Archiv der Kategorie 'Arbeit'

Piraterie am Parnassos: Bartels, der Abschreiber

Am 28.03.2015 hat der kritische Theoretiker und Blogger Felix Bartels im Kulturteil der Tageszeitung „Neues Deutschland“ einen Artikel zur Autorschaft in Zeiten des Internets veröffentlicht, den ich als in weiten Teilen von meinem fünf Jahre alten Text „Der Autor heute“ übernommen, also abgeschrieben einstufen muss. Bartels, der seit geraumer Zeit nachweislich Leser (und Kommentierender) meiner Webseite ist, übernimmt nicht nur haargenau das spezifische Thema (traditioneller Autor versus Web-Existenz), sondern auch nahezu jeden einzelnen Abschnitt meines Textes. Er hat diesen lediglich schlechter formuliert und verkürzt, also in ein plattes Feuilletonisten-Deutsch übersetzt, sowie um den Marxismus meines Originals erleichtert. Dem Textsinn nach handelt es sich um ein Plagiat, und zwar bis hinein in die Textstruktur, den inhaltlichen Aufbau und den Schluss, zu dem ich gekommen bin.

Ich gebe dafür im folgenden ein paar offensichtliche Beispiel-Passagen aus unseren beiden Artikeln:

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Referenzen reloaded

Auch weiterhin Programm: Stalinismus ohne Augenzwinkern

Ist dieser Lyzis wirklich so schlimm und grauenvoll? Ja, ist er – da ist sich das Volk einig. Es hat zwar nichts von ihm gelesen, geschweige denn begriffen, aber das Urteil ist eindeutig: schuldig, egal in welcher Anklage.
Er wird auch weiterhin alles dafür tun, diesem Urteil gerecht zu werden. (mehr…)

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Zur Frankfurter Buchmesse 2011

Sieben bolschewistische Vorschläge zur Verbesserung der Literatur

„Ein Buch schreiben, das ist Mord.“ (Alfred Andersch)

„Lest die Prawda!“ (Josef Stalin)

1. -‎“Sie lesen gerne Bücher? Diese Woche GRATIS in Ihrer ZEIT: Ein 88 Seiten starkes Literaturmagazin mit den wichtigsten Neuvorstellungen im Herbst“, wirbt die ausgerechnet 88 Seiten dicke Literatur-SS von der drolligen altliberalen Senilenzeitung „Die Zeit“ im Faselbook.

Nein, niemand, der noch bei Trost ist, liest gerne Bücher. Lesen ist, wenn man es denn mit Ernst betreibt, eine notwendige, anstrengende Arbeit für alle Behirnten auf diesem Planeten, weil nur noch im Text Wahrheit zu finden ist, wenn im Alltags-Geblöke der Zwang zum Falschen und zur Lüge herrscht. Und ob der Text dabei in einer Zeitung, auf Plakaten, Papyrusrollen, iPads, in Holz geritzt, selbstausgedruckt und zusammengetackert, im Internet oder auf Klopapierrollen steht, ist völlig schnurz. Mit dieser großbourgeois-verblödenden Lesesessel- und Teestövchen-“Gutes Buch“-Romantik muss schonmal als allererstes Schluß sein, wenn man einen Begriff von Literatur bewahren will, der dem Geist nicht hohnspottet.

2. Das Sein bestimmt, ja – um hier endlich einmal diesen doof vereinfachten Marx-Satz dialektisch zu korrigieren – ERZEUGT vielmehr das Bewusstsein, es geht diesem voraus, prägt und formt es, worauf dieses wiederum selbst auf das Sein zurückwirken, es also durchaus, rückwirkend, auch „bestimmen“ kann. Ein richtiger Schriftsteller muss also, vor allem anderen, ein RICHTIGES SEIN haben. Ein RICHTIGES SEIN ist das GEGENTEIL von einem sogenannten GUTEN LEBEN®, denn ein gutes Leben ergibt nur schlecht abgehangenen kleinbürgerlichen Stumpfsinn in den Literaten-Denkröhren, ein richtiges Sein hingegen ergibt richtiges Bewusstsein, richtiges Bewusstsein ergibt richtige Literatur, richtige Literatur ergibt richtige Politik und richtige Politik ergibt irgendwann mal Kommunismus. Das ist gut, das hat man also zu wollen.

3. Wer das nicht will, darf seine Bücher weiterhin bei Matthes & Seitz, Hanser, Rogner & Bernhard, Hippiekack & Rummelpups und wie all diese Blödianverlage für feinziseliert-verkultürlichte Vollhornochsen heissen, drucken lassen, damit sie auch nur ja nicht gelesen werden, und wenn, dann nur von kompletten Vollidioten ihres ekelhaften Menschensschlags, bevorzugt solcher, die sich in neo-esoterisch-antisemitischen Dreckskaschemmen wie der Versand- und Ladenkette „Zweitausendeins“ ihre Mängelexemplare und noch viel zu überteuerten Ramsch-“Sachratgeber“ gegen George Bush, die USA im allgemeinen, die SED, Israel, DDR und überhaupt jedwede Vernunft, dafür aber pro-islamistisch, unterjubeln lassen, oder, auch kaum weniger schlimm, wie das leicht anstudierte Kundengesindel der Buchgroßlagerketten in Kategorien wie „Freche Frauen“, „Verschenken“, „Spannung“, „Unabhängige Verlage“oder „Erfahrungen“ stöbern.

4. Alle Bücher müssen, nach Einführung einer hoch angesetzten, progressiven Literatursteuer, so günstig wie möglich erhältlich sein, die Bibliotheksbestände werden um ein Vielfaches erweitert, neue Bibliotheken müssen eröffnet werden, auch das kleinste Dorf hat eine staatlich subventionierte Buchhandlung zu erhalten, alle Autoren aller Verlage bekommen ein Einheitsgehalt in Höhe des jeweiligen Brutto-Durchschnittseinkommens, wer von ihnen nach drei Jahren Autorentätigkeit kein Werk oder vielversprechende Ansätze zu einem solchen vorzuweisen hat, bekommt die Autorenlizenz entzogen und wird zu gemeinnütziger Arbeit in Stadtarchiven, Bibliotheken, Redaktionen etc. verpflichtet; alle Verleger werden enteignet und in Kohlebergwerke geschickt (die deutsche Verlagslandschaft mahnt: „Alle Atomkraftwerke abschalten, zurück zur Kohle!“), alle Verlage, die noch was taugen, werden verstaatlicht, der Rest verboten.

5. Martin Walser, Hans-Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann, Uwe Tellkamp und Günter Grass werden zum Wohle und zur Rehabilitation der internationalen Literatur umgehend erschossen.

6. Man kann heute als Autor schreiben, was man will, den Leser kümmerts null, der zieht weiterhin seinen Schwachsinn durch, ganz ungetrübt von allem Geschriebenen.
Es gibt keine Leser mehr, keine Lektoren, keine Literaturwissenschaftler, die ihren Namen verdienten. Es bleibt einem heute – als Autor, als Denkender also mithin – nur noch übrig, Zeugnis abzulegen vor sich und dem Weltgeist, also der Zukunft. Die Mitwelt ist zur schalen Ansammlung von “Rezipienten”, allenfalls mindestens genauso üblen Rezensenten, heruntergekommen; und wer nicht schreiben kann, der kann auch nicht lesen, daher all das Service-, Konsumentenberatungs- und Dienstleistungselend auf dem Buchmarkt. Ein nicht lesen könnendes Publikum braucht aber niemand, daher soll bitte auch der Markt wieder abgeschafft werden, so wie wir es ja in der DDR damals schon hervorragend umgesetzt hatten.

7. Die Abschaffung des Publikums durch Aufspaltung desselben in einzelne Szenen, Subkulturen und Genrefanclubs hatte die Abschaffung und Fragmentierung allgemeiner Öffentlichkeit zur Folge. Die postöffentliche Literatur ist keine mehr, kein Buch ist mehr gültig (von Klassik ganz zu schweigen), alle Texte nur noch ephemerer Krähwinkeldreck und überhaupt hat der gesamte Literaturbetrieb sowie das Festhalten an der Alphabetisierung heutzutage nur noch den Zweck, möglichst lückenlosen Antikommunismus unter Intellektuellen, Studenten, Wissenschaftlern, Romanschmökerern und anderen Opfern der Kulturproduktionsmonopole zu verbreiten. Die abermalige Diktatur des Proletariats wird natürlich auch diese Mißstände zu überwinden wissen. Es dürfte also klar sein, was zu tun ist.

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Der Autor heute II: Harlan Ellison zur ökonomischen Stellung des Autors

Harlan Ellison, einer der letzten (meinetwegen auch ersten, je nach Tageslaune) vernünftigen Menschen auf Erden, den hierzulande, wo senile, rechtsradikale Scheiße nuschelnde Ohrensessel-Lesedreck- und Einschlafhilfen-Hersteller wie Martin Walser und Günter Grass allen Ernstes als Autoren gelten, natürlich wieder mal keine Sau kennt, der aber in der gesitteten stalinistischen Gesellschaft (also meiner) nicht mehr vorgestellt werden muss, äußert sich – wahr, schön und präzise wie je – zur trostlosen Stellung des Autors (den er übrigens explizit vom „creative typing“-Amateur abgrenzt) im kapitalistischen Produktionsprozess:

Was Ellison hier während seiner knapp dreieinhalbminütigen Lehrstunde im Interviewgeben (und wie in nahezu allen anderen, sehr sehenswerten, grandiosen Beiträgen auf Youtube sowie natürlich in seinen Werken) an Wahrheit triggert, dürfte den anarchistischen Autorenrechte-Abschaffern („Copyleft“), also Literatur-Liquidierern natürlich ein großer Dorn im bescheidenen Hirne sein, an dem sie hoffentlich irgendwann mal endgültig verrecken werden, denn:

„Writing is the hardest work in the world. I have been a bricklayer and a truck driver, and I tell you – as if you haven‘t been told a million times already – that writing is harder. Lonelier. And nobler and more enriching.“ (Harlan Ellison)

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Notwendige Bestimmungen zu einem richtigen Begriff des Stalinismus

Schutzschrift für die vernünftigen Anhänger des Stalinismus

Teil I: Anmerkungen zur Wahrheit, Weisheit, Wichtigkeit und Würde des Stalinismus

„Es gibt in der Geschichte drei streitende Parteien. Die Partei der Piraten, die einfach Bösewichte und Asoziale sind. Die Partei der Pflanzer, die, frühe Kapitalisten, ihre Verbrechen unter dem Mantel der Ehrbarkeit begehen. Die Partei der Indianer. Die Indianer sind gut. Aber sie sind gut auf abstrakte Weise; sie sind so tugendhaft, daß jeder sieht, sie werden bald aussterben. Und es gibt Polly, mit deren Verhalten ich versuche, richtiges Verhalten zu zeigen. Dieses Mädchen hat nicht nur Absichten, die zu billigen sind; sie versteht auch, ihre Absichten in der Welt zu verwirklichen.“

(Peter Hacks, „Über Polly“)

“Mein Freund Peter, zum Beispiel, fucking Sloterdijk, ich mag ihn sehr, aber natürlich muss er in den Gulag. Aber er wird ein bisschen besser gestellt dort, vielleicht kann er Koch werden.”

(Slavoj Žižek)

„Aber die Antiautoritarier fordern, daß der autoritäre politische Staat auf einen Schlag abgeschafft werde, bevor noch die sozialen Bedingungen vernichtet sind, die ihn haben entstehen lassen. Sie fordern, daß der erste Akt der sozialen Revolution die Abschaffung der Autorität sei. Haben diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muß, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen.“

(Friedrich Engels, „Von der Autorität“)

1.

-Warum trägst du eigentlich dieses dumme Stalinistenkostüm?

-Warum trägst DU dieses dumme Menschenkostüm?

2.

Man ist Stalinist, weil man als einer der wenigen übrig gebliebenen, noch nicht zu Tode verfolgten, ermordeten, zensierten Kommunisten spätestens seit der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts aus der Geschichte zu lernen gewusst hat. Stalinismus, das ist die im Dienste der Vernunft und Gerechtigkeit stehende Abwesenheit der Freiheit für Andersdenkende – soviel hat sich seit Rosa Luxemburgs bekanntem und inzwischen von der bürgerlichen Politik bis hin zu Helmut Kohl zustimmend zitiertem Postulat herausgestellt.

3.

Stalinisten sind Kommunisten, die, wie schon bei Marx und Engels (z.B. im Manifest der Kommunistischen Partei) erklärt und gefordert, einen gewaltsamen Umsturz der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, also den endgültigen Sturz des Kapitalismus anstreben, die proletarische Revolution als ausweglos und u.a. deshalb vernünftig ansehen, sowie diese nicht nur erörtern oder gutheissen, sondern auch theoretisch und praktisch erarbeiten. Im Gegensatz zu „linken Kritikern“ oder Commünisten haben sie sich von etwaigen pubertären Illusionen über Politik und Volk verabschiedet und ziehen daraus die Konsequenzen.

4.

Mit der Bezeichnung „Stalinist“ verhält es sich ähnlich wie mit dem Wort „Schwuler“, das von der Mehrheit zunächst als Schimpfwort etabliert wurde: Man bezeichnet sich als Kommunist, der es mit dem Kommunismus ernst meint, statt sich Marx-revidierend der „offenen Gesellschaft“ einzugliedern, irgendwann einfach selbst als ein solcher, weil man keine Probleme damit hat, beim Kommunisten- (bzw. Homosexuellen-) hassenden und -verfolgenden Pöbel als ein solcher zu gelten.

Dass eine solche Selbstbezeichnung richtig ist (Homer Simpson zu einem schwulen Freund von Bart zum Begriff „Schwuler“: „Ich finde es eine Frechheit, dass Sie dieses Wort benutzen. Das ist unser Wort, um uns über euch lustig zu machen, das brauchen wir! Ich will nicht nur dieses Wort zurück haben, sondern auch meinen Sohn!“) zeigen jene Reaktionen auf sie, die mit Negativ-Verniedlichungsformen wie „Schwuli“ oder „Stalino“ arbeiten, um damit noch mal allen zeigen zu können, wie lächerlich diese Figuren doch eigentlich seien (obwohl man sie zuvor noch als „brutale Mauermörder“ bzw. „Kinderficker“ dämonisierte), die so dreist sind, und sich dem antistalinistischen (resp. schwulenfeindlichen) Konsens nicht unterwerfen.

Alle Kommunisten (die sich noch mit K schreiben) sind Stalinisten – und waren es schon immer. Wer wirklicher Kommunist ist, ist gleichzeitig auch Stalinist, alles andere ist Unsinn, Idealismus, Blödheit. Die Bezeichnung Stalinist – erst recht, wenn sie von Renegaten, Diversanten, Wertkritikern, Commünisten und anderen Neonazis kommt – ist also als ein Kompliment zu nehmen.

5.

Nachdem Kommunisten über Jahrhunderte aufs schärfte verfolgt, verhetzt, zensiert, schikaniert und getötet wurden, reicht es nun. Die Zensur der Schriften von Marx und Engels, die Niederschlagung der sozialistischen Republik durch die SPD, das blutige Zusammenschießen der Pariser und diverser anderer Räterepubliken durch den bürgerlichen Staat, die Deportation Lenins und Stalins ins Gulag durch die russischen Zaristen, die Vernichtung von Millionen europäischen Kommunisten durch den Faschismus, das Verbot der KPD durch die Postfaschisten der CDU, der konsequente, lückenlose Antikommunismus der BRD inklusive Berufsverboten und Haftstrafen für Kommunisten und schließlich die Zerstörung der sozialistischen DDR sowie der retrospektiven Verfälschung ihrer Geschichte durch das BRD-Bürgertum, die Million ermordeter indonesischer Kommunisten nach dem Militärputsch von 1966, das zigfache und weltweite Eingreifen der kapitalistischen Geheimdienste BND und CIA gegen kommunistische Organisationen und sozialistische Regierungen sowie viele weitere antikommunistische Schweinereien, das alles bestärkt den Stalinismus in seiner konsequenten Säuberungspraxis und politischen Folgerichtigkeit: Der Stalinismus ist das kommunistische Eingedenken der zwangsläufigen bürgerlichen Reaktion, mit welcher immer und überall nahezu naturnotwendig zu rechnen ist. Je stärker diese, desto stalinistischer der Kommunist. Man macht sich als Stalinist keine Illusionen, man weiß eben, dass Revolutionen nicht gerne gesehen sind bei jenen, denen sie zwangsläufig schaden, also den von der Geschichte Abgehängten; wer sich gegen die Überführung des privat angeeigneten Besitzes an Grundstücken, Immobilien, Kapital und Produktionsmitteln zurück in gesamtgesellschaftliche Kontrolle („Enteignungen“) zur Wehr setzt, sich der Verwirklichung der marxistischen Vernunft nicht fügen möchte und stattdessen lieber seine unrechtmäßigen Privilegien verteidigt, kriegt eins aufs Maul und, wenn das nicht genügt, einen Kopfschuss – das wurde in Paris 1789 von der heute herrschenden Bourgeoisie auch nicht anders gehandhabt. Der Stalinismus sagt das ganz frei heraus; er zwingt, inhaftiert, verletzt oder tötet niemanden, der der kommunistischen Sache positiv oder neutral gegenübersteht, aber wer die Revolution abermals bekämpft, muss nun damit rechnen, dass diese – notfalls auch mit dem Einsatz von Gewalt – vom Stalinismus gegen ihn durchgesetzt wird.

6.

Dem Mythos eines angeblichen „stalinistischen Massenmordes“ ist aufs entschiedenste entgegenzutreten: Jeder einzelne, sicherlich bedauernswerte, aber in der großen Mehrheit der Fälle unvermeidbare Tote unter Stalin hat zig anderen Menschen das Leben gerettet. Ich zumindest werde mich hüten, in jene zynischen und menschenverachtenden Überlegungen einzustimmen, die erörtern, wie denn eine Welt ohne stalinistischer Justiz und Roter Armee ausgesehen, man also Nazis und bürgerlichem Imperialismus ungehindert die Menschheit überlassen hätte – jeder weiss ja in Wahrheit, dass das letztlich Milliarden von unschuldigen Toten, riesiges globales Elend und ungeheuerliche Unterjochung der gesamten Menschheit zur Folge gehabt hätte. Danke, genug gekotzt.

7.

Der Stalinismus ist also nichts anderes als ein verteidigungsfähiger absolutistischer Sozialismus, mithin die historische Notwendigkeit auf dem Wege zum Kommunismus. Sein ebenso notwendiger Sowjetstaat ist dabei die einzige Garantie seiner Existenz und schon deshalb uneingeschränkt zu begrüßen und zu erkämpfen. Medium dieser Erkämpfung und Durchsetzung kann nichts anderes sein als die Bolschewistische Partei. Ablehner von organisierten Proletariern und Kommunisten, Parteifeinde aus Prinzip also, sind von daher auch als Gegner zu betrachten und dementsprechend zu bekämpfen. Die generelle Ablehnung von kommunistischer Organisation ist als anarchistische Kinderkacke, als romantische Naivität höchsten Schwachsinnsgrades auszumachen und entsprechend zu vernichten; überhaupt ist das Anti-Partei-Gefasel heute die schlimmste und hartnäckigste Ideologie – dass sie ausgerechnet von den angeblichen „Ideologiekritikern“, also Adorniten und sonstigem liberalistischen Professorengeschmeiss ausgeht, ist dabei die historische Ironie. Wer allen Ernstes meint, auch nur im Ansatz irgendwas von den Klassikern des Kommunismus Antizipiertes Wirklichkeit werden lassen zu können, ohne dabei auf die Form der Partei zurückgreifen zu müssen, möge sich doch bitte schleunigst eine Einweisung holen oder direkt erschießen.

8.

Kommunisten, die sich des Stalinschen Prinzips der unbedingten Verteidigung des erreichten Stands des Sozialismus bedienten, haben nicht nur noch nie einen Krieg begonnen, sondern vor allem: auch noch keinen einzigen ihnen aufgezwungenen Krieg verloren. Von der Niederschlagung der Zaristen und Anarchisten in den Zeiten des postrevolutionären russischen Bürgerkriegs über den Sieg über die Nazis im Zweiten Weltkrieg und der erfolgreichen Bekämpfung konterrevolutionärer Aufstände in Ungarn 1956 bis hin zum kubanischen Sieg beim Angriff auf die Schweinebucht sowie des gewonnenen Vietnamkriegs zieht sich eine Linie des militärischen Erfolges des Stalinismus durch die Welt, der zeigt, dass die kommunistische Vernunft nicht nur den Frieden anstrebt und verteidigt, sondern auch wehrfähig ist, wenn sie denn zum Kriege gezwungen werden sollte. Nach dem sukzessiven Niedergang des Sozialismus in der Post-Stalin-Ära, mündend im offen antikommunistischen Schwachsinn des Gorbatschowismus, in der diese stalinistischen Vernunftprinzipien zurückgedrängt wurden und letztlich unangewandt blieben, war es offenbar geworden, dass der Sozialismus nur noch durch brutalste Freiheits- und Friedenshetze („Wandel durch Annäherung“ – Willy Brandt) der kapitalistischen Staaten, allen voran der BRD, traktiert zu werden hat, um ihn zu besiegen. Der bürgerliche Frieden hat sich als Krieg erwiesen – als Krieg gegen Kommunismus, Vernunft und wirklichen, globalen Frieden. Dieser bürgerliche Frieden ist für den Stalinismus als Feind auszumachen, nicht der Krieg, den wir natürlich eh immer gewinnen, weshalb es nicht nur ein Fehler, sondern ein Verbrechen an der Menschheit war, in der DDR 1989 der Konterrevolution nachzugeben, anstatt den SED-Staat durch Waffeneinsatz gegen den frondierenden Pöbel zu verteidigen.

9.

Bevor er abermals an der Macht sein wird, weiß der Stalinismus: Öffentliche Aussagen sind immer auch als Nebelbomben für den Gegner zu begreifen. Er weiß sich entsprechend sprachlich auf Grundlage des hegel’schen Begriffsapparats zu artikulieren, so dass weder dem Kommunismus schadende antistalinistische Commünisten, noch ebenso antistalinistische bürgerliche Antikommunisten, diese beiden großen Fraktionen der herrschenden Unbildung und deren nachdrücklicher Propaganda, ihn verstehen, geschweige denn effektiv bekämpfen können. Wenn irgendwer meint, den Stalinisten durch Sprachspielerei oder Argumenttrainings-Sessions schwächen oder ganz liquidieren zu können, hat er sich geschnitten. Zurecht interessiert keine Sau das dämliche studentische oder sonstwie kleinbürgerliche degenerierte „Kritik-“Geschwafel, „Aufklärungs“-Gejammer oder „Dekonstruktions“-Geblödel, das sich durch die heutige mediale Gosse luscht, und der Stalinismus hat beileibe nicht die Absicht, diesen Dreck in irgendeiner „konstruktiven“ Weise auch noch zu bereichern. Im Gegenteil: Eure Scheisse, die ihr so unter Politik versteht, wird euch mit Sicherheit nicht auch noch vom Weltgeist hinterhergetragen werden. Der Stalinismus bestimmt das Niveau der begrifflichen Auseinandersetzung, nicht der romantische Voluntarismus irgendwelcher autonomer Canaillen, die sich erdreisten, ihre Unbildung zur Norm zu erheben und allen anderen aufzuzwingen.

10.

„Pluralismus belebt die Meinungsbildung“, sagt der bürgerliche Freund des demokratischen Relativismus und des pluralistischen, wissenschafts- und bildungsfeindlichen Meinungs-Stumpfsinns. Absolutismus belebt die Wahrheitsbildung, weiß der Stalinist, der das Grauen der Meinung und somit das diese befördernde Elend des Pluralismus als den größten Klotz am Bein des Fortschritts erkannt hat. Wo Meinung notwendig nur noch Reflex der falschen Verhältnisse und also höchstens zufällig einmal richtig sein kann, muss Pluralismus von Seiten der bolschewistischen Vernunft durch Bildung, die natürlich zunächst nur mittels autoritärer Verodnung durchsetzbar ist, ersetzt werden.

11.

„Offene Kirche“ (Flugblatt eine katholischen Gemeinde), geschlossener Stalinismus: Der Stalinist macht sich das dem theoretischen Hauptwerk voranstehende Motto des stalinistischen Autors Peter Hacks zu eigen, das da lautet: »Des Verfassers Reflexionen sind im schlichten Stil und verständlich gehalten. Dennoch fehlt es ihnen an dem Vermögen zu überzeugen. Der Verfasser ist zu allen Überlegungen fähig, außer zu langwierigen. Er kommt zu Ergebnissen oft auf verwickelte Weise, aber mitteilenswert erscheint ihm allein das Ergebnis. Was er sich vorher gedacht hat, meint er, läßt sich mitdenken. Er liebt – vielleicht zu sehr – Beweise, aber er haßt es, die Prämissen zu beweisen. Das heißt, daß der Verfasser Leser voraussetzt, die ohnehin zu den gleichen Ansichten gelangt sind wie er, oder die doch im Begriff sind, dorthin zu gelangen. Aber für wen anders schreibt man? Glaubt da noch wer an die Macht der Argumente?«

Da das Mitdenken bei den minderbehirnten Interessierten ohnehin nie von Erfolg gekrönt ist, muss der Stalinismus also auch über das vorher Gedachte, das nunmal SELBSTverständliche, keine Rechenschaft ablegen. Er kann diese Selbstverständlichkeiten in großzügig behandelten Einzelfällen genauer ausbreiten, ja hier und da sogar einmal in die bürgerliche Diskussionsform des Argumentierens verfallen, aber das sollte Ausnahme bleiben, da es wichtigeres gibt, als den Dummen auch noch die Gründe ihrer Dummheit genauestens darzulegen. „Überzeugen ist unproduktiv.“ (Walter Benjamin) In aller Regel argumentiert und kritisiert der Stalinist nicht, sondern trifft Bestimmungen, kämpft und setzt durch.

12.

Bevor die Leute machen, was sie wollen, sag ich ihnen lieber was zu tun ist. Dieses stalinistische Vernunftprinzip hat auch in Zukunft zu gelten. „Kritische Vernunft“ hingegen ist korrumpierte Vernunft, eine durch moralisierenden Romantizismus paralysierte Pseudo-Vernunft, ebenso wie die „Kritische Theorie“ eine korrumpierte, also keine wahre Theorie mehr ist, weil sie den kritizistischen Gestus kultiviert, statt objektive Theorie, also Wissenschaft zu betreiben. Das Gejammere Horkheimers und Adornos gegen die sogenannte „instrumentelle Vernunft“ rührt aus der simplen Tatsache, dass sie keinen wirklichen, sondern bloß einen idealistischen Begriff von Vernunft hatten; die wirkliche, nicht-kritizistische Vernunft beinhaltete den instrumentellen Aspekt selbstverständlich schon immer und richtigerweise – schließlich muss Vernunft ja auch ANGEWANDT und nicht bloß diskutiert werden.

13.

Die größte als Kritik vertuschte Angst der commünistischen „Paradies-auf-Erden-und-zwar-sofort“-Woller, der Weltrevolutionsgläubigen, verdinglichten Antidialektiker der „Revolte von unten“ und ähnlichem vergammelten Kritizistenkäse: dass der (historische) Stalinismus ja gar nicht wirklich kommunistisch oder auch nur sozialistisch war, weil er die Falschen, nämlich unter anderem auch sogenannte Genossen an die Wand stellte. Dass es gerade wichtig ist, sich als Bolschewist dieses Linksabweichlerpacks zu entledigen, will natürlich in deren Breihirne nicht hinein, schließlich können sie ziemlich sicher sein, dass es sie selbst erwischt hätte – zurecht. Gerade die Säuberung der eigenen Reihen ist ein notwendiger Bestandteil kommunistischer Politik, sofern diese auch weiterhin erfolgreich sein will. Mit Trotzkisten und Anarchisten ist nunmal sogar deren Selbstbekundung zufolge kein Staat zu machen, deshalb fliegen sie raus. Die pure Unkenntnis von geschichtlichen Verläufen kann weder als Ausrede für die Abweichler, noch als Schuld des Stalinismus gelten. Wer das Leid und den Tod von Millionen riskiert, darf gerne selber abtreten.

14.

Als dialektischer und historischer Materialist begreift der Stalinist die Mittel zur Verwirklichung der kommunistischen Vernunft als ebenso dialektisch und historisch verfasste: Seine Haltung zur Anwendung kontrollierter Gewalt und durchdachten Zwangs ist eine ebensolche. Das altbewährte bürgerliche und absolutistische Mittel zur Erreichung stabiler gesellschaftlicher Verhältnisse, der ZWANG DURCH GEWÖHNUNG, ist so zum elementaren Teil stalinistischer Politik zu erheben. Die Erfolge der Erziehungseinrichtungen in der DDR waren dahingehend ein guter erster Schritt, der gezeigt hat: Man gewöhnt sich an alles, sogar ans Richtige.

15.

Das internationale Durchsetzungsorgan von revolutionsvorbereitenden Maßnahmen ist die schon heute existierende Stalin-Riege der (zur Zeit noch antizipierten) Kommunistischen Partei: Klein an Mitgliedern, aber gesellschaftlich schon heute einflussreich, ist diese mafiös organisierte, unkorrumpierbare, im Kleinen wie im Großen wirkende Assoziation keine Subkultur, keine Partei, kein Club, kein Lifestyle, keine Sekte, keine Religion und auch kein barrierefreies interdisziplinäres Diskussionsplenum, und nur deshalb noch Untergrund, weil es der kommunistischen Sache gegenüber dienlicher ist, für die Arbeit an ihr möglichst wenig Zugeständnisse an die bürgerliche Öffentlichkeit zu machen. Die Stalin-Riege kultiviert nichts, sie revolutioniert. Im Gegensatz zu stupiden Zusammenrottungen wie Antifa, autonomer Demo-Mob, Arbeitskreise, Teach-In-Verdummungsvereine oder Projektgruppen ist sie weder an äußerlichen Merkmalen noch sonstigen kulturellen Vorlieben oder Einheitsfront-Geblödel ihrer Mitglieder zu erkennen, aber sie ist unter euch und registriert, merkt und notiert – wie das Vorbild Stasi – alles. (Das sei hier vor allem all jenen Arschlöchern gesagt, die immer wieder eine angebliche „Ohnmacht“ der Stalinisten, die doch lediglich die Projektion ihrer eigenen ist, herbei fantasieren. Dass ihr nichts merkt, dafür können wir nichts – und wir machen es euch natürlich nicht auch noch freiwillig einfach; eine evidente Ohnmacht ist ein lediglich kurzzeitiges Problem, in ihr lässt es sich ausserdem ausgezeichnet überwintern und in Ruhe arbeiten.) Die Stalin-Riege ist klein, aber fein; ihre Mitglieder arbeiten diszipliniert und in den verschiedensten Zusammenhängen, Redaktionen, Theatern, Parteien, Verlagen, Institutionen; sie alle nutzen konsequent und unerbittlich die Dummheit und Feigheit der Kollegen, Bekannten, Vorgesetzten usw. aus, statt über deren Macht zu jammern, und sie alle nehmen die Möglichkeit wahr, die Gegner persönlich anzugreifen und zu vernichten, statt nur „Theorien zu kritisieren“: Dietmar Dath zum Beispiel unterwandert seit über 20 Jahren erfolgreich neben 17 Verlagen, dem Web 2.0 und zwei Dutzend linken Zeitschriften auch die bürgerliche Hacksologie, die FAZ sowie die Science-Fiction- und die Popkritik-Szene; der von diversen postmodernen und Demokratie-affirmierenden Schwachsinnigkeiten zu Vernunft und Sittlichkeit, also zum Stalinismus gekommene Slavoj Žižek verkündet weltweit in auflagenstarken Tageszeitungen, in Psychoanalyse-Readern, Hitchcock-Exegesen und zur Prime-Time im US-TV Abschusslisten für die Zeit nach der erfolgreichen stalinistischen Revolution; Hans Heinz Holz schreibt seit fast einem Jahrhundert eine cirka sechstausendbändige stalinistische Philosophiegeschichte; von Matt Groening, Harlan Ellison, David Fincher, Brian Molko, Fidel Castro, Matthias Oehme, Werner Büttner, Lukas Moodysson, André Müller sen. (um mal nur ein paar Namen zu nennen) sowie einer Vielzahl von unbekannteren, vorerst noch namenlosen Mitgliedern der internationalen Stalin-Riege und den immer noch (nach-)wirkenden Klassikern des Stalinismus wie Brecht, Lenin, Goethe, Ulbricht, Einstein, Schernikau usw. ganz zu schweigen. Vor allem das anonyme oder pseudonyme Pöbeln im Web 2.0 ist als eine der wichtigen Säulen der Stalin-Riege nicht gering zu schätzen: Wo viele Gegner einander aufgrund ihrer Position im Betrieb kaum oder nur noch „sachlich“ (also: gar nicht) angreifen dürfen, weil sie ansonsten mit der üblichen antikommunistischen Zensur und Verurteilung durch die bürgerliche Klasse zu rechnen haben, ist eine anonyme, kompromisslose und vollkommen unabhängige Stalinorgel-Phalanx im Internet umso wichtiger.

16.

Die erbärmliche Opportunisten-Taktik derjenigen Linken, die sich dann später umso mehr auf Ironie oder Satire rausreden, wo sie zuvor umso apodiktischer und großmäuliger etwas als ihren vollsten Ernst verkündet haben, macht sich der Stalinist nicht zu eigen. Überhaupt vermeidet er es, sich entlang einer Begriffsskala zu äußern, deren Endpunkte „Satire“ und „authentische deutsche Seriosität“ darstellen. Selbst aber, wenn vom Gegner endlich kapiert wird, dass man es, mit ihm zu sprechen, „ernst meint“, sich also seines Zieles, seiner Funktion und seiner mittelfristigen Wirkung bewusst den objektiven Verhältnissen des jeweiligen Gegenstandes unpolemisch und ohne persönliche Eitelkeiten nähert und sie begrifflich erfasst, gefällt jener sich dann in der Verniedlichung oder sonstigem Lächerlichmachen eben dieses Ernstes: „Ach, er meint es nur ernst, wenn es wenigstens Satire wäre“, äußert sich das bürgerliche Ressentiment, welches den Ernst als solchen auf bloßes irreales Pathos runterbricht und bekämpft, und dabei denjenigen, der es mit in der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht-approbierten Haltungen wie der stalinistischen hält, schlicht zum Irren abstempelt. Auch hier wird man noch sehen, wer zum Schluss lacht.

17.

Die als notwendig erkannte Brachialität des Stalinismus ist letztlich eine Maßnahme des Mitgefühls mit allen: „Über die Menschheit lässt sich nicht anders als mit Mitleid sprechen.“ (Peter Hacks) Der Stalinist hat kein „MenschenBILD“, sondern einen BEGRIFF vom Menschen, also auch eine objektiv-materialistische, nunmal begrifflich durchdrungene Auffassung und Konzeption der Menschheit. Seine Mittel zur Erforschung der Entwicklungsmöglichkeiten und -fähigkeiten der Menschheit sind die Geschichtswissenschaft, der marxistische Materialismus und die philosophische Anthropologie; – mitnichten die romantische Vorstellung irgendeines „zutiefst humanen Kerns“ im Menschen oder sonstigen Psychologenquatschs, der qua Weltrevolution nur noch hervorzuzaubern sei. Wo ohnehin Zwang herrscht, weil zunächst nur gezwungen werden kann, wo sich fortschrittliche Entwicklung durchsetzen soll, zieht der Stalinismus den Zwang zum Richtigen dem Zwang zum Falschen schlicht vor; der Vorwurf einer „autoritären“ Politik, die immer wieder von allen möglichen sentimentalen links-emanzipativen Besoffenheitsbekundern kommt, läuft also mithin ins Leere. Den Stalinisten interessiert keine „Kritik der Macht“, ihn interessiert die Erlangung der Macht.

18.

Zuerst existierten Dummheit, Zwang zur Kapitalreproduktion und erzwungene bürgerliche Vergesellschaftung der Individuen, die zur Selbstverständlichkeit erhoben wurden, erst danach kam der Stalinismus. Nicht dieser ist die Ursache von Gewalt, Stumpfheit, Elend, sondern jene. Das sollten die Feinde des Stalinismus immer bedenken, wenn sie anfangen, ihr stupides Gerotze gegen ihn anzustimmen. Der Stalinismus ist für sich genommen friedlich, er lehnt den Krieg ab und bekämpft den Kapitalismus sowie den daraus resultierenden Faschismus konsequent – dass er nicht zimperlich ist, wenn er in dieser Existenz angegriffen wird, sollte ihm also nicht zum Vorwurf machen, wer noch ernstgenommen werden will. Der Stalinismus ist jene Therapie, für deren Krankheit er gehalten wird.

19.

Was Stalin alles so angeblich gesagt oder getan hat, ist mir dabei als Stalinist heute ziemlich egal – lasst mich doch mit eurem deutschvölkischen Anti-Stalin- und Massenmörder-Gestammel in Ruhe. Ich verteidige meinen Stalinismus wenn notwendig auch weiterhin gegen Stalins vereinzelte, aber unbedeutende Fehler, irregeleitete DKPler oder sonstige Vertreter eines positivistisch-historisierenden, personifizierenden und fetischisierenden Stalinismus-Verständnisses (zu denen übrigens auch etliche Idioten gehören, die sich in ihrer antiimperialistisch-jugendlichen Erbärmlichkeit selber hier und da mal als „Stalinisten“ bezeichnen, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was damit in Wahrheit gemeint sein könnte ausser des Schwenkens von roten Fahnen in ostdeutschen Innenstädten, des Sammelns von Lenin-Knibbelbildern, Antizionismus und der Unterstützung islamistischer Terror-Regime). Der Stalinismus ist, wie der Einsichtige heute weiss, eine Sache der Zukunft, keine der Vergangenheit oder der Tradition, sondern lebendige Geschichte – und man begreift ihn also, wenn man ihn denn überhaupt begreift, als die notwendige FORM zukünftiger Auseinandersetzungen der Kommunisten im Klassenkampf; mit den (damals selbstverständlich ebenso notwendigen, inzwischen historischen) INHALTEN möge man doch den gegenwärtigen Stalinismus bitte nicht identifizieren. Stalinismus, das meint nichts anderes als: sozialistischer Absolutismus; Vorrang der Wissenschaft, der Vernunft und des Marxismus gegenüber Tradition, Religion, Mythos und Hirnknechtschaft; Diktatur des Proletariats; konsequenter Antifaschismus; Aufbau des Sozialismus; Verteidigung des Erreichten gegen Reaktionäre, Konterrevolutionäre, Idealisten und Anarchisten. Das sind heute und in Zukunft seine vorrangigen INHALTE, die Form ist dementsprechend.

20.

-Die Herrschaft der kommunistischen Vernunft muss eben bedeuten, dass die Dummen nichts mehr zu sagen haben.

-Und wer legt fest, wer die Dummen sind?

-Die kommunistische Vernunft.

21.

Grundsätzlich ist natürlich davon auszugehen, dass der weitere Verlauf der Geschichte der Revolutionen sich wohl leider auch nicht anders ausnehmen wird, als z.B. zu Zeiten Stalins oder Lenins. Die Reaktion wird sich festigen und mit allen Mitteln (und sei es mal wieder Faschismus) ihren Scheiß verteidigen, mit soviel Unterdrückung und soviel Leuten, Bomben, Propaganda, Paranoia, polizeilichen Hundertschaften, Antikommunismus und Kriegen wie nur irgend möglich. Das Kapital wird wieder zum Gegenschlag ausholen, und das wird keine Tupperparty, sondern eine Sauerei ersten Grades. Davon kann, ja sollte man als geschichtsbewusster, ernsthafter Kommunist realistischerweise ausgehen und sich deshalb diesen Realismus durchaus auch in seiner Selbstbezeichnung anmerken lassen: Je brutaler die bürgerliche Klasse, desto vehementer und rigoroser aka. stalinistischer wird sich der Kommunismus zu verhalten haben.

22.

Niemand, aber wirklich niemand, nichtmal der am engagiertesten agitierende Kommunist, würde doch ernsthaft auf die Idee kommen, einen U-Bahn-Fahrer, einen Polizisten, einen CSU-Politiker, einen Gemüsehändler oder einen Automobilfabrikanten vorzuwerfen, er sei kein richtiger Kommunist oder er kritisiere den Kapitalismus nicht „richtig“, beziehungsweise „nur verkürzt“, weil das nämlich weder deren Job ist, noch deren subjektivem (wenn auch objektivem) Interesse entspricht, sowas überhaupt nur in Erwägung zu ziehen. Nun gehen aber alle möglichen (Post-)Linken, Commünisten, Kapitalismuskritiker, Marxlesekreisler und sonstigen sektiererischen Idealisten ernsthaft ins Autonome Zentrum oder in andere Bruchbuden, in denen der sozialdemokratische Mob sich seines objektiven Elends erfreut, und werfen ausgerechnet denen eben jenes vor; man fragt sich schon, wer ihnen ins Hirn geschissen hat, dass sie einfach nicht erkennen können, dass es nunmal des deutschen Linken Job ist, an irgendwelchen Symptomen des Systems schlecht herumzuwerkeln, dass dies NOTWENDIG so ist und es nicht durch einen ebenso idealistischen Agitationsblödsinn abzustellen ist.

Der Stalinist hingegen hat das erkannt und trägt dem Rechnung. Es ist einfach Unsinn, Volksaufklärung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu betreiben (sie wird dabei automatisch immer zur völkischen Gegenaufklärung), denn deshalb will der Stalinist ja den wie auch immer defizitären Realsozialismus so schnell und so undemokratisch wie möglich herbeischaffen: weil eine Aufklärung, die nicht nur ihren Namen verdient, sondern vor allem auch Wirkung entfalten könnte, erst dann möglich ist.

Teil II – „Gulag als Chance“ folgt in Kürze.

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Warum Guttenberg bleiben kann, wo der Pfeffer wächst (also: in der Bundesregierung)

Offener Brief an den deutschen Pöbel

„Ich kenne mich sehr wenig aus mit diesen akademischen Usancen, denn ich habe ja noch nicht mal Abitur. Das Einzige, was ich sagen kann: Ich habe häufig abgeschrieben. Sonst wäre ich ja auch nicht bis zur mittleren Reife gekommen!”
Fürstin Gloria von Thurn und Taxis

Die schale, ankotzende Pointe der ganzen Debatte um die volksmobkompatible Adels-Canaille Guttenberg ist der darin zum Vorschein kommende Doktortitel-Fetischismus, welcher – wie eh und je – jeden Zusammenhang von subjektiven Fähigkeiten und des als deren Objektivierung geltenden Titels leugnet: als gäbe es heute überhaupt einen wesentlichen Unterschied zwischen einem komplett abgeschriebenen Text und einer korrekt zitierten, genauso hirnlosen, in jahrelanger stumpf-debiler Quellen- und Zitate-Sammelei zusammengeklaubten, also akademisch „korrekten“ Arbeit. ES GIBT KEINEN SOLCHEN UNTERSCHIED – Doktortitel bekommen Leute, die sich der bürgerlichen Gesellschaft voll und ganz unterwerfen, sich den herrschenden Regeln verschreiben und also ihren Konformismus (als eine Art universeller, blinder „Loyalität“) beweisen, i.e.: das Gegenteil von selbständiger Wissenschaft betreiben. Überhaupt ist die vielgerühmte „Kompetenz“ oder die ebenso oft angeführte „Doktorwürde“ bloß das Produkt von durch Schleimerei erkauftem Ansehen, nichts weiter. In einer Gesellschaft, in der Wissenschaft allgemein durch „WissenschaftlichKEIT“, also den Anschein von geistiger Anstrengung, der Karikatur von wissenschaftlichem Tun ersetzt wurde, ist jede diesbezügliche Diskussion nur noch ein Hohn auf die wenigen übrig gebliebenen Behirnten. Es gibt keinen Qualitätssprung durch Titel. Titel sind bloße Schlüssel für Türen, die man dem Großteil des Pöbels verschlossen hält; dafür sind die langwierigen Dissertations- und Habilitationsphasen institutionalisiert: um Selektion zu betreiben, Selektion im Sinne der herrschenden Eliten, Selektion darüber, wer dieser Gesellschaft nützlich ist und wer nicht. Guttenberg hat seine Nützlichkeit schon lange zur Genüge bewiesen, kann also voll und ganz auf einen solchen Titel pfeifen – was er ja nun auch konsequenterweise tut.
 
Walter Benjamin, der noch von jenem altmodischen Schlage war, einen zumindest im Ansatz Hegel’schen Begriff von Wissenschaft verwirklichen zu wollen, durfte sich in der Weimarer Republik damals nicht habilitieren, weil seine eingereichte Habilitationsschrift über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ zu viele eigenständige Gedanken, zuviel Theorie, zu wenig „zitierten“, also abgeschriebenen Blödsinn enthielt, zu „unorthodox“ war (heute hingegen parasitieren ganze Doktorandenstämme vom Inhalt allein dieser Schrift); bei Dissertationsverfahren ist sogar noch von einer weit nachdrücklicheren Verbrämung des Denkens auszugehen. Das sollte eigentlich alles über Titel und die sogenannte „Doktorwürde“ sagen: Sie ist die Würde der ideenlosen Idioten. Nirgendwo soviel wirres Geschwätz, soviel geistige Leere, so große Hirn-Ödnis und Denkfeindschaft wie beim Studententum und speziell den Doktoranwärtern in ihrer staatlichen Kampfbastion gegen den autonomen Geist, der Universität. Aber was soll mans ihnen vorwerfen, sie studieren nunmal, weil sie sonst nichts können; und natürlich kann auch ein Guttendepp nichts – er wäre sonst wohl kaum deutscher Minister.

Folglich ist er ganz zurecht immer noch da, wo er jetzt ist. Jeder Kommunist sollte begrüßen, dass die deutsche Bourgeoisie so offen zu ihren Verbrechen steht; es gibt keinen „besseren, glaubwürdigeren Verteidigungsminister“, weil es in bürgerlichen Staaten keine guten Minister geben KANN. Sie setzen die Interessen des Kapitals durch, und das tun sie gut, wie sie es tun – ob mit oder ohne Titeln. (Schrecklicher Verdacht: Sind Politiker etwa Lügner und Betrüger? Und werden sie etwa gerade deshalb vom Pöbel verehrt?) Einen Rücktritt zu fordern wäre also, wenn nicht bodenlose Dummheit, so doch pure Heuchelei, weil diese Forderung implizierte, dass durch den Rücktritt irgendeiner gut passenden Charaktermaske und dessen Austausch durch eine schlechter passende irgend etwas besser, gerechter, oder, ach herrje, „glaubwürdiger“ werden könnte.

Guttenberg zu verteidigen, seinen Verbleib in der Bundesregierung zu unterstützen, sollte also im Interesse eines jeden liegen, dem am Schaden der BRD und seiner Titel- und Würdenträger gelegen ist.

ordnungmusssein

Trotzdem wird momentan von allen möglichen (auch linken) Moral-Instrumentalisten Guttenbergs Rücktritt gefordert: Ordnung muss sein! – da sind sich Links- und Rechtsdeutschland, Bloggertum und SPD, Jutta Ditfurth und Arnulf Baring (letzte Woche gemeinsam bei Maischberger sitzend) einig; beiden ist es eine Herzensangelegenheit, die bürgerlich-akademische Ehre zu retten, weswegen der Freiherr doch bitte als Minister zurücktreten und irgendeinen Ex-CDU-Kassenwart den Rommel machen lassen möge, um dann drei Jahre später unbelastet und mit umso mehr „Glaubwürdigkeit“ CSU-Vorsitzender und daraufhin Bundeskanzler werden zu können. Na Prost.

prostguttenberg1
Schwerter zu Zapfhähnen: Pöbel, Guttenberg, Bierkrug

Eigenständigkeitserklärung:
Hiermit erkläre und versichere ich abstruserweise, dass ich den gesamten obigen Text vollkommen eigenständig und ohne Hilfe von Mami und Papi, mit korrekter Zitation und innerhalb von fünfzehn Minuten im volltrunkenen Zustand zusammengeschustert habe.

Mein Ehrenwort: Prof. Dr. Dr. Dr. Lyzis von und zu Welt

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Zum Problem des deutschen Politikers

Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat auch noch anerkennt, seinen Hirnschaden für Bildung hält und ständig neue deutsche Vollidioten produziert. Ein Großteil der deutschen Politiker hat doch keine produktive Funktion außer für den Frauen- und Waffenhandel.

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Der Autor heute

Teil I: Die Bekämpfung und Entmündigung des Autors durch Cut-up-Punks und Blogger

„Der freie Mensch ist nicht neidisch, sondern anerkennt das gern, was groß und erhaben ist, und freut sich, daß es ist.“ (Hegel)

1.

Wurde der Autor früher, bevor er durch Agenten von Subjektvernichtungsorganisationen wie den Poststrukturalisten zu „Tode“ (Roland Barthes)1 geschrieben wurde, zumindest noch von einigen wenigen klugen Leuten als PRODUZENT, also schaffendes Subjekt gesetzt und begriffen, welches allein schon aufgrund dieses Umstands zur produzierenden, also proletarischen Klasse zu zählen sei, ist er heute stattdessen endgültig durch lediglich distributive, verwaltende, konsumierende Funktionen einnehmende „Beitragsschreiber“, durch nicht-produzierende, kleinbürgerliche Vermittler und Dirigenten schon vorhandener Materialien und bloße halbbewusste, mit Ressentimentpopel zusammengeklebte und aneinandergematschte Verfestigung von Infrastruktur-Erweiterungen, also durch Fotos weitergebende und Tagebuchmüll-Blogger, -Twitterer und Internetpampe aufbackende sonstige digitale Nuscheler und Schrift-Freiräuber („Cut-up“) ersetzt worden. Cut-up, der Aktionismus des passiven Bewusstseins, die Domäne bürgerlicher Kunstbeobachter und Diskurs-Verwaltungsbeamter, die Tätigkeit der „zufälligen Existenz“ (Hegel), die ihre Zufälligkeit auch noch zur Kunst erheben will in der Projektion ihrer allgemeinen Planlosigkeit aufs Material, strebt einen Autor an, der nicht mehr schreibt, sondern den Müll, der eh überall herum liegt, kopiert, also die Scheiße verdoppelt und die Tätigkeit des Kapitalisten nachahmt – seine objektive Funktion im gesellschaftlichen Produktionsprozess ist die Ausbeutung des produzierenden Autors.

Ende der Sechziger Jahre fiel es armen commünistischen Irren nämlich plötzlich ein, auf künstlerische Maßstäbe lieber ganz zu verzichten und als neues Ideal des Autors den Drogendealer und Scientologen William S. Burroughs hoch zu hetzen, schließlich musste der wissenschaftliche Marxismus und sein projektives Endprodukt, der Kommunismus, nicht nur auf sozialer, wissenschaftlicher und politischer, sondern auch auf literarischer Ebene effizient bekämpft werden – da kam der „bewusstseinserweiternde“, also Hirnmasse auflösende Stumpfsinn der Beatniks gerade recht (zur Not, wenn man das Pack mit den Folgen ihres Tuns konfrontierte, gab es immer noch die Sowjetunion, der man jegliche Probleme bei der Umsetzung des Kommunismus in die Schuhe schieben konnte). Der bewusst gebildeten Künstlichkeit des Werks wurde die bewusstlose, reaktionäre Authentizität einer geistlosen, scheinweltverhafteten, imaginierten Unmittelbarkeit und Echtzeitlichkeit der zusammengewürfelten Momente einer Werklosigkeit entgegengesetzt. So war die commünistische Schnipsel-Ästhetik geboren und es dauerte kaum 20 Jahre, bis sie sich zur endgültigen Totalität entfaltet an jeder Ecke finden ließ – die Kritiker (also: Opfer) des Kapitalismus boten ihr den fruchtbaren Boden. Dieser Zustand hält nicht nur bis heute an, er wird nahezu auf alle publizistischen Bereiche ausgeweitet; kaum ein Blogger, der heute nicht stolz ist auf seinen Analphabetismus.

Jahrhundertelang exzerpierten Leser Textstellen in ihre Kladden, heute wird die Veröffentlichung solcher Exzerpt- und Zitatsammlungen als neue, ja als einzig maßgebliche Gattung hochgejubelt, gerade so als läse außer der postmodernen Autoren-Karikatur („Texter“) niemand Zeitung, als sehe sonst niemand Fernsehen, als sei der ganze ge-cut-upte Kram den Interessierten nicht eh schon längst bekannt und als könnten sie die sagenhafte Verknüpfungsarbeit zum Zwecke der exorbitanten Bewusstseinserweiterung nicht selber leisten. Wenn nun also der bemittleidenswerte Stefan Ripplinger, einer der strebsamsten Repräsentanten der postmodernen Anti-Kunst-Phalanx stolzer Hirnloser faselt:

„Schreiben ist Kombinatorik. Der Schreibende kombiniert Buchstaben, Wörter, Sätze, Texte miteinander. Er montiert fertige Stücke zu einem Ganzen“,2

dann beschreibt er hier den Autor nicht nur ungefähr so positivistisch wie der Satz „Die Hure empfängt Männer und entlässt sie wieder“ die Tätigkeitsbezeichnung einer Prostituierten bestimmt, sondern ignoriert vor allem die Tatsache, dass die Hauptaufgabe des Autors immer das Denken, das Produzieren von Ideen und Konstellationen, die Reflexion, und nicht das bloße Schreiben, Texten oder gar Kombinieren von vorgefundenem, quasi naturwüchsigem Schriftmaterial war.

Das bloße Am-Schreibtisch-sitzen-und-texten, auf welches gerade auch bei den grundsätzlichen Kritikern des Konzepts Autorschaft die Autorentätigkeit immer reduziert wird, nimmt beim klassischen Autor höchstens 20 Prozent seiner Zeit ein. Den Großteil des Tages verbringt er mit dem Beobachten, Denken, Lesen, Begreifen, Entwerfen; hier und da macht er sich nebenbei und zwischendurch ein paar Notizen, ordnet Phänomene in seinen geistigen Kategorien- und Begriffs-Apparat ein, sortiert Aufzeichnungen und Zettel unter Stichwörtern (z.B. mit der Zettelkasten-Methode), führt ein Leben, das sich dem Irrsinn des bürgerlichen Verwaltungs-Sisyphosismus und den schlimmsten Niederungen der Lohnarbeit weitestgehend zu entziehen weiß; – die Praxis des Autors ist zum überwiegenden Teil eine geistige (was, nebenbei bemerkt, die Hauptursache für den Umstand ist, dass man an deutschen Universitäten und Hochschulen so gut wie keine klassischen Autoren findet), nämlich die seines Lebensprojektes, der Verwirklichung der Realität in Begriffe. Die Texterei, die Büroarbeit, das Lohnsklaven-Elend eines Betriebs-Angestellten, als das die autorschaftsfeindlichen postmodernen Spinner den Autor gerne sähen, ist heute dem Journalisten überlassen, der dafür vom kapitalistischen Betrieb ja auch hinlänglich belohnt und allmählich dessen Mitglied, also das Gegenteil eines Autors wird. Einen solchen himmelhoch jauchzend elenden Scheiß mit der Tätigkeit des wirklichen Autors zu verwechseln ist natürlich dumm, aber es ist wohl vor allem auch die Böswilligkeit des allseitig in seinen Ambitionen und an seinen eigenen Idealen Gescheiterten, des trotz krassester Anpassungsleistung kaum Arrivierten, welche Leute wie Ripplinger (ich will ihn hier nur – ganz in seinem Sinne – als paradigmatisches Symptom verstanden wissen, er ist ja repräsentativ für die „Szene“) dazu treibt, ihren Neid auf die unabhängigen Geister zu verkleiden, indem sie sie TOTAL und ALLESAMT eingemeinden möchten in ihre hirnlose Hölle der Gebrauchstexte fabrizierenden Vollzeit-Arschlöcher. Lohnschreiberei und Autor-Existenz aber schließen sich aus; jene schadet dem Autorenwesen so, wie der Commünist dem Kommunismus schadet.

Ripplinger weiter über „den Schreibenden“:

„Er zitiert fremdes Material, denn das Alphabet gehört ihm nicht, [wem, by the way, wenn nicht dem Autor, gehört denn das Alphabet? Dieser Satz ist so logisch wie: „Der Autofahrer fährt mit fremdem Material, denn das Auto gehört ihm nicht.“ Anmerkung von mir, L.W.] die Wörter hat er nicht geprägt, die Sprichwörter und Sprachbilder nicht ersonnen, all die Bücher nicht geschrieben. ‚All minds quote.‘ Wer schreibt, wiederholt, spricht in Zitaten. [Absatz] Der Verfasser einer Zitatmontage hat also nicht, wie manche meinen, als Autor abgedankt, sondern er ist überhaupt der Einzige, der die Autorfunktion mit allen Konsequenzen anerkennt. Er behauptet nicht, Kaninchen aus dem Hut zaubern zu können. Er behauptet im Gegenteil, dass das Kaninchen schon vor seiner Revue auf der Welt war. Wir [das Krankenschwester-Wir, immer wieder gern genommen bei Idioten, die ihren Schwachsinn ständig auch gleich der restlichen Welt unterjubeln wollen, Anm. L.W.] sollten nicht so voreilig sein zu behaupten, es sei durchaus dasselbe. [Absatz] Schreiben ist so gesehen immer Abschreiben.“3

Ripplinger, so gesehen, geht in sich, findet nichts und will dann diesen Zustand auf den Rest der Menschheit übertragen, Motto: „Ich bin unfähig, also kann es keine Fähigen geben, Genieglaube abschaffen, ab jetzt bitte auch alle anderen nur noch Scheiße fabrizieren, klappt doch eh schon prima in der Jungle World zum Beispiel!“ Welch bequemes Leben wenn man doof ist.

Das Interessante, weil Wesentliche an den derzeitig grassiernden Pest-Teilen jener regressiven Großbewegung, die das Prinzip der Autorschaft – auch noch unterm Mantel der Avantgarde – als solche sowieso schon immer komplett für „überholt“, tot, überflüssig, prätentiös oder sonstwie falsch hielten, ist ja einfach, dass sie die Speerspitze der Kunstlosigkeit darstellen: Weil sie keine eigene Kunst herzustellen in der Lage sind, können sie, wo eine solche einmal vorliegt, auch keine Kunst, also Autorschaft, Genie usw. mehr erkennen; sie denken in ihrer konsumierenden, passiven, indifferenten Literaturzitatesammler-Existenz eben tatsächlich, dass jeder andere genauso dämlich und einfallslos ist wie sie selbst, ahnen gar nicht, dass sich Kunst, Talent, Autorschaft nunmal durch ganz andere Dinge als bloß durch das reine Ausdenken, Erfinden, Aufschreiben, „Kombinieren“ von Sätzen, sondern das sinnvolle Anordnen von Begriffen und Kategorien innerhalb eines zusammenhängenden geistigen Gebildes, eines klassisch autonomen Kunstwerks, das sich selber wieder auf einen größeren (Werk-) Zusammenhang bezieht, das Dramatisieren von Texten, Textfragmenten, Gedanken, Sätzen, Zusammenhängen, Meinungen, Personen usw. im Roman, im Essay, in der wissenschaftlichen Untersuchung, im Theaterstück usw. auszeichnen (und sich von jeher ausgezeichnet haben). Autorentätigkeit bedeutet ja gerade das (durch Fabel) Zusammenführen, das KOMPONIEREN von Gedanken, Positionen, Gegenständen, Figuren, und eben nicht das bloße HERSTELLEN solcher. Der klassische Autor „verwendet den Stoff“ (Susan Sontag) nicht, er erzeugt ihn zu großen Teilen erst. Nur weil sich der Produktions- und Autoren- (also auch: Wissenschafts- und Marxismus-) Feind nicht vorstellen kann, dass die Kunst keineswegs am Ende ist, heisst das eben noch lange nicht, dass es sich real auch so verhält; im Gegenteil, sie ist ja gerade erst einmal am Anfang, und wird sich von daher erst recht nicht von Luschen wie Ripplinger und sonstigen aufständischen Autorschaftsgegnern etwas sagen oder gar auf den Friedhof der Geschichte vergraben lassen. Auch die Kunde von der Existenz des Begriffs Neologismus, überhaupt von sprachlicher Fortentwicklung und Neu-Erfindung von Sprachen scheint bei Ripplinger und den anderen marodierenden Antiautoritären (und was ist das Schreiben anderes als autoritäres Verhalten par excellence) noch nicht angeklopft zu haben – was Sprache überhaupt ist, davon haben sie keinen Schimmer, sonst würden sie weder so schreiben, wie sie schreiben, noch das schreiben, was sie schreiben, noch ihren verkorksten Hirnplunder über Sprache, Text und Autor im allgemeinen unters Volk kotzen. Man hat es also hier mal wieder mit den drei großen Bollwerken bürgerlicher Demokratie gegen marxistische Vernunft und für die Abschaffung der Kunst zu tun: (Kunst-)Freiheit4, Antiautorität, Unbildung. Die Entkernung des Subjekts auf gesellschaftlicher Ebene geht mit der Autorfeindschaft auf literarischer einher.

„Cut-up“, „Remixen“, „Collage“: Dass sie Literatur behandeln als sei sie Pop-Musik oder Fotografie, offenbart ja schon alles über die Geistlosigkeit der Zustände, die jene Szene ausmachen. Leute, die keine ästhetischen Kriterien besitzen, überhaupt die reich bevölkerte Gemeinschaft derer, die das Elend jenes Bewusstseins teilen, welches sich durch Kriterienlosigkeit nahezu definiert, pfeifen nunmal auch auf Ästhetik, weil sie nämlich auch inhaltlich nichts aufzubieten hätten, was der angemessenen ästhetischen Darstellung würdig wäre. Kunst kommt eben von Können (die Existenz solcher Antiautoren wie William S. Burroughs, Rolf Dieter Brinkmann, Uwe Nettelbeck, Susan Sontag, Jean Genet, Robert Anton Wilson etc. ist dafür ja gerade der auf Papier manifestierte Beweis5, zumindest der Beweis dafür, dass Nichtkönnen immer Nichtkunst zur Folge hat – es verhält sich mit den Nichtskönnern ähnlich wie mit modernen Politikern: das Volk wird gar nicht mehr verarscht, sondern man gibt die Schweinerei einfach zu, ist sogar stolz auf Unfähigkeit und Dummheit UND IST GERADE DESHALB BELIEBT); keine Ahnung, was die Nichtskönner immer zur Kunst treibt und sie sich auch noch erdreisten lässt, ihr Vorschriften zu machen; wahrscheinlich ist es der prinzipielle Gestus des Kritischen, der humanoiden Spürhund-Idiotie, der ästhetische Trotzkismus also, wie man ihn schon von Adorniten, 68ern, Frauenbewegung usw. kennt, vermengt mit der letztlich nur somatischen, vorbewussten Aufnahme des bloßen auratischen Abglanzes des „sinnlichen Scheinens der Idee“, als welche Hegel das Kunstschöne gültig definierte . (Der Anarchismus hatte ohnehin noch nie eine Ästhetik – man erinnere sich nur an Godard, Camus, die Sex Pistols, Family Guy und vor allem deren Fans.) Langweilig, verblödend und dämlich wären sie schon zur Genüge, wenn sie nur monomanisch ihren Mist durchzögen, aber dass diese Kunst-Lumpensammler auch noch allen anderen ihre „Theorie“ aufdrücken, das muss nun wirklich nicht auch noch sein; der Provinzkrämer mag bemitleidenswert, armselig und für seine Verhältnisse sogar erfolgreich sein, aber wenn er dem Großkonzern Nachhilfe im Handelswesen geben will, wird es doch langsam grotesk.

Der Cut-upper (und was ist das ordinäre Weblog anderes als ein erbärmlich langes Cut-up), der Bilder-, Texte- und Aufrufe-Weiterverbreiter – und natürlich erst recht der jenen Stuß wiederum verbreitende Journalismus – sieht die Welt der Kunst nur als einen unzusammenhängenden Brei, als etwas Begriffsloses, weil er keinen Begriff von ihr bilden kann oder will, und hat deshalb auch keinerlei Schwierigkeit damit, munter durch die Gegend zu cut-uppen, zitieren, faseln, bloggen. Bei ihm liegt der traditionsreiche romantische Irrtum vor, den eigenen, durch grundlegende Armseligkeit hervorgerufenen Entäußerungsdrang mit dem Informationsbedürfnis der restlichen Welt zu verwechseln (denn erst im Kommunismus werden logischerweise beide endgültig in eins gehen UND BIS DAHIN HAT MAN ENTWEDER DIE FRESSE ZU HALTEN (Hirnlose) oder zu ARBEITEN (Einsichtige)). Man hat es hier in der Regel zu tun mit Design- oder Kulturwissenschaftsstudenten, die sich „in ihrer Freizeit“ auch noch für „Marxismus“ und „Kapitalismuskritik“ interessieren, weshalb sie mit ihrer Scheiße andauernd die anderen armen Schweine im linken Zentrum belästigen und dazu natürlich noch ein Blog betreiben, damit alle Welt auch sofort weiß, wenn sie wieder ein neues Heinrich-, Adorno- oder Butler-Kapitel fertig gelesen haben, so wie sich der Großkapitalist nebenbei auch noch für „Kunst“ interessiert oder womöglich selber Hobby-Maler ist, weil er ein paar Gemälde im Büro hängen hat und zweimal im Jahr ins Museum geht. Die Klassik nannte das noch Dilletantismus, heute, in der total und global fleischgewordenen deutschen Romantik, gehört es „in der Szene“ zum guten Ton.

In ihren Texten beziehen sie sich formal auf den Kommunismus, bezeichnen sich bisweilen sogar als dessen Anhänger; was die eigene Stellung im Produktionsprozess und die Haltung zu geistiger Produktivität, die Ergebnisse der eigenen Bemühungen anbelangt, praktizieren sie jedoch das genaue Gegenteil: Bürgerliche, antikommunistische (oder dem Kommunismus zumindest nichts nützende) Überzeugungs-, Aufklärungs- und Agitations-Aktivität, also die in Text gefasste Nicht-Arbeit, die begriffslose Nachlese oder die kontrollierende Kritiker-Haltung (der Kritiker ist ja nahezu das Paradebeispiel des unproduktiv-reaktionären Arschlochtums, letztlich ist er das zombieeske Gegenstück zum Autor), also alles explizit nichtproduzierendes, den Status Quo lediglich reproduzierendes Tun, das Werkeln am bloßen Gegebenen. Ihr REALER Klassenstandpunkt ist also ein falscher, nichtproletarischer, bürgerlicher; einer der dem vorgeblichen widerspricht, ja entgegengesetzt ist, einer, der der Kapitalreproduktion, nicht dem Sozialismus verpflichtet ist. Ein Texter, Nicht-Autor kann also kein Kommunist sein; er mag für den Kommunismus Propaganda treiben (die Parolenhaftigkeit von Propaganda-Flugblättern war schon immer der ärgste Feind des selbständigen Gedankens und des Fortschritts), so wie ein Werbeagentur-Angestellter für ein Fernsehgerät Reklame macht – den Fernseher aber hat er selber weder hergestellt, noch konzipiert. Der bloße Material-Sammler, -Verwurster und -Publizierende ist der Blinddarm des Produktionsprozesses und entwicklungsgeschichtlich ungefähr auf dem Stand einer Biene; er übernimmt zudem auch noch freiwillig die schändliche Drecksarbeit des dümmsten Standes der Gesellschaft, nämlich des Journalisten, dessen Job ja schon von je her die bloße ohnmächtige, chaotische, entkontextualisierende Ansammelei und Verbreitung von rein Zufälligem war. Die Tätigkeit des klassischen Autors hingegen war schon immer das Gegenteil, nämlich die bewusste, Ordnung stiftende, Sinn erzeugende Komposition, die Vermählung des bloßen Materials mit dem darüber erhabenen Gedanken. Klassische Autoren wie Goethe und Heine haben also auch im Sinne des Kommunismus Großes und zum Fortschritt der Menschheit Nützliches geleistet – vor allem weit mehr, als all die vergessenen namenlosen sozialrevolutionären Agitatoren, Gutmeiner und „Aufklärer“, die zur selben Zeit nichts anderes taten als mit ihrem wiedergekäuten Mumpitz vollgeschmierte Flyer zu verteilen und kritische Diskussionsgruppen zu leiten.

2.

Das prinzipielle Elend der modernen Form des Autorendaseins ist ja, neben all den hyperlinkübersäten Dreckstexten von bewusstlosen Arschlöchern, die man im Netz überall so lesen muss, vor allem die Tatsache, dass der Autor (der produzierende, also klassische natürlich, nicht der seine Konsum-Erfahrungen schildernde – oder, wenn er beispielsweise ein Bahamas-Schreiber ist, aus seinem Zettelkasten Adorno-Paragraphen leicht umformulierende oder direkt abschreibende, postmoderne, tote), um wenigstens von ein paar armen Irren gelesen zu werden, andauernd auch mit deren hirnloser Scheiße konfrontiert wird: das Blogroll-, Referer-. und Follower-Unwesen, die Kommentarfunktion, die oft nicht vermeidbare Bezugnahme auf die einen anpissenden Canaillen etc.: Ignoriert man die Deppen, wird man wiederum von den Deppen ignoriert, und somit – da die Deppen aufgrund ihres Mangels an wirklichen Fähigkeiten ja innerhalb der kapitalistischen Arbeitsteilung für die Verbreitung, Multiplikation und Popularisierung von Material zuständig sind, das sie selber nicht begriffen haben – auch vom Rest der Öffentlichkeit. Der im Aussterben begriffene traditionelle Autor weiß schon, warum er sich mit dem Pack, das sich „Leser“ oder „Fans“ schimpft, nicht abgibt; Verlag, Lektor, Agent, Redakteur waren nicht nur wunderbare Zensurinstanzen, die die Veröffentlichung von wirklich guten Werken meist zuverlässig vereitelt und das heutzutage alles durchseuchende orientierungslose Bloggerschwätz verhindert haben, indem sie wiederum das Schriftstellergeschwafel direkt auf von niemandem gelesene Buchseiten drucken ließen, sondern vor allem prima Bollwerke gegen das Scheißgesindel selbsternannter Anhänger, die bislang jedem auch noch so selbstsicheren Autor die Schamesröte ins Gesicht getrieben haben. (Anmerkung für die Hirnlosen: Ich hoffe, der Satz war unverständlich, menschenverachtend, lang und inhaltslos genug. Ansonsten bitte wie gehabt ins Meckerformular unten reinblöken, danke.) Vor einem Autor unter Verlags- und Apparats-Schutz hatte man wenigstens einen Rest von Achtung (man belästigte ihn höchstens auf Lesungen), der Internet-Autor kann sich vor bescheuertem Fan- oder Kritiker- (strukturell eh dasselbe) Gejaule kaum noch retten; selbst Verlage sind ja heute nur noch schlecht gemachte Kollektivblogs mit gedrucktem Ausschiss.6

Ein Künstler (erst recht ein Autor) aber, der mit dem Publikum spricht, ist keiner mehr, weil er sich mit seiner Bereitschaft, dem bösartigen Gesindel entgegenzukommen, selber schon zum Diskussionszombie, zum netten Typen von nebenan, zu „einem von ihnen“ macht (die Diskussionsbereitschaft der commünistischen Communications-Canaillen zum Beispiel ist in den allermeisten Fällen ohnehin nur die Weigerung, seinen eigenen Verstand zu benutzen – wo ein solcher aber nicht existiert, sind natürlich auch Diskussionen unnötig). Und einer, der nicht selber produziert, sondern nur sammelt und schnippselt, ist ohnehin irrrelevant, weil nur derjenige auch wirklich sammeln und konsumieren kann, der das Gesammelte und Konsumierte auch in der Lage ist PRODUKTIV zu verarbeiten, also in ein neues zu verwandeln. Goethe, die Inkarnation des klassischen Autors (der bisweilen Jahre, sogar Jahrzehnte an einem Werk schrieb, sich also Zeit ließ, statt jeden ephemeren, unzusammenhängenden Gedanken sofort auf irgendeine Weise ins stumpfsinnige Nichts der Öffentlichkeit zu verramschen und seine Aufgabe auch nicht bloß darin sah, auf volkstümliche Weise ohnehin schon bekannte Banalitäten in Kunsthandwerk zu übersetzen, sondern sich nunmal auch der (Natur-)Wissenschaft, Ästhetik, Philosophie konzentriert und engagiert widmete) dazu an Frédéric Jacob Soret, 1832:

„Was bin ich selbst? Und was habe ich getan? Ich habe all das gesammelt, nutzbar gemacht, was ich genommen, beobachtet habe. Meine Werke sind genährt durch Tausende von verschiedenen Einzelwesen, von Dummköpfen und von Weisen, von geistreichen Menschen und von Narren. Die Kindheit, die Reifezeit und das Alter, sie alle haben mir ihre Gedanken, ihre Fähigkeiten, ihre Seinsweise angeboten, ich habe oft die Ernte eingebracht, für die andere gesät hatten. Mein Werk ist das eines Kollektivwesens, und es trägt den Namen Goethe.“7

3.

Wenn ich diese Blogtickermeldungen des hirngefickten Plauderpacks schon lese: „Ich werde in der nächsten Zeit wieder vermehrt bloggen“ (große Ankündigung auf vierzehn Blogs, bei Facebook und über Twitter, BREAKING NEWS!) und dergleichen mehr; ja worauf hat die Welt mehr gewartet, als dass irgendein namenloser unbeachteter Spinner von der humanistisch-undogmatisch-kritisch-anarchistischen offenen automomen selbstverwalteten autarken genderqueeren selbstorganisierten veganen kollektiv arbeitenden und lebenden toleranten kämpferischen pazifistischen kriegskritischen antikapitalistischen solidarischen Gruppe für Ameisenstaatskritik aus Göttingen nun endlich wieder vermehrt gecopypastete Aufrufe für komplett nutz- und wirkungslose linkscommünistische Piss- und Pöbeldemos und sonstiges Pop-Konzert-Diskussions- und Agitationsgewichse (in diesem Falle wirklich Gewichse: der Agitator ist ja vom Wesen her Masturbierender, er lässt prinzipiell keinen Verkehr mit anderen zu, höchstens mit den zu erziehenden Gummipuppen aka. „Massen“) in seinen vor Legasthenie und Irrelevanz nur so strotzenden Scheißblog über sein nichtiges Drecksleben rotzt. Man dachte ja als Mitglied des gebildeten Standes realitätszugewandter hegelianischer Stalinisten zunächst wirklich, dass mit den durch das selige, würdige und weise Ministerium für Staatssicherheit8 der Deutschen Demokratischen Republik vernünftigerweise eingefädelten Bekämpfung und Liquidierung der RAF-Bande und dem sonstigen antiautoritär-bundesrepublikanischen Trotzkistengeschmeiß zumindest die schlimmsten links-antikommunistischen Hornochsen vom Erdboden verschwunden seien, aber Pustekuchen!, kaum gibt es das Internet, fängt die Scheiße wieder von vorne an, und vor allem so schlimm wie nie zuvor.

Der Autor produzierte Kunst, Wahrheit, Wissenschaft; der Blogger produziert im besten Fall Meinungen, also Stuss.
Mehr Sehnsucht nach Mielke war selten.

(Fortsetzung folgt.)

Nachbemerkung: Immer, wenn man etwas verteidigt, sei es das militärische Vorgehen Israels, die Politik der SED, Kunst, Autorität, oder, wie hier, den Autor, kommen ja alle möglichen Kommunikations-Canaillen rechter oder linker Dachschadenkategorie aus ihren Löchern herausgetorkelt, um mal wieder AUS PRINZIP dagegen zu sein und um zu skandieren, wie menschenverachtend, doof, reaktionär o.ä. eine solche Verteidigung doch sei. Die Kommentarspalte ist offen, aber die Ordnungs-, Setzungs- und Bestimmungs-Feinde haben die Fresse zu halten. Eure „Argumente“ sind bekannt, sie interessieren den Weltgeist einen Kehricht, weil sie vollkommen irrelevant sind; ihnen wird hier kein Forum geboten, damit das klar ist.

  1. Die Theorie des „Tods des Autors“ ist auch nur eine primitive Form der schon seit Ewigkeiten bestehenden Erkenntnis, dass ein Text durchaus auch andere Interpretationen zulässt, als die vom Autor intendierte – Hegel nannte sowas schlicht Objektivität. [zurück]
  2. Stefan Ripplinger, Return to Sender. Uwe Nettelbecks Zitatmontagen, in: Kultur & Gespenster Nr.7, Herbst 2008, S. 74) [zurück]
  3. ebd. [zurück]
  4. Es ist ja eine lange Tradition der Kunst-Unverständigen, sich für die Abschaffung der Kunst qua „Kunstfreiheit“ einzusetzen. Im Milieu der Gegenwartsliteratur haben sie es ja auch fast geschafft, Gratulation! [zurück]
  5. Abgesehen von der Form (erst „offene Form“, dann geschlossene Anstalt, kennt man ja) ist deren Quatsch auch THEMATISCH ein einziger Dreck: „Entfremdung“, Antiamerikanismus, Pazifistenhetze, Drogensumpf, Hippiekauderwelsch, TV-Spielshows – langweiliger und dümmer geht es nicht. Rauschgift, Romantik, Diskontinuität, Trübsal, Fragment, Fabellosigkeit und Hirnriss: das sind die Ideale des postmodernen Texters, Bloggers, Cut-Up-Punks (statt Bewusstheit, Klarheit, Klassik, Können, Konzentration, Reichtum, Zusammenhang und Sinn, wie noch beim klassischen Autor). Der postmoderne Texteverwurster ist wie der commünistische Kritiker (weswegen beide meist ja auch in Personalunion auftreten): Er ist mal hier dagegen und mal dort unzufrieden, mal hier verzweifelt und mal dort empört – einen Standpunkt, gar einen Plan hat er nicht. [zurück]
  6. Jetzt ist auch noch der Suhrkamp-Verlag aus seinem Frankfurter Elfenbeinturm nach Berlin „umgezogen“, wo auch diese letzte Bastion des verlegerischen Klassenkampfs (von unten wie von oben gleichzeitig, Pluralismus eben – der Suhrkamp-Verlag hat ja nun wirklich JEDEN veröffentlicht) in den nächsten Jahren wohl kontinuierlich von den dort ansässigen Web-2.0-Canaillen, Loboianern und sonstigen Aphoristikern des allgemeinen Elends unterwandert werden wird. [zurück]
  7. Wolfgang Herwig (Hg.), Goethes Gespräche. Eine Sammlung zeitgenössischer Berichte aus seinem Umgang, auf Grund der Ausgabe u. des Nachlasses v. Flodoard Freiherrn von Biedermann, 5 Bde., Bd. 1-3.2: Zürich u. Stuttgart, Bd. 4 u. 5: Zürich u. München 1965-1987; hier Bd. 3.2, S. 839, Nr. 6954. Zitiert nach: http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/birus_wiederbegegnung.pdf, Seite 6, Fußnote 5. [zurück]
  8. Nur, dass es bei Biermann nicht kurzen Prozess gemacht hat, und zwar schon viel viel früher, ist unverzeihlich – ansonsten beste sozialistische Arbeit, kaum ein Mord mehr als notwendig. [zurück]
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