Piraterie am Parnassos: Bartels, der Abschreiber

Am 28.03.2015 hat der kritische Theoretiker und Blogger Felix Bartels im Kulturteil der Tageszeitung „Neues Deutschland“ einen Artikel zur Autorschaft in Zeiten des Internets veröffentlicht, den ich als in weiten Teilen von meinem fünf Jahre alten Text „Der Autor heute“ übernommen, also abgeschrieben einstufen muss. Bartels, der seit geraumer Zeit nachweislich Leser (und Kommentierender) meiner Webseite ist, übernimmt nicht nur haargenau das spezifische Thema (traditioneller Autor versus Web-Existenz), sondern auch nahezu jeden einzelnen Abschnitt meines Textes. Er hat diesen lediglich schlechter formuliert und verkürzt, also in ein plattes Feuilletonisten-Deutsch übersetzt, sowie um den Marxismus meines Originals erleichtert. Dem Textsinn nach handelt es sich um ein Plagiat, und zwar bis hinein in die Textstruktur, den inhaltlichen Aufbau und den Schluss, zu dem ich gekommen bin.

Ich gebe dafür im folgenden ein paar offensichtliche Beispiel-Passagen aus unseren beiden Artikeln:

1.

Bartels: „Die eigentliche Aufgabe des Lektors war nie, gute Literatur zu erkennen, sondern schlechte zu verhindern. Er musste dazu nicht das Klassische vom Zeitgenössischen scheiden können und auch nicht zwingend Fachurteil und Urteil des Geschmacks auseinanderhalten.

Lyzis: „Verlag, Lektor, Agent, Redakteur waren nicht nur wunderbare Zensurinstanzen, die die Veröffentlichung von wirklich guten Werken meist zuverlässig vereitelt und das heutzutage alles durchseuchende orientierungslose Bloggerschwätz verhindert haben, indem sie wiederum das Schriftstellergeschwafel direkt auf von niemandem gelesene Buchseiten drucken ließen…“

2.

Bartels: „Was den Selfpublisher indes vom traditionellen Autor unterscheidet, ist, dass er noch näher an diese Äußerlichkeiten gerückt ist. Er ist nicht bloß Autor, sondern auch Verlag, nicht bloß freier Produzent, auch Unternehmer. Das Marketing, das Netzwerken, die Pressekontakte, Kundenpflege usf. übernimmt er selbst. Er wird noch mehr Betrieb als ohnehin schon, wird mutmaßlich bestechlicher, beginnt stärker über Wirkungen und Gefälligkeit nachzudenken, als seinem Werk zuträglich sein kann.“

Lyzis: „… strebt einen Autor an, der nicht mehr schreibt, sondern den Müll, der eh überall herum liegt, kopiert, also die Scheiße verdoppelt und die Tätigkeit des Kapitalisten nachahmt – seine objektive Funktion im gesellschaftlichen Produktionsprozess ist die Ausbeutung des produzierenden Autors.“

3.

Bartels: „Die Polarität Verleger – Autor zu vermitteln, ist das Unmögliche in dem Vorgang. Der Verleger ist nicht denkbar ohne eine gewisse Grandezza; er ist jovial, umspannend, nach allen Seiten gewandt. Seine Tätigkeit ist die Vermittlung. Er muss so sein, denn er ist nicht der kreative Teil im Gespann“

Lyzis: „Ignoriert man die Deppen, wird man wiederum von den Deppen ignoriert, und somit – da die Deppen aufgrund ihres Mangels an wirklichen Fähigkeiten ja innerhalb der kapitalistischen Arbeitsteilung für die Verbreitung, Multiplikation und Popularisierung von Material zuständig sind, das sie selber nicht begriffen haben – auch vom Rest der Öffentlichkeit.“

4.

Bartels: „Aber der Selfpublisher, der Erfolg haben will, wird genau das tun. Er wird sich herzeigen, noch vor seinem Werk, und kontinuierlich das Profil des Aufsteigers herausstellen, dem keiner was geschenkt hat, der aber nicht jammert und dennoch irgendwie Mensch geblieben ist. Er wird gefällige Statusmeldungen auf Facebook absetzen, in denen steht, dass er die Arroganz intellektueller Eliten verabscheut, den demokratischen Rechtsstaat liebt, sich über deutsche WM-Siege freut und auch zum ESC eine Meinung hat. Er wird intensiv mit der Leserschaft kommunizieren und professionelle Photos machen lassen, auf denen er nachdenklich einen Stift hält oder neckisch hinter einer Spiegelwand hervorguckt.“

Lyzis:

a.) „… ist der Autor (…) durch nicht-produzierende, kleinbürgerliche Vermittler und Dirigenten schon vorhandener Materialien und bloße halbbewusste, mit Ressentimentpopel zusammengeklebte und aneinandergematschte Verfestigung von Infrastruktur-Erweiterungen, also durch Fotos weitergebende und Tagebuchmüll-Blogger, -Twitterer und Internetpampe aufbackende sonstige digitale Nuscheler und Schrift-Freiräuber (…) ersetzt worden.

b.) „Der bloße Material-Sammler, -Verwurster und -Publizierende ist der Blinddarm des Produktionsprozesses und entwicklungsgeschichtlich ungefähr auf dem Stand einer Biene; er übernimmt zudem auch noch freiwillig die schändliche Drecksarbeit des dümmsten Standes der Gesellschaft, nämlich des Journalisten, dessen Job ja schon von je her die bloße ohnmächtige, chaotische, entkontextualisierende Ansammelei und Verbreitung von rein Zufälligem war.“

5.

Bartels: „Er wird mit einem Wort ein Autor zum Anfassen und nicht begreifen, dass mit der Auslagerung dieser Albernheiten an einen geschäftigen Verlag sein Ich würde gestärkt sein.“

Lyzis:

a.) „Vor einem Autor unter Verlags- und Apparats-Schutz hatte man wenigstens einen Rest von Achtung (man belästigte ihn höchstens auf Lesungen)…“

b.) „Verlag, Lektor, Agent, Redakteur waren nicht nur wunderbare Zensurinstanzen, die die Veröffentlichung von wirklich guten Werken meist zuverlässig vereitelt und das heutzutage alles durchseuchende orientierungslose Bloggerschwätz verhindert haben, indem sie wiederum das Schriftstellergeschwafel direkt auf von niemandem gelesene Buchseiten drucken ließen, sondern vor allem prima Bollwerke gegen das Scheißgesindel selbsternannter Anhänger, die bislang jedem auch noch so selbstsicheren Autor die Schamesröte ins Gesicht getrieben haben.“

6.

Bartels: „Und wie schon im Falle Bitterfeld ist dieses Missverhältnis dazu angetan, nicht bloß den Laien zum Schriftsteller, sondern auch den professionellen Schriftsteller laienhafter zu machen, so dass beide allmählich in der Idee des Autoren von heute konvergieren.“

Lyzis: „Wurde der Autor früher, bevor er durch Agenten von Subjektvernichtungsorganisationen wie den Poststrukturalisten zu „Tode“ (Roland Barthes) geschrieben wurde, zumindest noch von einigen wenigen klugen Leuten als PRODUZENT, also schaffendes Subjekt gesetzt und begriffen, welches allein schon aufgrund dieses Umstands zur produzierenden, also proletarischen Klasse zu zählen sei, ist er heute stattdessen endgültig durch lediglich distributive, verwaltende, konsumierende Funktionen einnehmende „Beitragsschreiber“…“

***

Man kann als jemand, der auf eigene Rechnung schreibt und sich diese nicht von irgendeiner Redaktion bezahlen lässt, heutzutage nur erwarten, entweder unbeachtet zu bleiben oder plagiiert zu werden. Dazwischen scheint es nichts zu geben.

Sollte man beim ND allerdings wider Erwarten doch noch dem hehren Ideal eines seriösen Journalismus anhängen und Urheberschaften respektieren, wäre von Bartels und der Zeitung nun zumindest zu erwarten, dass sie auf ihren Web- bzw. Zeitungsseiten eine Richtigstellung mit nachträglichem Quellenverweis auf meinen Original-Text veröffentlichen.

Die Ironie dieser Causa ist aber noch eine ganz andere. Passend zum Gegenstand geht Beitragsschreiber Bartels hin und beutet mich, also den produzierenden Autor aus, ganz genau wie in meinem Aufsätzchen beschrieben. Da ist ihm schon ein postmodern-diabolisches Meisterstück gelungen, gleichzeitig nicht nur meine Gedanken zu übernehmen, sondern auch noch mit schlechtem Beispiel voranzugehen und genau das, was mein Text als so schändlich herausstellt, selbst ZU PRAKTIZIEREN. Er hat mich also voll und ganz verstanden. Glückwunsch!

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2 Antworten auf “Piraterie am Parnassos: Bartels, der Abschreiber”


  1. 1 Seeliger 13. Mai 2015 um 9:26 Uhr

    Haha, du nd-Opfer!

  2. 2 Väterchen Administrator 13. Mai 2015 um 19:06 Uhr

    Halt’s Maul, zukünftiges Stasi-Opfer.

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