Archiv der Kategorie 'Allgemein'

Social Media Menschen

Goethe wäre wohl, zumindest wenn man Hacks („Unter den Medien schweigen die Musen“, 1989/90) in seinem Urteil folgte, einem Medium wie Facebook ziemlich gewogen gewesen: er hätte es betrachtet als eine Art Einrichtung zur Förderung von Talenten, also solcher Unfähiger, nach denen der Markt verlangt. Dieses Medium eignet sich hervorragend für die heutigen Gottlieb Hillers. Hier sind sie beiseite geschafft und damit an ihrem Platze, der Bubble. Diese können sie hier ein Leben lang als Öffentlichkeit missverstehen und müssen sich über nichts mehr wundern. Die Wirklichkeit brauchen sie so nur noch als Außenwelt wahrnehmen, die sich qua falscher Meinungen für ihren Verein der richtig Meinenden disqualifiziert hat. Hier ist es ihnen gestattet, ihren inneren Konflikt, den der Unfähigkeit zur Entscheidung zwischen Ernst und Spiel, als einen politischen auszugeben. Hier können sie immer am „Puls der Zeit“ sein, nur halt ca. 2-5 Jahre später als die Irren auf Twitter. Bei Facebook ist ihnen erlaubt, ihr Nichtkönnen den noch minderbemittelteren Social-Media-Soziopathen als Besserwisser-Geste zu verkaufen. Nur in einem solchen Umfeld kann der Philologe als Geistesmensch erscheinen, der Stubenhocker als Revolutionär, der Feuilletonist als Denker und der Satiriker als Marxist. Niemand ist anwesend, vor dem einem noch irgend etwas peinlich sein kann, denn Lächerlichkeit verbindet sie alle und der Vernünftige hält sich heraus aus dem Vorwürfe-Pingpong und den digitalen Fahnen-Wedeleien, die hier als Diskussionen gelten.
Natürlich handelt sich es bei Usern um Kunden, und zwar um solche von Medien-Großkonzernen, die ihrer Kunden-Unzufriedenheit mit der Ware „soziales Netzwerk“ und ihren angeschlossenen Produkten (miteinander konkurrierende Zeitgeist-Figuren, Zeitungsartikel, Images, Ideologien, Empörungsformen usw) freien Lauf lassen. Es tummeln sich hier also nahezu ausschließlich passive Bewusstseine, Konsumenten, die ihre Konsum-Erfahrungen (von z.B. Filmen, Büchern, Philosophien) ins Netz posten und damit automatisch gegen den Produzenten gestellt sind. Sicherlich produziert man selbst ja auch etwas, wenn auch bloß Abfall. Der Sprachmüllberg will gefüttert werden und man tut solche Dienste gern und unentgeltlich.
„Nicht wenige glauben, der H. M. [Medienmensch] vergieße in seiner Werkstatt blutigen Schweiß, und sein Leben sei aber angefüllt mit Prunk und Herrlichkeit. Es verhält sich umgekehrt. Müßiggänger ist der H. M. nur als Künstler. Als Künstler ist er faul und überproduktiv, er erzeugt der Menge nach viel und das nach eigenem arbeitsscheuen Dünken. Als Mensch hingegen hat er mächtig zu tun. Er lebt dann nämlich das Leben eines hauptamtlichen Adabei. Sein gesamtes Privatleben ist ein Berufsleben: ein Leben für die Berichterstattung.“ (Hacks)
Goethe, sagt Hacks, kannte noch keine Medien, in denen Leute wie Hiller ihre Wirkungsstätte hätten finden können. Hacks aber kannte – zu seinem Glück – noch keine „sozialen Medien“, in denen diese zur Gänze in ihrem Element sind. Diese neuen Hillers also flechten ganz emsig ihre Vogelnester in den Kommentarspalten, „flechtend ersann ich meine nächste Kolumne“. Schon bald werden wir nichts mehr von ihnen hören. Aber das ist uns egal, denn wir hatten ihre Namen schon vorher vergessen.

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Hegel und die Doofen

Hegel eignet sich für so vieles gute, schöne und richtige: zum Beispiel dazu, um Idioten zu widerlegen oder die Kategorie der Wahrheit gegen die Meinungen des Diskursmülls ins Recht zu setzen und den Stümpern und Dilletanten zu zeigen, dass es verbindliche Maßstäbe gibt, mit denen die Welt vernünftig erkannt werden kann. Leider eignet sich Hegel gerade heute auch für vieles schlechte, unschöne, falsche: z.B. dazu, um tolle Hegel-Experten-Kenntnisse zur Schau zu stellen oder sich etwa auch noch mit den zu widerlegenden Feinden der Vernunft zum Plaudern in irgendwelchen Medien des Meinungswahns einzufinden. „Hegel to go“ darf deshalb gerne auch verstanden werden als eine Art Buch gewordener kleiner Gedenkstein gegen die Hegel-Interpretations-Industrie und gleichzeitig Nachweis ihrer Überflüssigkeit: dieses Büchlein zeigt, dass es tatsächlich nicht noch die siebzehnmillionste Hegel-Erläuterung braucht, sondern dass schon ein paar hundert Zitate reichen, um deutlich zu machen, dass man die Wahrheit – die selbstverständlich kein Ding im Besitz einer Person sein kann, sondern immer nur im Verhältnis zu bestimmen geht, und auf die Hegel lediglich hinweist – selbst zu ERFAHREN hat, um nicht nur ÜBER die hegelsche Philosophie, äußerlich angeeignet, plappern zu können, sondern sie anzuwenden weiß im Klassenkampf. (Das wäre dann „Verwirklichung“: praktisch gewordene Erkenntnis. Aber um etwas in die Welt setzen zu können, muss man es vorher in sich haben.) Schöne Exempel für das Gegenteil erbringen derweil jene, die dazu nicht imstande sind täglich, indem sie Hegel im Munde führen, weil sie ihn nicht im Schilde zu führen vermögen: also jene tragischen Existenzen, die deutsch schreiben könnten – oder zumindest wollen –, aber lieber journalistisch schreiben.
In dem Selbst-Erfahren-müssen der Wahrheit (durch reales Handeln), auf die Hegel hinweist, liegt die Pointe des Witzes, den der Budenzauber der Fachphilosophie und ihres Instrumentariums von Philologie und Jargon nicht verstehen kann: Hegel heute zu verstehen, bedeutet eben, sein eigenes Nichterfahrenes und Unbegriffenes zu verstehen. Deshalb ist es für die meisten so schwer, Hegel wirklich zu begreifen: die eigene Moral, die eigene Identität und andere Sicherheiten und Bestimmtheiten sind es, die einen daran hindern.
Für Hegel zeichnet sich das ungebildete, das noch nicht es selbst gewordene Bewusstsein dadurch aus, dass „das negative Wesen ihm ein äußerliches geblieben, seine Substanz […] von ihm nicht durch und durch angesteckt“ worden ist: „Indem nicht alle Erfüllungen seines natürlichen Bewußtseins wankend geworden, gehört es an sich noch bestimmtem Sein an; der eigne Sinn ist Eigensinn, eine Freiheit, welche noch innerhalb der Knechtschaft stehenbleibt.“ (PhG, Suhrkamp-Werkausgabe Band 3, S.155)
Es ist daher dem einen ein leichtes, und dem anderen so schwer, Hegels Philosophie zu begreifen: Auf bloßes Denkvermögen, will Hegel sagen, kommt es nicht an, sondern es geht um eine existenzielle Entscheidung: wer zu leben gewohnt ist in den Gefilden des Wirklichen, welche einzig die Wahrheit hervorzubringen imstande sind, und also „das negative Wesen“ durchdrungen hat, wird keine Schwierigkeiten beim Verständnis haben. Wer kein Knecht ist, dem wird Hegel kein Rätsel bleiben. (Deshalb auch konnten Marx, Engels und Lenin Hegel begreifen.)
In seinem Urteil über die Tatsachen MIT diesen Tatsachen übereinzustimmen, d.h.: zu sagen, was SACHE ist, also die Wahrheit über die Wirklichkeit ins Bewusstsein zu rücken, bedeutet, nicht zu heucheln. Wer aber schon das Urteil gefällt hat, bevor er mit der Wirklichkeit einer Sache in begriffliche Auseinandersetzung getreten ist, wer also moralische oder ideologische Werte auf die Tatsachen projiziert und diese seine subjektiven Werte als solche der Tatsachen selbst ausgibt, betätigt sich als Heuchler, weil er vorgibt, seine (moralischen, ideologischen) Werte seien bereits solche der schnöden Wirklichkeit, der elenden Verhältnisse. Wessen Geschäft die Heuchelei ist, kann also kein Hegelianer sein.
„Auch in unserer Zeit findet es mehr oder weniger statt, daß die Ehrfurcht vor dem Bestehenden nicht mehr vorhanden ist und daß der Mensch das Geltende als seinen Willen, als das von ihm Anerkannte haben will.“ (Hegel, Rechtsphilosophie §138, Zusatz)
Nur ist es heute sehr schwierig, vor allem Linken, die sich auf Kriegsfuß mit „dem Bestehenden“ befinden, begreiflich zu machen, dass das adäquate – d.h.: nicht-ideologische, nicht-moralische, also: objektive – Beschreiben dieses Bestehenden der erste und vor allem notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Schritt dahin ist, die Tatsachen innerhalb des Bestehenden zu etwas besserem aufzuheben. Heutige Vulgär-Idealisten, linke zumal, die schon der Kategorie der Wirklichkeit – also des Bestehenden – als solcher feindlich gesinnt sind, denken, es ließen sich die Tatsachen ändern, indem man sich von einem eingebildeten Standpunkt außerhalb des „Bestehenden“ um sie herummogelt und jene dann, durch bloße Kraft des Gedankens, wegzaubert. Diese Leute sind aber, genauso wie alle anderen, TEIL dieses Bestehenden. Sie mögen das bedauern, aber auch sie existieren in dieser Welt. Sicher, es mag für die völlig in sich gekehrte Schöne Seele (heutige Bezeichnungen dafür sind etwa: „Intellektueller“, „Kritiker“ usw.) so scheinen, dass sie gar nicht Teil dieser einzig vorhandenen Realität des einzig vorhandenen Bestehenden ist (vgl. „Phase 2 – Zeitschrift gegen die Realität“), weil sie vielleicht glaubt, es gebe später im Himmel einmal Bonuspunkte für nicht vollzogene Handlungen, nicht gelebtes Leben, nicht gekämpfte Kämpfe usw. Aber letztlich leben auch sie in dieser Welt und müssen in dieser Welt handeln, wenn sie denn handeln wollen. Das wird ihnen dann schnell zuviel: entweder sie handeln nicht oder sie täuschen sich selbst über die Grundlagen dieses Handelns, romantisieren sich also die Wirklichkeit als eine zurecht, die nach ihren Maßstäben funktioniere und nicht nach objektiven. Im Auge solcher Betrachter ist dann jeder, der nicht seine vorgefassten moralischen, ideologischen Werte auf das Bestehende projiziert, jeder also, der nicht heuchelt – d.h. die bürgerlichen Verhältnisse schönlügt – schon Vulgärmaterialist oder reaktionär. Eine Linke, aber, die mit der Wirklichkeit auf Kriegsfuß steht, weil sie lieber bereits VOR deren Kenntnisnahme schonmal Werte predigt, an welche sich die Wirklichkeit gefälligst zu halten habe, kann niemals vernünftig sein. Das könnte sie von Hegel lernen, wenn sie ihn denn läse.

(Aus dem Vorwort zur chinesischen Ausgabe von Hegel to go)

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Nachholtermine der Lesungen vom Frühjahr

Die momentane Lage erlaubt es, im kleinen Rahmen wieder Lesungen zu veranstalten, so dass es jetzt erstmal die für den Frühling geplanten zu „Kommunismus für Erwachsene“ nachgeholt werden.

Die ersten drei Termine stehen schon fest:

22.8. Stuttgart – Linkes Zentrum Lilo Hermann (Facebook)

12.9. München – EineWeltHaus (Facebook)

10.10. Mannheim – Ewwe Longt’s (Facebook)

Die Einhaltung der Corona Schutz-Auflagen ist bei allen Lesungen zu jeder Zeit gewährleistet, die Räume sind groß genug und die Anzahl der Besucher begrenzt.

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Buchpremiere: „Hegel to go“

Am Sonntag, 2. August 2020 stelle ich im Ori in Berlin das von Dietmar Dath und mir herausgegebene Bändchen „Hegel to go“ vor, bei der ich ein Kapitel zu Hegel aus meinem später im Jahr erscheinenden neuen Buch lesen werde.

Die Lesung soll eine Unterstützung für das Ori sein, das wegen der Corona-Maßnahmen lange Zeit keine Einnahmen hatte und eure Hilfe gut gebrauchen kann. Gerne diskutiere ich im Anschluss mit dem gebotenen Abstand auch noch mit schönen Seelen, die nichts besseres zu tun haben über ihre ganz persönlichen Ansichten zur Realität, Drogen, Infektionskrankheiten, Rassismus, illegalen Raves, Dialektik, Moral, Facebook, Satire, Kommunismus oder diskordische Hirnschäden im Endstadium und gebe z.B. kontroverse Antworten zu brennenden Fragen der architektonischen Umgestaltung Berlins.

Die Veranstaltung bei Facebook: https://www.facebook.com/events/299508894578737/

In den nächsten Monaten werden dann auch die noch ausstehenden Lesungen zum Kommunismus-Buch nachgeholt.

hegelhegel

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Hegel to go

Umso schlimmer für die Wirklichkeit: das von Dietmar Dath und mir herausgegebene Zitate-Büchlein „Hegel to go – Vernünftige Zitate“ ist dieser Tage im Verlag Neues Leben erschienen und kostet 7€.

Das Buch kann normal über den Handel gekauft oder von mir signiert direkt hier bestellt werden, und im Wochenblatt „Der Freitag“ gibt es einen Vorabdruck.

Außerdem wird es am Sonntag, den 2. August im Berliner ORi eine Lesung zum Buch geben.

hegeltogo

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Zur Heruntergekommenheit des Satire-Begriffs

Früher behalf man sich des Mittels der Satire, um auf augenzwinkernde, unernste Weise auszudrücken, was man aber ernst meinte. Heute drückt man ernst aus, was man gar nicht so gemeint hat.
Die meisten Satirker wissen heute selber nicht mehr, warum sie überhaupt Satire machen und welche Funktion diese haben könnte außer der Verteidigung einer Rudel-Ehre mittels bloßer Schmunzeleien gegen irgendein Feindbild. Wenn aber der Humor zur Biederkeit der Ironie degeneriert ist, müssen wir jetzt den Ernst zum neuen Humor machen. Satire is over.
Auch wäre es an der Zeit, sich einmal damit abzufinden, dass diese Welt voll von satirischen Existenzen ist. Die Realität ist satirischer, als es Satire je sein könnte. So kann jeder Zeitungsartikel als Satire gelten, wenn sein Urheber nur noch ein satirisches Verhältnis zur Welt und sich selbst hat. Das Problem ist nicht der Satiremüll, sondern eine Gesellschaft, die satirische Existenzen hervorbringt. Die satirische Existenz, das ist der zeitgemäße Opportunismus. Wer heute linke „Satire“ macht, kann dann morgen schon Ernsthaftigkeits-Clown bei Springer sein.

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Bildzeitung vs. Drosten

Dass Christian Drosten, wenn es nach Springer geht, der neue Christian Wulff wird, zeigt dass es inzwischen die allseits Beliebten, die Volks-Zugewandten, die Konformisten sind, die der Zorn des bürgerlichen Hetz-Apparats trifft. Die Tendenz ist, dass Springer heute nicht mehr gegen RAF-Terroristen oder linskradikale Studenten zu Felde zieht, sondern gegen die biederen Onkel von nebenan, gegen Leute, die brav und gesetzestreu, vielleicht etwas ungeschickt ihren Job machen und ansonsten keiner Fliege was zuleide tun können.

Was eines von vielen Exempeln abgibt dafür, wie doof und unnötig Anpassung doch ist: Wenn es nach der Bildzeitung (und mir ihr großer Teile dieses – ihres – Landes) geht, ist eh jeder, der was anderes als der Spingerkonzern will, ein gefährlicher autoritärer Stalinist, der die Menschheit unter Planwirtschaft versklaven will. Es lohnt sich also letztlich überhaupt nicht, nett zu sein, und sich NICHT völlig der Wahrheit zu widmen, die ja eben stalinistische Planwirtschaft lautet. Denn was Nettsein bedeutet, bestimmt das Presse-Monopolkapital: Nett ist, wer den Kapitalismus lobt oder zumindest nicht allzu hart angeht. Nett, ist wer vorgibt, sich um die Alten, die Kranken, die Kinder zu sorgen. Nett ist, wer will, was alle wollen – Friede, Freude, Gesundheit, Eierkuchen –, ohne eine Macht hinter sich zu haben, die das auch erkämpfen und realisieren könnte. Nett ist, wer sich nur mit anderen Netten umgibt. Nett ist der naive Glaube an irgendwelche Ammenmärchen, nett sind also auch leider die Linken geworden. Weil die ständige Gereiztheit, eine stets aufgeschreckte Grundnervosität und damit die Bereitschaft zur Empörung, die das Leben in bürgerlichen Gesellschaften hervorbringt für jene, die die Erziehungs- und Reichtumsverteilungs-Verlierer sind, bloß noch Modi wie Altruismus, Mitleid, rigiden Moralismus usw. übrig lässt, mit denen sich Ohnmacht und Knechtschaft heute rationalisieren.

Diese emotionale und moralische Überspanntheit vor allem bei Linken, bringt das Bedürfnis nach Schonung mit sich und also das nach Nettigkeit: wer selber nur nett sein kann, will damit in Wahrheit dem Streit aus dem Weg gehen, er will andere dazu bringen, sich auf sein Feld, das der Nettigkeit herunter zu bequemen. Auf diesem Felde kann er, der Diplomat, geschützt durch die Bollwerke der Moral und der Geisteskrankheit namens „gesunder Menschenverstand“ immer als Sieger hervorgehen, ohne selbst was riskieren zu müssen.
So macht Not Feige aus ihnen allen: Es spiegeln sich also in der eingeforderten Nettigkeit nur die materiellen Verhältnisse, die Ohnmacht und die ökonmische Abhängigkeit der Leute.
Die Linken haben sich zurückgezogen in ihre safe spaces, in ihre autonomen bubbles, Flausch-communities, ihre sorgsam abgesteckten Nettigkeits-Zonen (und jene postlinken jammerlappigen Provokations-Hampelmänner vom Schlage der Ideologiekritiker willfahren diesem Bedürfnis bloß, indem sie ihre eigene geschlossene Anstalts-Moral kultivieren, die zur Kommunikation nicht mehr fähig ist). Wenn ein Linker heute z.B. mal aus Versehen die völlig selbstverständliche und vernünftige Aussage macht, dass Kapitalisten nach der Revolution natürlich ins Gulag gehören, wird sich wenige Stunden später sofort (wie im Fall von Bernd Riexinger) bei Springer, FDP, BDI und CDU entschuldigt.

So werden in der großen Öffentlichkeit die Positionen von Radikalität, Tabubrecherei und intellektueller Randale frei für andere, die Rechten. Peter Sloterdijk etwa macht heute in der Tat nichts anderes als damals die 68er: Provozieren. Sie hauen auf den Putz, denn sie wissen, dass heute die einzige effektive Werbung für egal was die Provokation, das Spielen mit Tabus, das Reinscheissen von hot takes in den Diskurs ist.
Klar erkannt hat das auch der rechte Boulevard, der sich im Vergleich zu all den netten (also: antiautoritären, „kritischen“, d.h. verängstigten) Linken nun wunderbar als Rebellion und Machtkritik gerieren kann. Die das Böse beobachtende Klasse ist selbst zur bösen, also Politik treibenden geworden. Kurz: Julian Reichelt, das ist das Downgrade von Charles Manson. Der Typ will die Welt brennen sehen, doch leider hat es bei ihm nicht zum Rebellen, zum Sektenführer oder Serienmörder gereicht, sondern nur zum ordinären, aber lauten Kapitalknecht, dessen reaktionärer Eifer wie Rebellentum ausschaut – zumindest im Vergleich zu in universitären Diskussionszirkeln „assozierten“, also handzahmen Sozialkritikern, die weder die Regierung, noch irgendwelche Regierungs-Virologen angreifen wollen oder können.

Reichelt, Roepcke und einige bei der Bildzeitung untergekommenen Adorniten sehen sich auch selber als Kritiker des Konformismus, als Ideologiekritiker, als Rebellen gegen den „Zeitgeist“. Reichelt und Roepcke haben in der Parallelwelt Twitter kaum mehr Follower als irgendweche anonymen linken Accounts und können sich in dieser „Subkultur“ dann zurecht als Minderheit geben, die ihre Schweinereien unterm Mantel des Kampfs gegen eine übermächtige linke Unvernunft der ähnliche Schimären durchziehen können. So gehen sie aber durch die gesamte Welt: mit dem Bewusstsein des Mundtotgemachten, mit dem Seelenzustand des zu Unrecht Verfolgten, des in der Minderheit befindlichen Aufklärers.

All diese rechten Arschlöcher sie sind strukturell Linke geworden. So leben sie hin.

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Verschwörungsideologie und Verschwörungsideologiekritik

Es existiert seit einiger Zeit eine „Bewegung“, die wohl tatsächlich noch verblödeter als die der Verschwörungstheoretiker zu sein scheint und sich hauptsächlich in den Organen der Niedertracht namens social media und linksliberale Wochenzeitung äußert: die Verschwörungstheorie-Kritiker.

Wo Verschwörungstheoretiker Leute sind, die meinen, sie hätten geheime Absprachen aufgedeckt, deren Wesen es ist, von niemandem außer den sich geheim Absprechenden aufgedeckt werden zu können, sind die Verschwörungstheorie-Kritiker nochmal eine „Entwicklungs-“, also: Verblödungsstufe weiter: sie erwählen sich ausgerechnet die offensichtlich arg minderbemittelte Verschwöungstheorie-Szene, an die sie sich mit ihrer abstrake Jammerlappigkeit („Kritik“) wenden – ganz so, als sei da was auszurichten, was zu mehr führt als eben zur Entwicklung von Ideologe (Vebreiten von Ideologie als Kritik) zu Ideologiekritiker (Verbreiten von Kritik als Ideologie). Es zeigt schon, wie schlimm es um ihren Intellekt stehen muss, wenn sie ihr Kritik-Bedürfnis ausgerechnet an den lowest hanging fruits ausleben müssen.

Nun gehen die Verschwörungstheorie-Kritiker ja soweit, an die wahnsinnigste Verschwörungstheorie überhaupt zu glauben, nämlich die, es gebe in dieser Welt der permanenten Verschwörungen GAR KEINE Veschwörungen, obwohl täglich solche aufgedeckt werden. So hat sich der gesellschaftskritische Gratismut nur verschoben: den verwegenen Aufdeckern von eingebildeten Verschwörungen wird das Feld der Doofheit streitig gemacht durch die verwegenen Aufdecker von eingebildeten Verschwörungs-THEORIE-Zirkeln. Das Prinzip bleibt – bei aller Mühe, was besseres zu sein – dasselbe. Es handelt sich sozusagen um Verschwörungsideologie 2.0 – eine Verlängerung des eigenen Elends der Vergangenheit in die Gegenwart. Nicht zufällig sind die größten Verschwörungstheorie-Kritiker in jüngeren Jahre noch beherzte Verschwörungstheoretiker gewesen und scheint auch ihr halber Bekanntenkreis noch immer aus solchen zu bestehen – anders ist gar nicht erklärbar, wie sie immerzu die krudesten, von 99% der Bevölkerung unbeachteten und von so gut wie niemandem ernstgenommenen Verschwörungstheorien aus den Tiefen des world wide web herauskramen, um dann in ihrer kritisch-theoretischen Krämer-Mentalität noch ein paar Cent Distinktionsgewinn in ihrer Szene von gleichverblödeten Kritikern herauszuholen.

tazverschw

Inzwischen ist es soweit gekommen, dass die Aufdecker von Verschwörungstheorien die „Verschwörungen“ im Ernst schon bei den Verschwörungsideologen selbst verorten. Die taz nennt – wahrscheinlich einfach aus Wurstigkeit – Verschwörungstheoretiker nun tatsächlich „Verschwörer*innen“ und damit hat sich der Kreis des Schwachsinns wunderbar geschlossen. Man kann endlich wieder gegen Verschwörer agitieren, weil die Kritik-Bedürftigen ihre Verschwörungen nun in den Auslassungen der Verschwörungs-THEORETIKER verorten. Einfach jeder muss ganz dringend davon überzeugt werden, wie die wirkliche Wahrheit, wie es hinter den Kulissen ausschaut, nämlich: dass die größte Gefahr für den freien Westen in geisteskranken Youtubern und 17 demonstrierenden Spinnern auf dem Dorfmarktplatz besteht. Es ist wirklich ein grandioses Schauspiel, ein happening am sich selbst öffentlich lobotomisierenden Kollektiv-Hirn linksliberal-radikaler Kritik. Daniel Kulla z.B, einer der Pioniere dieser Großbewegung von seit langem in den Denk-Streik Getretenen, redet seit Jahren von „Entschwörung“ wo er „Verschwörungstheoriekritik“ meint. Wer aber bei Vernunft ist, braucht keine Verschwörungstheoriekritik, genausowenig, wie man etwa als fähiger Dichter keine Romantik-Kritik, sondern einfach Klassik betreibt. Was heute so unter „Kritik“ läuft, ist eine Erfindung von ständig am Rande der geistigen Prekarität entlang schwankenden „freien“ Journalisten – also: Komplettknechten des Presse-Monopolkapitals –, die versuchen, ihrer Unterwürfigkeit und ihrer Angepasstheit an den Betrieb eine Berechtigung zu verleihen, indem sie mit dem Ausmachen und Anschwärzen von angeblich „gefährlichen“ (also „die Demokratie unterhöhlenden“ o.ä.), in Wahrheit aber vollkommen armseligen und absolut wirkungslosen Grüppchen eine Distanz zum Betrieb vorgeben, die in Wahrheit nicht existiert (man schaue sich z.B. mal das liberale Geschmeiss an, was sich da so kritisch aus dem taz-, Jungle-World- und Ruhrbarone-Sumpf bis zu Springer empor kritisiert). Die irrsinnigen Theorien freischaffender Hobby-Verschwörungsideologen aber sind die Auseinandersetzung nicht wert. Sie fungieren als Religionsersatz, als eine neue Art des Seufzens berdrängter Kreaturen. Die einzige Kur dagegen bleibt das konsequente Ignorieren. Aber das Herumwühlen in den Seelen dieser bedrängten Kreaturen, das ständige Erspähenwollen der Fehler und Dummheiten dieser Leute ist ja auch wieder nichts anderes als das Seufzen bedrängter Kreaturen – nur halt solcher, die nur schon eine weitere Stufe auf dem Weg zur Hölle der vollendeteten Totalverblödung erklommen haben.

Die Verschwörungskritik-kritische deutsche Linke setzt ihre Prioritäten: Während veritable Verschwörungstheorien wie jene u.a. von Trump und der Bildzeitung verbreitete, das Corona-Virus entstamme einem chinesischen Labor, momentan täglich selbst in den als seriös geltenden öffentlich-rechtlichen TV-Nachrichten verbreitet werden, kümmern sich die Verschwörungstheorie-Kritiker um die Kritik irgendwelcher hauptberuflicher Drunterkommentierer. Derselbe Mumpitz, der täglich im ZDF verkündet wird, verlautbart aus dem Munde eines Ken Deppsen, würde bei ihnen wochenlange Diskussionen in zig Artikeln und tausenden Facebook-Postings nach sich ziehen. Und natürlich: die Redaktionen von Titanic und Jungle World etwa wären komplett arbeitslos, wenn es keinen Bedarf mehr an linker Verschwörungsideologie-Kritik gäbe. Was nur ein weiteres gutes Argument für deren möglichst schnelle Abstellung ist.

Selbstverständlich sind den Verschwörungstheorie-Kritikern Theorien (egal ob zu Verschwörungen oder sonstwas) schon deshalb ein Dorn im Auge, weil allein das Wort „Theorie“ sie daran erinnert, wie es mit ihrer eigenen Fähigkeit zur Theorie steht. So wird „Theorie“ bei anderen immer sofort zur „Ideologie“, während die eigenen nachgeplapperten Versatzstücke von zufälliger Menschenbeobachtung, angelesenen Ressentiments und banalstem Teenage-Weltschmerz in die Weihen edler Theorie gehoben werden. Verschwörungstheorie mag die Theorie der Theorielosen sein; aber die Kritik daran ist die der theorielosen Möchtegern-Theoretiker. Man nennt diese auch: „Kritiker“. Denn wer Theorie hätte, müsste ja nicht kritisieren – in seiner Theorie wäre schließlich das Unzureichende des Gegenstandes schon umfassend enthalten und bedürfte nicht mehr des akademischen Populismus, der sich als „Kritik“ bezeichnet.

Jemand wie Ken Jebsen ist dann sowas wie der tote Hund Chico der Verschwörungsodeologiekritiker; es geht ihnen – was sie natürlich nicht wissen können, weil, wer den Wahn noch teilt, diesen nicht erkennen kann – nicht um einen toten Hund oder um einen lebenden Hundesohn, sondern darum, dass man sich qua Profilbild-Message („RIP Chico“; „Gegen jede Verschwörungsideologie“) einer Gemeinde von Erleuchteten zuordnen kann, deren Erleuchtung eben darin besteht, genau so doof zu sein wie alle anderen, dies aber mit dem bloßen Streben nach Besonderheit (nicht der Besonderheit selbst; für eine solche müsste man sich eben sondern, gesondert sein, – was in Rudeln halt logisch unmöglich ist) schlecht zu übertünchen. Die Verschwörungstheorie-Kritik-Szene besteht aus Leuten, die sich für allerlei obskuren Scheiss interessieren, solange dieser bloß kein Mainstream ist, sondern als Underground durchgeht, und sich dabei mit dem Elan eines lerngestörten Kleinkindes auf Ideologiekritik und antikapitalistische Antigesellschaftstheorie stürzen – den beiden Verschwörungstheorieformen für Antiverschwörungstheoretiker, die sich ihre Ideologeme und Wissenshäppchen aus Szene-Boulevardblättchen wie Jungle World und Konkret zusammen gecut-upt haben.

Man mag den Verschwörungstheoretikern wie deren Kritikern zurufen, dass da, wo sie hinwollen, wir Bolschewisten schon herkommen, denn es handelt sich doch bei beiden Gesindel-Varianten um bloße Karrikaturen von Erleuchteten; – der Erleuchtete zeichnet sich klassischerweise nicht dadurch aus, dass er ständig davon schwadroniert, endlich den Ausgang aus Platons Höhle erreichen zu wollen, sondern dass er bereits aus diesem ans Licht getreten und zurückgekehrt ist, um die Gebannten (also: die an die emotionalen Staatsmaschinerien Angeschlossenen, an die Empörten und Aufgebrachten, an die Schar von in der Höhle gefesselt Sitzenden und Ditfurth-Vorträge und „Deutsch-mich-nicht-voll“-Facebookgruppen-Kommentare auf der Leinwand Glotzenden) mittels Einprügeln von Vernunft von der Notwendigkeit, zunächst mal die Änderung – meinetwegen: die Revolution – des eigenen Lebens zu bewerkstelligen, um dann – nicht die Höhle neu einzurichten, sondern: – im Lichte der Wirklichkeit als Mündiger das sittliche Geschehen zu organisieren, also überhaupt die Fähigkeit zur Revolution aufbringen zu können.
Wem das in seinem statt nach begriffsbildender und revolutionärer Arbeit bloß nach moralischer Genugtuung darbenden Gemüt schon wieder zuviel der Anstrengung ist, sollte es doch wirklich einfach bleiben lassen mit all dem ewig gleich langweiligen und vollkommen hirnlosen social-media-Gejammer und dessen sich ständig selbst prohezeienden und in Kreisen des immer größer werdenden Schwachsinns verlaufenden Aufgebrachtheits-Drunterkommentier-Gebullshitte.

TL; DR: HDF.

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