Archiv für November 2019

Buch: Kommunismus für Erwachsene

Mein Buch „Kommunismus für Erwachsene“ hat 272 Seiten, kostet 15€ und erscheint nächste Woche bei Das Neue Berlin in der Eulenspiegel-Verlagsgruppe.

Es ist bereits jetzt auf der Verlagsseite, bei amazon und über jede Buchhandlung vorbestellbar und wird dann ab Freitag, 8. November ausgeliefert.

Ich biete außerdem hier eine direkte Bestelloption (15€ plus 3€ Versandkosten, Zahlung per Paypal) für alle an, die ein von mir signiertes Exemplar mit persönlicher Widmung und Promo-Buttons haben wollen.

kombuch

ÜBER DAS BUCH:
Once upon a time in der deutschen Linken: Kapitalismuskritik ist inzwischen allgegenwärtig und zugelassene Folklore – auf dem Campus wie in Talkshows. Mit den ursprünglichen Zielen von Marx und Engels hat sie allerdings nichts mehr zu tun. Denn irgendwann stellten sich Bewegungen und Einzelakteure, die einmal die kommunistische Revolution wollten, in den Dienst des Liberalismus und seiner, wie es heute heißt, „Narrative“, also Ideologie. Unter dem Vorwand, die kapitalistische Gesellschaft radikal zu kritisieren, sind Linke dazu übergegangen, die bürgerliche Ideologie zu festigen. Das geschieht u.a. mittels konsequenter Antidialektik. Das Buch kommt zu dem Schluss: Was sich heute als Emanzipation, undogmatischer Marxismus, antiautoritäre Linke oder Wert- und Ideologiekritik bezeichnet, hat zum Kommunismus kein Verhältnis mehr, das über naive Parolen und begriffsloses Herummäkeln an Nebensächlichkeiten hinausgeht.

Die erste Rezension hat der Genosse Robespierrismus geschrieben.

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JOKER (2019) von Todd Phillips

Jemand meinte, er fand den Film deswegen gut, weil der Alltag darin ausnahmsweise einmal aus der Perspektive der Armen, der Verlierer der Gesellschaft gezeigt werde, die sich gegen die Reichen, die arroganten Gewinnertypen, die Erfolgs-Arschlöcher wenden. Genau das Gegenteil ist der Fall:
Der Joker wird so dargestellt, wie sich der Großbürger, der liberale Fan von gemäßigter Umverteilung, von Charity und staatlicher Aufsicht über „asoziale Elemente“ ein Opfer ihrer Gesellschaft, einen Verrückten vorstellt. Der Joker wird als Bedrohung gezeigt, in ihm lauert die Gefahr für die Reichen; deshalb handelt es sich bei der Erzählperspektive in diesem Film um die Perspektive des sozialdemokratischen Bourgeois, der seine Mitwelt vor der Rache der Verlierer in der von ihm verteidigten Gesellschaft warnen will.

Denn wenn, so das Credo, der Verlierer zuviel verliert, verliert auch der Reiche – zum Beispiel sein Leben. Deshalb stellt sich der Film selbstlos in den Dienst der cineastischen Sozialarbeit: vor den Gefahren, die vom Pöbel ausgehen, wird gewarnt; die gesamte Joker-Existenz wird lediglich als unerfreulich wahrgenommen, als ein hässlicher Schandfleck – von anderen, wie von ihm selbst. Die Mitglieder der herrschenden Klasse im Kapitalismus, das zeigt sich hier entschieden, können bzw. wollen sich den Kampf gegen ihr System immer nur als unreflektierte, aus Gefühlschaos resultierende Anarcho-Revolte von Kranken oder gewaltgeilen Irren vorstellen, als eine von hirnlosen Gaunern, die ohne Plan auf einzelne Kapitalisten – oder Menschen, die sie für solche halten – losgehen, statt als geschulte Kommunisten die saubere Gesamt-Exekution der bürgerlichen Gesellschaft zu planen und durchzuführen. (Deshalb bekommen ja auch Leute wie Handke und Jelinek den Nobelpreis: zornige Spinner und vor Feinfühligkeit fast zerfallende Poetinnen, denen man anmerkt, dass ihre politischen Äußerungen ein Pfeifen im Keller sind und dass ihre Phantasien, wie ausgeklügelt sie auch sein mögen, niemals Politik werden können. Man belohnt und belobigt die „radikalen Querdenker“, die Künstler, die der Gesellschaft – jetzt aber mal so richtig – den Spiegel vorhallten nur zu gerne, weil sie und ihre Kunst immer auf sehr angenehme Weise ohne Konsequenzen bleiben.)

Aber die Ideologie des Erfolgs, die Arroganz der Gewinnertypen, gegen die sich der Joker bzw. der Film angeblich wendet, drückt sich selbst noch aus in der Konzeption des Films als Zerrbild des bürgerlichen Opportunismus, als – negative – „Karriere“: der Joker darf nicht einfach auf dem Sofa vor dem Fernseher dahindümpeln, nein, er muss unbedingt ganz unten ankommen, sich immer weiter in den Schwachsinn flüchten, damit wir, die verblödeten Zuschauer, die das soziale Allheilmittel und die Katharsis ausgerechnet im Popcornkino erwarten, endlich kapieren, wie schlimm es steht mit den Ausgegrenzten. Aber das wissen wir längst.
Trotzdem muss der Joker dieses Films unbedingt das Role Model abgeben für die Loser und Kranken, für die Ausgestoßenen und Unbefriedigten; das ist seine Motivation, sein einziger Antrieb. Er selbst sieht sich in seinen einsamen Tagträumereien als großes Talent, als Heiland der darbenden, verarschten Massen, als verkanntes Comedy-Genie, als Anstachler der Revoltenwoller. Aber warum überhaupt? Man erfährt es nicht. Millionen Menschen erleiden das Schicksal des Jokers (und schlimmere) und gehen trotzdem nicht auf Passanten los. Dieses Role Model ist konzipiert von genau jener Ideologie, die eben ansonsten dazu da ist, das Krankmachende, das Gewinner und Verlierer hervorbringende Konkurrenzsystem, den Schwachsinn, die Verarschung der Massen, die ungehemmte Produktion von Jokers, das Leid von Millionen in der liberalen Gesellschaft zu rechtfertigen.

Natürlich bietet der Film die 1 zu 1 Identifikation für die „Unverstandenen“, die Gamer und Anarcho-Teens, aber das ist der Trick, denn er tut das so schlecht wie möglich: er will jugendliche Unzufriedenheit in gesellschaftlich irrelevante Amok-Phantasien kanalisieren. Aber Menschen, die diese Gesellschaft mit bestem Wissen und Gewissen hassen, sind nicht einfach Kranke und Wahnsinnige, sondern vernünftig und deshalb Kommunisten und keine Clowns. Der Amok-Depp, der wirkungslos um sich wütende Terrorist, dass ist schon immer die bourgeoise Idealvorstellung vom „Kampf gegens System“ gewesen: Der Kapitalistenklasse sind 1000 Jokers lieber als ein Lenin.

Jokers Hass nämlich bekommt nicht die Gelegenheit, als richtig bestätigt zu werden; seine Gewalt kann sich nicht legitimieren, weil ihm der institutionelle Rückhalt – also etwa eine den Generalstreik organisierende revolutionäre Gewerkschaft, eine Kommunistische Partei im Aufstieg oder gar an der Macht – fehlt, und muss deshalb in eine die Ohnmacht und den Irrsinn nur noch verstärkende, den niedrigsten Bedürfnissen nachgebende, völlig subjektivistische Impulsivität münden, also im anarchistischen Komplett-Elend.
Die Geschichte des Jokers ist ein Bildunsgroman, aber ohne Bildung; ein Entwicklungsroman der Rückentwicklung. In einer (natürlich nicht existenten) alternativen Version des Films lässt Joker sich in der U-Bahn nicht provozieren, nimmt den Packen auf sich, erkennt die Realität, sieht ein, wird also vernünftig – und setzt sich, statt zum lahmen Epigonen von Leatherface herunterzukommen, an den Schreibtisch, um ein Buch mit dem Titel „Kommunismus für Erwachsene“ zu schreiben oder fängt als Kulturredakteur bei der FAZ an, wo er bolschewistische Artikel veröffentlicht.

Die schnöde Version aber, die derzeit in den Kinos läuft ist Gregor Gysis erhobener Zeigefinger als Film; ein zweistündiges „Denkt mal an die Kinder, Armen, Schwachen, Kranken“; eine Verständnissinnigkeit mit den Mitteln des Splatters; ein schlechtes Teenie-Meme auf zwei Stunden aufgebläht; Terminator 3 in blöd; Appell statt Kunst; Fight Club für Doofe.
Der Film bebildert lediglich die Sorgen der herrschenden Klasse: „Seht, was passiert wenn ihr Kranke mies behandelt und den städtischen Sozial-Etat kürzt: Chaos bricht aus und wir müssen dann wieder Charity machen. Batman, eile zur Hülf!“.
Die liberale Elite des Showgeschäfts klopft sich mit diesem Film auf die eigene Schulter, verleiht diesem Rotz den Goldenen Löwen in Venedig und dünkt sich dabei wohl noch rebellisch oder gar revolutionär.
Joker aber, das ist der Weltdepp zu U-Bahn. Er ist Andreas Baader, seine Clowntruppe die RAF, und Thomas Wayne Hans-Martin Schleyer (dessen Sohn, Batman, dann später Robert Habeck, das personifizierte schlechte Gewissen der Bourgeoisie, wird).

Die Vorlage war vielverprechend – was ein fähiger Resgisseur wie David Fincher daraus hätte machen können, lässt sich erahnen, wenn man an Fight Club denkt. Die Ausgangssituation der Story hat Potenzial, aber dieser Film setzt seine Idee ästhetisch miserabel um. Wer Protagonisten sehen will, die es richtig machen, die ihren völlig gerechtfertigten Hass auf die Gesellschaft auf gekonnte Weise, also produktiv einsetzen, dem seien die grandiosen bolschewistischen Meisterwerke „Now You See Me – Die Unfassbaren“ von Louis Leterrier und natürlich David Finchers „Verblendung“ empfohlen. In denen geht es darum, was Disziplin und Arbeit erwirken können, wenn sie richtig, nämlich zum sittlichen Zweck betrieben werden.

Joker. Regie: Todd Phillips. Mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz. 122 Minuten; im Kino seit 10.10. 2019.

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