  2. 2 Stanislaw Hirschfeld 01. März 2011 um 14:00 Uhr

    Das ist ja völlig abstrus!

  3. 3 Väterchen Administrator 01. März 2011 um 14:38 Uhr

    Nachdem der Freiherr meinen offenen Brief zur Kenntnis genommen hat, ist er dann doch zurückgetreten – er wollte halt kein Steigbügelhalter der bolschewistischen Weltunterjochung sein, verständlich:

    „Guttenberg stürzt über Plagiatsaffäre
    vor 2 Std. 15 Min.

    Berlin (dpa) – Knapp zwei Wochen nach dem Beginn der Plagiatsaffäre ist Karl-Theodor zu Guttenberg als Verteidigungsminister zurückgetreten. «Wenn es auf dem Rücken der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll, kann ich dies nicht mehr verantworten», so der CSU-Politiker in Berlin.

    «Ich war immer bereit zu kämpfen. Aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.» Noch vor wenigen Wochen war Guttenberg als möglicher künftiger Kanzler oder CSU-Vorsitzender im Gespräch.

    Das Amt, die Bundeswehr, die Wissenschaft und auch die ihn tragenden Parteien drohten Schaden zu nehmen, sagte Guttenberg. Er kritisierte eine «enorme Wucht der medialen Betrachtung» seiner Person. Der Tod und die Verwundung von Soldaten rückten in den Hintergrund. Dies sei eine «dramatische Verschiebung».“

  4. 4 Hamburger 05. März 2011 um 19:09 Uhr

    Komisch, dass bei 600.000 Facebook-Fans gerademal 2.000 bundesweit auf die Straße gehen.

    Hier ein kleiner Bericht, ein Video und ein paar Fotos von der lustigen Demo in Hamburg: http://www.alster-blog.de/politik/demonstration/pro-guttenberg/

    Falls es interessiert ;)

  5. 5 Naturwissenschaftler 07. März 2011 um 14:50 Uhr

    Könnt ihr mal bitte aufhören die Wissenschaft mit eurem debilen Philosophengeschwätz in Verbindung zu bringen?

  6. 6 Geschichtswissenschaftler 11. März 2011 um 0:06 Uhr

    Kannst du mal bitte aufhören dein seniles kleinbürgerliches Naturideologengeschwätz mit so etwas wie Wissenschaft in Verbindung zu bringen? Natürlich ist Philosophie Wissenschaft (vgl. Einleitung Phänomenologie, Hegel), gerade weil sie nichts mit deiner vulgärwissenschaftlichen Bourgeoisie-Grütze über angebliche Naturvorgänge, – Dinge, und – prozesse zu schaffen hat, die dieser Tage ohne ihren Stoffwechselprozess mit der Gesellschaft, von der dir jeder Begriff absent ist, gar nicht verstanden werden können. Die Naturwissenschaften sind das Zeltheiligtum im Tempel staatlicher Enthirnungs – und Ideologieproduktionsanstalt.

  7. 7 Bahai 14. Juni 2011 um 18:19 Uhr

    das ist was für dich, vorallem die Kommentarspalte.
    http://lavache.blogsport.de/2011/06/13/der-mensch-von-morgen-schon-heute/

  8. 8 Detlef Mathes 25. November 2011 um 9:42 Uhr

    Aus Bayern kommt nur das Beste, z.B. Strauß,Stoiber Seehofer also kann sich auch Guttenberg in die Reihen der korrupten und Karrieregeilen Politiker einreihen, die wahrscheinlich alle einen gewissen Klebstoff am Hintern haben. Wer überhaupt noch wählen geht, gehört bestraft.

  1. 1 Der Radikal-IndividualistAnmerkungen zur Causa Guttenberg » Der Radikal-Individualist Pingback am 02. März 2011 um 16:45 Uhr
  2. 2 guttenberg ist copyriot « meta . ©® . com Pingback am 03. März 2011 um 14:23 Uhr
  3. 3 Über das Elend im Universitätsmilieu « athene noctua Pingback am 09. März 2011 um 19:40 Uhr
  4. 4 xenia von sachsen – die prinzessin von prenzlauer berg « wider die totalverblödung Pingback am 12. April 2011 um 10:25 Uhr

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