Der Nobelpreis, Peter Handke & seine Kritiker

Man sollte, wenn man an irgendeiner Einsicht interessiert ist, die über die medialen Verkündigungen zum Nobelpreisträger und dessen Legitimität hinausgeht, Peter Handke nicht einfach als Literaten sehen, sondern muss ihn als Projektionsfläche auffassen, zu der er sich – sozusagen als Künstlerexistenz, als „öffentliche Figur“ – ja bereitwillig macht, als eine Instanz, die aus den Leuten ihre Ressentiments hervorlockt. (Und das ist es ja, worauf das gesellschaftliche System Literatur hinauswill: keine ernstzunehmenden Haltungen gar politischer Art aufzuzeigen, sondern Narren in einem Kindergarten vorzuführen, denen man, quasi als sozialarbeiterische Hilfestellung, staatlich betreutem Schreiben, dann irgendwelche Preise verleiht, um sie in ihrem jeweiligen Wahn zu bestätigen (also ruhigzustellen), damit auch bloß niemals irgendetwas von ihren Inhalten, sofern solche überhaupt noch vorhanden sein sollten, das Licht der wirklichen Welt erblickt).
Wenn also in den letzten Tagen über – also vor allem gegen – Handke, etwa bei Saša Stanišić oder taz-Schreibern die Rede war, dann waren das meistens Verlautbarungen aus dem gemütlichen (links-oder rechts-) liberalen Moralkitsch-Nest. Das eigene seelische oder moralische Unwohlsein (also die Verletzung der je subkjektiven bubble-Ethik) wurde in Worte gekleidet, statt zu einem Urteil in der Sache zu kommen, welches natürlich, soll es von Belang sein, Handke eben nicht als irgendeinen Akteur unter vielen anderen „Meinungsmenschen“ betrachten dürfte, sondern ihn als das sehen müsste, was er wirklich ist, wozu er sich als Mensch letztlich gemacht hat: ein Kunstwerk, einen Artisten im Medienzirkus.
Handkes Kritikern ist es völlig einerlei, was er wirklich gesagt hat, was seine tatsächliche Haltung ist, ob sie nach den Prinzipien von Provokation in demokratischen, also von der Bourgeosie und ihrem „Volkswillen“ zugerichteten Öffentlichkeiten funktioniert (kurze Erinnerung an Böhmermanns Erdogan-“Gedicht“, „Satire“-Geblödel usw.) – und das weiss Handke, und er wusste das schon in den 90ern. Seine Kritiker beachten nicht, was Handke geschrieben, gesagt und gewollt hat, es geht diesen bosnischen und anderen liberalen Nationalisten, die sich jetzt in linken Zeitungen völlig gehen lassen dürfen, darum, ihre eigene politische Agenda (Nato- und EU-Propaganda) zu befeuern, und da kommt ihnen die durchs Dorf getriebene Nobelpreis-Sau gerade recht: es wird da immer auf die Populärsten eingedroschen, um was von der allgemeinen Aufmerksamkeit abzubekommen. Das ist das Prinzip der öffentlichen Solidarität, wie man es seit geraumer Zeit (spätestens seit dem Fall der Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der Gemeinschaft staatlicher Sittlichkeit) kennt: Werbung in eigener Sache unterm Deckmantel staatsbürgerlichen Engagements.
Es sind das größtenteils Anhänger einer rot-grünen Politik, die damals Nato- Angriffskriege nicht bloß verteidigt, sondern selbst durchgeführt hat. (Die halbe politisch engagierte deutsche Schriftsteller Riege – von Sascha Lobo über Sophie Passmann bis Juli Zeh – ist ja bei der SPD.)
Und natürlich ist der Nobelpreis immer eine Würdigung des Mittelmaßes, also der literarischen Auswüchse der Mitte einer Gesellschaft, der Preis soll, jährlich aktualisiert, eine Art Platzhalter des idealen Gesamtliteraten darstellen, da muss schon immer auch eine ordentliche Portion Durchschnittlichkeit, also Bourgeoisie-verträgliches Provokationsgerumpel und Halbradikalität wie bei Handke vorhanden sein, damit ein Autor geehrt wird. Letztlich klopft sich da die liberale westliche Gesellschaft bloß selbst auf die Schulter, weshalb auch immer schön auf den entsprechenden Anteil an Frauen, Dissidenten, Afrikanern und Linken geachtet wird – Motto: „der Liberalismus tut für alle was, seht her, wir zeichnen Juden Frauen Unterdrückte Kommunistinnen aus, Aktion Sorgenkind international, Welthungerhilfe für den armen darbenden Poeten, Suizidprävention für Künstler“; Literaturpreise als Ruhigstellung des eigenen schlechten Gewissens usw.
Und natürlich ist sowas immer auch Ausdruck der Zustände einer jeweiligen Zeit: Obama hat ja im Ernst den Friedensnobelpreis bekommen und Winston Churchill den Literaturnobelpreis.
So kommt dann auch ein literarischer „Joker“, also ein Clown, ein Wilder, ein Anarchist wie Handke diesem Betrieb immer gelegener als z.B. ein aufrichtiger Klassiker. Man stelle sich vor, was los gewesen wäre, hätte man zu dessen Lebzeiten einem Peter Hacks die Öffentlichkeit und Achtung eines Nobelpreisträgers gegönnt.
Sowas ist dem liberalen Rechtsstaat dann auch wieder zuviel des guten. Die Bourgeoisie will ihre Literaten schon wütend und leidend und kritisch, chaotisch, wild und planlos geifernd, aber bitte nicht konsequent und kämpfend oder gar bolschewistisch.
Karl Eduard von Schnitzler sollte posthum Pulitzer-, Büchner- und Nobelpreis (Frieden und Literatur) bekommen. Dann wäre der ganze Quatsch ernst zu nehmen. Bis dahin ist es nur möglich, diesen Zirkus aus Preisverleihern und Kritikern als Ausdruck eines inoffiziellen postmodernen Performance-Kollektivs zu verstehen, dem mal wieder ganz provokativ zumute ist und eben Befindlichkeiten aus der Öffentlichkeit in die Öffentlichkeit rotzt.

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