Archiv der Kategorie 'Pop'

Neues Buch: Hass von oben, Hass von unten

Mein neues Buch erscheint am 17 Februar. Wer es vorab bei mir bestellen will, kann das hier tun.

Marlon Grohn
Hass von oben, Hass von unten
Klassenkampf im Internet
174 Seiten
Das Neue Berlin
12,– €

hassbuchcover

Wo Höflichkeit als einzige Maxime gilt und »Netiquette« die liberale Öffentlichkeit bestimmt, wird jede Form von erbittertem, also: entschlossenem Kampf gegen die Zustände als »Hass« verunglimpft. Proletarische Kampfformen werden mit rechtsradikaler Hetze gleichgesetzt, weil Liberale keinen belastbaren Begriff von Faschismus mehr haben. Die Debatte, die sich um den Hass im Netz entfacht, bezeugt, auf welcher Seite sich nicht nur Liberale, sondern auch große Teile der Linken tatsächlich befinden, wenn sie den Kampf gegen das Symptom Hass als wichtiger erachten als den gegen die Verhältnisse, die seine Ursache sind.

Die vielbeklagten Phänomene Hass und Verrohung sind Teil des traditionellen Pöbel-Problems: Vor 200 Jahren machte man Goethe-Bücher für Selbstmorde verantwortlich, nach 1990 sollten »Ballerspiele« und Heavy Metal an der »Verrohung der Jugend« schuld sein, an Hass, Gewalt, Amok- läufen, Attentaten, Terror und sonstigem angeblichem Sittenverfall. Heute ist es der »Netz-Hass«: Was dem Rechten sein Drogendealer im Park, dessen Beseitigung ihm der letzte Schritt auf dem Marsch in die heile freie Welt ist, sind den Linksliberalen ihre Hassenden und Trolle im Netz. Die nähere Untersuchung zeigt: Da werden bloße Symptome zur Bedrohung für Gesellschaft, Freiheit, Frieden zurechtfetischisiert. Was aber ist schon der Hass gegen die Gesellschaft im Vergleich zur Gesellschaft, die den Hass hervorbringt? Was ist das Beleidigen eines Springer-Redakteurs gegen die Beleidigung, die Springer für die Menschheit bedeutet?

Erscheint 17. Februar 2021

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JOKER (2019) von Todd Phillips

Jemand meinte, er fand den Film deswegen gut, weil der Alltag darin ausnahmsweise einmal aus der Perspektive der Armen, der Verlierer der Gesellschaft gezeigt werde, die sich gegen die Reichen, die arroganten Gewinnertypen, die Erfolgs-Arschlöcher wenden. Genau das Gegenteil ist der Fall:
Der Joker wird so dargestellt, wie sich der Großbürger, der liberale Fan von gemäßigter Umverteilung, von Charity und staatlicher Aufsicht über „asoziale Elemente“ ein Opfer ihrer Gesellschaft, einen Verrückten vorstellt. Der Joker wird als Bedrohung gezeigt, in ihm lauert die Gefahr für die Reichen; deshalb handelt es sich bei der Erzählperspektive in diesem Film um die Perspektive des sozialdemokratischen Bourgeois, der seine Mitwelt vor der Rache der Verlierer in der von ihm verteidigten Gesellschaft warnen will.

Denn wenn, so das Credo, der Verlierer zuviel verliert, verliert auch der Reiche – zum Beispiel sein Leben. Deshalb stellt sich der Film selbstlos in den Dienst der cineastischen Sozialarbeit: vor den Gefahren, die vom Pöbel ausgehen, wird gewarnt; die gesamte Joker-Existenz wird lediglich als unerfreulich wahrgenommen, als ein hässlicher Schandfleck – von anderen, wie von ihm selbst. Die Mitglieder der herrschenden Klasse im Kapitalismus, das zeigt sich hier entschieden, können bzw. wollen sich den Kampf gegen ihr System immer nur als unreflektierte, aus Gefühlschaos resultierende Anarcho-Revolte von Kranken oder gewaltgeilen Irren vorstellen, als eine von hirnlosen Gaunern, die ohne Plan auf einzelne Kapitalisten – oder Menschen, die sie für solche halten – losgehen, statt als geschulte Kommunisten die saubere Gesamt-Exekution der bürgerlichen Gesellschaft zu planen und durchzuführen. (Deshalb bekommen ja auch Leute wie Handke und Jelinek den Nobelpreis: zornige Spinner und vor Feinfühligkeit fast zerfallende Poetinnen, denen man anmerkt, dass ihre politischen Äußerungen ein Pfeifen im Keller sind und dass ihre Phantasien, wie ausgeklügelt sie auch sein mögen, niemals Politik werden können. Man belohnt und belobigt die „radikalen Querdenker“, die Künstler, die der Gesellschaft – jetzt aber mal so richtig – den Spiegel vorhallten nur zu gerne, weil sie und ihre Kunst immer auf sehr angenehme Weise ohne Konsequenzen bleiben.)

Aber die Ideologie des Erfolgs, die Arroganz der Gewinnertypen, gegen die sich der Joker bzw. der Film angeblich wendet, drückt sich selbst noch aus in der Konzeption des Films als Zerrbild des bürgerlichen Opportunismus, als – negative – „Karriere“: der Joker darf nicht einfach auf dem Sofa vor dem Fernseher dahindümpeln, nein, er muss unbedingt ganz unten ankommen, sich immer weiter in den Schwachsinn flüchten, damit wir, die verblödeten Zuschauer, die das soziale Allheilmittel und die Katharsis ausgerechnet im Popcornkino erwarten, endlich kapieren, wie schlimm es steht mit den Ausgegrenzten. Aber das wissen wir längst.
Trotzdem muss der Joker dieses Films unbedingt das Role Model abgeben für die Loser und Kranken, für die Ausgestoßenen und Unbefriedigten; das ist seine Motivation, sein einziger Antrieb. Er selbst sieht sich in seinen einsamen Tagträumereien als großes Talent, als Heiland der darbenden, verarschten Massen, als verkanntes Comedy-Genie, als Anstachler der Revoltenwoller. Aber warum überhaupt? Man erfährt es nicht. Millionen Menschen erleiden das Schicksal des Jokers (und schlimmere) und gehen trotzdem nicht auf Passanten los. Dieses Role Model ist konzipiert von genau jener Ideologie, die eben ansonsten dazu da ist, das Krankmachende, das Gewinner und Verlierer hervorbringende Konkurrenzsystem, den Schwachsinn, die Verarschung der Massen, die ungehemmte Produktion von Jokers, das Leid von Millionen in der liberalen Gesellschaft zu rechtfertigen.

Natürlich bietet der Film die 1 zu 1 Identifikation für die „Unverstandenen“, die Gamer und Anarcho-Teens, aber das ist der Trick, denn er tut das so schlecht wie möglich: er will jugendliche Unzufriedenheit in gesellschaftlich irrelevante Amok-Phantasien kanalisieren. Aber Menschen, die diese Gesellschaft mit bestem Wissen und Gewissen hassen, sind nicht einfach Kranke und Wahnsinnige, sondern vernünftig und deshalb Kommunisten und keine Clowns. Der Amok-Depp, der wirkungslos um sich wütende Terrorist, dass ist schon immer die bourgeoise Idealvorstellung vom „Kampf gegens System“ gewesen: Der Kapitalistenklasse sind 1000 Jokers lieber als ein Lenin.

Jokers Hass nämlich bekommt nicht die Gelegenheit, als richtig bestätigt zu werden; seine Gewalt kann sich nicht legitimieren, weil ihm der institutionelle Rückhalt – also etwa eine den Generalstreik organisierende revolutionäre Gewerkschaft, eine Kommunistische Partei im Aufstieg oder gar an der Macht – fehlt, und muss deshalb in eine die Ohnmacht und den Irrsinn nur noch verstärkende, den niedrigsten Bedürfnissen nachgebende, völlig subjektivistische Impulsivität münden, also im anarchistischen Komplett-Elend.
Die Geschichte des Jokers ist ein Bildunsgroman, aber ohne Bildung; ein Entwicklungsroman der Rückentwicklung. In einer (natürlich nicht existenten) alternativen Version des Films lässt Joker sich in der U-Bahn nicht provozieren, nimmt den Packen auf sich, erkennt die Realität, sieht ein, wird also vernünftig – und setzt sich, statt zum lahmen Epigonen von Leatherface herunterzukommen, an den Schreibtisch, um ein Buch mit dem Titel „Kommunismus für Erwachsene“ zu schreiben oder fängt als Kulturredakteur bei der FAZ an, wo er bolschewistische Artikel veröffentlicht.

Die schnöde Version aber, die derzeit in den Kinos läuft ist Gregor Gysis erhobener Zeigefinger als Film; ein zweistündiges „Denkt mal an die Kinder, Armen, Schwachen, Kranken“; eine Verständnissinnigkeit mit den Mitteln des Splatters; ein schlechtes Teenie-Meme auf zwei Stunden aufgebläht; Terminator 3 in blöd; Appell statt Kunst; Fight Club für Doofe.
Der Film bebildert lediglich die Sorgen der herrschenden Klasse: „Seht, was passiert wenn ihr Kranke mies behandelt und den städtischen Sozial-Etat kürzt: Chaos bricht aus und wir müssen dann wieder Charity machen. Batman, eile zur Hülf!“.
Die liberale Elite des Showgeschäfts klopft sich mit diesem Film auf die eigene Schulter, verleiht diesem Rotz den Goldenen Löwen in Venedig und dünkt sich dabei wohl noch rebellisch oder gar revolutionär.
Joker aber, das ist der Weltdepp zu U-Bahn. Er ist Andreas Baader, seine Clowntruppe die RAF, und Thomas Wayne Hans-Martin Schleyer (dessen Sohn, Batman, dann später Robert Habeck, das personifizierte schlechte Gewissen der Bourgeoisie, wird).

Die Vorlage war vielverprechend – was ein fähiger Resgisseur wie David Fincher daraus hätte machen können, lässt sich erahnen, wenn man an Fight Club denkt. Die Ausgangssituation der Story hat Potenzial, aber dieser Film setzt seine Idee ästhetisch miserabel um. Wer Protagonisten sehen will, die es richtig machen, die ihren völlig gerechtfertigten Hass auf die Gesellschaft auf gekonnte Weise, also produktiv einsetzen, dem seien die grandiosen bolschewistischen Meisterwerke „Now You See Me – Die Unfassbaren“ von Louis Leterrier und natürlich David Finchers „Verblendung“ empfohlen. In denen geht es darum, was Disziplin und Arbeit erwirken können, wenn sie richtig, nämlich zum sittlichen Zweck betrieben werden.

Joker. Regie: Todd Phillips. Mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz. 122 Minuten; im Kino seit 10.10. 2019.

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Geschmack versus Bildung

„Denn in der Kunst haben wir es mit keinem bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern mit der Befreiung des Geistes vom Gehalt und den Formen der Endlichkeit, mit der Präsenz und Versöhnung des Absoluten im Sinnlichen und Erscheinenden, mit einer Entfaltung der Wahrheit zu tun, die sich nicht als Naturgeschichte erschöpft, sondern in der Weltgeschichte offenbart, von der sie selbst die schönste Seite und den besten Lohn für die harte Arbeit im Wirklichen und die sauren Mühen der Erkenntnis ausmacht. Daher konnte unsere Betrachtung in keiner bloßen Kritik über Kunstwerke oder Anleitung, dergleichen zu produzieren, bestehen, sondern hatte kein anderes Ziel, als den Grundbegriff des Schönen und der Kunst durch alle Stadien hindurch, die er in seiner Realisation durchläuft, zu verfolgen und durch das Denken faßbar zu machen und zu bewähren.“ (Hegel, Ästhetik III)

Über Geschmack mag sich streiten, wer will. Idioten sind sie allesamt, wenn sie sich der somatischen Barbarei des bloß sinnlichen Schmeckens hingeben, dessen Maßstäbe lediglich der tagesaktuelle Abhub des Scheins herrschender Verhältnisse, also ein den Nützlichkeiten der herrschenden Klasse verpflichteter Gottesdienst ist. Im Geschmack kommt die reine Ideologie zu sich, wissenschaftlich dargelegt muss nichts mehr werden, da sich über ihn ja sowieso „nicht streiten“ lasse. Wer jedoch Kriterien hat, hat keinen Geschmack, sondern ein gebildetes Urteil, das rational und ästhetisch begründbar, belegbar und wissenschaftlich belastbar ist (ob man das dann auch tut, ist eine andere Frage – ich z.B. pfeife drauf in einer Welt des totalen Geschmacks). Unter den Gebildeten kann es also zu Urteilsverschiedenheiten kommen, nicht zu solchen des Geschmacks. Über gebildete, begründete, wissenschaftliche Urteile hingegen LÄSST sich streiten, auch wenn die falschen unter ihnen natürlich lediglich aus einem Mangel an ästhetischer Bildung hervorgerufen sind, und nicht aufgrund illusorischer „individueller Blickwinkel“ oder ähnlichem Pluralistenkäse. Beurteilungsverschiedenheiten über Leonardo, Lukian, Goethe, Beethoven, Shakespeare, Hitchcock, Groening und Luttinen sind solche zwischen Hirninhabern und Hirnnichtinhabern, und erst recht keine Frage von Geschmäckern. (mehr…)

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PLACEBO: Heute Battle, morgen Weltherrschaft

Das Wichtigste wird wirklich – Ein Blogeintrag voller Verherrlichungen, Personenkult und argumentlosen Riesensätzen anlässlich des neuen Placebo-Albums

‚Seid Ihr eine britische Band?‘

Brian: ‚Ich weiss nicht, was wir sind. Ich sage immer, wir sind eine europäische Band. Aber wen interessiert das? Ich habe die Idee, Musik irgendeine Art von Nationalität anzuheften, nie gemocht. Es ist nur Musik. Ich finde es komisch, wenn beispielsweise bei Mogwai die schottische Fahne über der Bühne weht. […] Es gibt nur gute und schlechte Bands. Wir sind eine gute.‘ (unclesally*s Nr. 147, Juni 2009)

„Wir haben das Ziel, die größte Band der Welt zu werden. Über uns sind nur noch U2 und die Stones, aber die kriegen wir auch noch.“ (Brian Molko in: Visions Nr. 195, Juni 2009)

Placebo sind ein Glücksfall für die Menschheit. Diese drei Götter, die in Form von Menschenwesen wie unsereins die Höflichkeit und Großzügigkeit besitzen, uns mit ihrer allumfassenden Herrlichkeit regelmäßig auf Platte und vor allem live zu beglücken, haben wahrhaftig nicht mehr alle Tassen im Schrank, reden in Interviews prinzipiell nur größenwahnsinnig bis pubertär-sexualisierten Irrsinn, machen seit inzwischen fast 15 Jahren sowohl privat als auch öffentlich alles richtig, was wichtig, und alles falsch, was unwichtig ist, und saufen, rocken, vögeln und drogen sich ansonsten die Seele aus ihren schönen Leibern, dass es nur so kracht. Ich verneige mich im Namen des Weltkommunismus hiermit offiziell vor ihnen und ihrem Gesamtwerk.

Und wo war nun der Lyzi solange gewesen?
Tja, Leute, der Lyzi hatte keinen Bock, dem hirnlosen Sponti-Abschaum, der sich so für allen möglichen Internet-Quatsch interessiert, weiterhin Begriffe ins Gehirn zu prügeln, die ohnehin keiner reingeprügelt bekommen möchte, denn der Lyzi hat sich lieber gefreut, und das nicht zu knapp.

Es stand nämlich an: Das am eigenen-Leibe-Erleben der Sensation eines neuen Placebo-Songs; dieses Unverbrauchte, einschneidend Neue, wenn man ihn erst ein paar mal gehört hat, sich noch in ihm, also der eigenen Welt, die er einem eröffnet, zurechtfinden muss; der Genuss dabei, den Text mit jedem weiteren Male Hören langsam auswendig zu können, sich dann nach und nach an den von ihm ausgehenden, unwiderstehlichen Sog zu gewöhnen, in ihm zu wohnen, ihn zu einem Teil von sich zu machen. Dann, nach hundertfachem Hören, das Warten auf die nächste neue Veröffentlichung; die ständige Anspannung des Fans, welche sich dann in orgiastisches Wohlgefallen auflöst, wenn es endlich so weit ist und der neue Track – meinetwegen auch ein mit Handy in Kofferradioqualität von japanischen TV-Shows mitgeschnittener Song, auf Youtube hochgeladen, wie diesmal bei „Ashtray Heart“– schließlich läuft, man endlich in ihm baden kann. Die noch um ein vielfaches gesteigerte Freude, wenn sogar eine Menge an Songs, ja ein ganzes neues Album da ist und erschöpfend erkundet und ausgekostet werden will. So war es vor kurzem wieder bei „Battle For The Sun“ und „For What It’s Worth“, den beiden vorab veröffentlichten Songs, die am Anfang, wie immer, befremdlich daherkamen (immer wieder die bangen Fragen, die nach dem Erklingen der ersten Töne im Raume stehen: Sind Placebo endgültig verrückt geworden? Was machen sie jetzt wieder? Kann Molko noch singen? Oh ja, er kann, und wie!), weil sie sich anschickten, den gewohnten Placebo-Rahmen noch um einige weitere Dimensionen zu bereichern, sich aber inzwischen fest als Teil ihres Gesamtwerks eingepasst und damit auch als Teil der darbenden Fanseele etabliert haben. (Der Neid, den man als langjähriger Fan Leuten entgegenbringt, die den irren, genussreichen Moment noch vor sich haben, das erste mal „Nancy Boy“ oder „Scared of Girls“ hören zu dürfen, ist nicht zu beschreiben; was da nämlich auf sie wartet wird ihre Existenz, deren Vergänglichkeit und überhaupt die gesamte Welt in neuem Licht erscheinen lassen.)

Ein neues Placebo-Album ist also da. So müssen sich die Bolschewiki 1917 gefühlt haben: endlich, das Wichtigste wird wirklich.

Brian Molko, dieser kluge, weise, würdevoll durch die Welt wandelnde Wahnsinnige „singt“ nicht, er meißelt seine Worte mit magischer Inbrunst ans Firmament des Weltgeists. Die Stücke von Placebo sind nicht einfach nur „Songs“ oder „Lieder“, sondern akustische Gottesorgasmen, die mit kristallklarer, jedem einleuchtender Präzision das innerste Gerüst der Schöpfung hörbar machen (und man glaubt ja leider gar nicht, wie wichtig es ist, dass, in einem Land zumal, in welchem 80 Prozent der Germanistikstudenten Legastheniker sind, die Kommunistische Partei verboten ist und Guido Westerwelle frei rumlaufen darf, einmal etwas für jeden -naja, fast jeden: die Single „For What It’s Worth“ ist in die offiziellen dt. Charts auf Platz 32, das Album auf Platz eins eingestiegen – einleuchtend ist, wenn schon eh niemand etwas versteht, geschweige denn begreift, am wenigsten Kunst) . Diese Band kann man nicht nur hören und lieben, in dieser Band kann man LEBEN; Placebo sind eigentlich keine Band, sondern Institution, Religion, eigenes Genre, ein Paralleluniversum für sich, wie die Millionen Fans, Placebo-Parties, -Internetforen, -Devotionalien etc. beweisen. Fan zu sein bedarf es dabei wenig; man fragt keinen Placebofan, ob er denn auch ein richtig „großer“ Fan sei, das versteht sich von selbst, denn es ist die objektive Größe, Güte, Komplexität, Weisheit und Herrlichkeit dieser Gruppe, die bestimmt, dass man großer Fan ist, nicht der subjektive Wille zum Fansein. Wer Placebofan ist, ist Riesenfan – es wird ihm schwer gemacht, kein solcher zu sein. Ihre Konzerte sind keine „Shows“, sondern Gottesdienste, die einen sprachlos, allumfassend befriedigt und glücklich zurücklassen, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung von dem zu haben, was dort gerade mit einem geschehen ist. (Placebo sind für die Popmusik in etwa das, was LYZI‘S WELT für die Blogosphäre ist: Rettung und Erlösung aus dem Stumpfsinn der langweiligen, verblödeten, geist- und kunstlosen Durchschnittlichkeit.)

Das neue Album mit dem – zumindest für Leute, die mit den Biografien der Bandmitglieder und der Bandgeschichte vertraut sind – so treffenden wie wunderschönen Titel „Battle For The Sun“ ist mal wieder sowas von arschgut geworden, dass eigentlich jede Besprechung ein Hohn und eine Beschmutzung der darauf befindlichen Musik darstellt, weil eine solche sich doch nicht annährend mit dem dort dargebotenen messen lassen, geschweige denn auch nur die Anmutung einer Rezeptionserfahrung vermitteln kann. Die CD knallt dem standesgemäß bisexuell-langhaarig-drogensüchtig-kommunistisch-jüdischen Hörer gleich mit dem Six-by-Seven-esken ersten Track „Kitty Litter“, einem der fünf besten Placebo-Songs überhaupt (und das soll – bei insgesamt über hundert – etwas heissen), alles an Gutem & Bösem aus der Birne, wie es zuletzt höchstens „The Bitter End“, „Brick Shithouse“ oder eine der neueren Live-Versionen von „Every You, Every Me“ vermochten. Da Genies aber bekanntlich nicht nur strebsam dem Wahren verpflichtet, sondern auch immens großzügig sind und selbst dann noch mit Leichtigkeit einen Hit nach dem anderen aus dem Ärmel schütteln, wenn der normalverblödete Indiepunk-Straßenmusikant à la Rocko Schamoni schon wieder im veganen JUZE rumnörgelt, ist dies noch nicht mal der beste Song des Albums, das eigentlich mal wieder nur aus akustischen Skizzen zum Studium universalistischer Genialität besteht statt aus bloßer Popmusik. Was nämlich „Devil In The Details“, der beste Geniestreich mindestens seit „Song To Say Goodbye“, wenn nicht aller Zeiten, überhaupt darstellt, wird das Politbüro vielleicht in ein paar hundert Jahren einmal herausgefunden und verkündet haben, heute jedoch kleben wir verloren in unseren Kammern darbenden stalinistischen Arschlöcher schlicht an den hübschen, ewig gothic-mädchenhaft sich kämpfend für uns aufopfernden Lippen Brian Molkos und beten, dass er niemals damit aufhöre. Das Titelstück „Battle For The Sun“ ist ein ordentlich daher rumpelnder Hit mit Queens-of-the-Stoneage-Intro, das sich aber nicht mit deren Wüstensäuferrock-Ästhetik begnügt, sondern ab der Mitte mit Streichern, Pathos und allem drum & dran was man von der besten Band der Welt halt so gewohnt ist, daherkommt. (Live natürlich nochmal um einiges besser, wie ich mich vor kurzem persönlich in einem mit ca. 800 bewegungslos vor sich hin kreischenden, zitternden und heulenden Teenie-Zombies aller 17 Geschlechter vollgequetschen Club habe überzeugen können; Gewinnspielkonzerte und Fanshowcases, was seid ihr doch für Höllenpaten des Luzifers, wo es doch so wunderbare Riesen-Arenen gibt, welche prinzipiell frei von jener Sorte Underground-Vollidioten sind, die in ihrer nicht tot zu kriegenden Bewusstlosigkeit jedes Konzert, das mehr als 12 Besucher hat, schonmal grundsätzlich als kommerziell-faschistische Zusammenrottung diffamieren.) „Ashtray Heart“ kommt mit spanisch singendem Backgroundchor sehr schick und unprätentiös daher und ist somit eine Hommage an die befreundete Band Ash, den Pionieren des Gute-Laune-Beachpop-Wave. „Speak In Tongues“ ist vor allem wegen seiner bolschewistischen Lyrics „We can built a new tommorow – today“ wunderbar, „Julian“ hört sich, so wie die Elektrobeats am Anfang gluckern, an, als wäre es auf einer Unterwasser-Loveparade aufgenommen und steigert sich dann hinein in eine gar nicht mal so Placebo-typische, aber trotzdem geniale, sich ganz zum Schluss an der Melodie von Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ entlang hangelnde Hymne und „Breathe Underwater“ ist so voll mit jener innig geliebten, nur von Placebo herstellbaren Ewige-Jugend-Sommerabend-am-Lagerfeuer-Rumknutschen-Euphorie, dass es wohl imstande ist, sogar Tote, wenn nicht gar Morrissey-Fans wieder zum Leben zu erwecken.

Überhaupt rumpelt, kracht, trommelt, knallt, scheppert, trompetet, geigt, piept, fiepst, blitzt und backgroundsingt es auf diesem Album an allen Ecken, Enden und Anfängen. „Kings of Medicine“, ein Rihanna-inspirierter Überraschungsei-Knallfrosch von einem Song, krönt und beendet das reguläre Album goldrichtig.

Was soll man weiter die Musik beschreiben. Gehörlosen bringt es eh nichts und der Rest kanns ja selber hören – Beschreiben ist prinzipiell was für die positivistischen Hirnlosen und Bestimmungsfeinde, denen verbindliche Resultate zu brutal sind und deswegen lieber der Meinungsvielfalt und ähnlicher Demokratenscheisse das Wort reden. Die drei Bonus-Tracks („In A Funk“, „Unisex“ und „The Movie On Your Eyelids“) jedoch, die sich auf das Limited-Edition-Boxset und die japanische Albumversion verteilen, sind mir noch eine Bemerkung wert, da sie a) von allen angeblich sachverständigen Hosenscheissern der Musikjournalisten- und Bloggerszene in ihrer Hatz nach dem schnellsten und schlechtesten Album-Review sträflich missachtet wurden (überhaupt ist davon auszugehen, dass die meisten von ihnen die Platte wohl noch nichtmal ein einziges mal komplett gehört haben) und b) alle drei ganz große klasse sind (vor allem „In A Funk“ ist mal wieder die Auferstehung des Allmächtigen) und den doch immer recht pejorativ wirkenden Zusatz „Bonus“ nicht verdient haben. Bei Placebo gibt es keinen Bonus, nur Luxus im Überfluss. Kein Song von ihnen ist wirklich schlecht, selbst die lustlos hingerotzten und fies produzierten schwachen Stücke vom fürs Oeuvre trotzdem wichtigen, wenn auch nicht essenziellen dritten Album „Black Market Music“ sind noch immer zig Mal besser als alles andere, was derzeit so an Elektro- oder Emodreck in den CD-Playern dieser Welt vor sich her rotiert, sogar die hinterletzten instrumentalen Elektro-Noise-B-Seiten sind schlicht Notwendigkeit im Gesamtwerk (und die neun Live-Tracks aus Kambodscha auf der Limited-Deluxe-Edition-DVD sind in ihren radikal überarbeiteten Arrangements eigentlich auch schon wieder komplett neue Songs).

Mitleid sollte man mit jenem Schlag Fans haben, die sich mal wieder erdreisten, irgendeinen Dreck von „Ausverkauf“, „Kommerz“, „Poppigkeit“, „Abkommen vom wahren Weg“ oder ähnlichen Schoten der gemütlich-verblödeten Gebetshäkeldeckchenkacke vor sich herzusülzen. Placebo sind, bleiben und waren klassischer Pop, ästhetisch wohlgeformter Mainstream, kein „Indie“, „Alternative“, „Subkultur“, „Glam-Rock“ oder ähnlicher Schmonzes zum Zwecke der Verarschung und Verseuchung der Vernunft und Sittlichkeit. Jeder behirnte Mensch kann nämlich froh sein, dass Placebo keinen Independent-Lo-Fi-Loser-Pop machen, jener Karikatur von Avantgarde, welche von Deppen für Deppen gemacht wird, denen Hippiejazz zu uncool ist und welche sich in ihrer erbärmlichen Banalität eben Vinylsammeln oder Bloggen über Egotronic als Distinktionspraxis erkoren haben, um sich von Minderbemittelten ihres gleichen zumindest äusserlich absetzen zu können (dass, by the way, „Unabhängigkeit“, also soziale Verwahrlosung, künstlerische Isolation, Antipop-Weltentsagung und gesellschaftliche Bezugslosigkeit, die Haupt-Tugenden des Underground, in diesen Kreisen immer noch als erstrebenswert erachtet werden, zeigt schlicht deren prinzipielle reaktionäre Ekelhaftigkeit.)

Ebenfalls sehr schlimm an der ständig gleichförmig verblödeten Fan- bzw. Kritiker-Rezeption ist wie immer das ebenso reaktionäre Raunen über angebliche Epigonen, dem man nur entgegenhalten kann, dass es gar nicht genug Placebo-Kopisten geben kann: Lieber schlecht Placebo kopieren, als eigenständig oder „experimentell“ nur Scheisse spielen. Bands allerdings wie Blackmail, KEN, Sneaker Pimps, The Veils, Starsailor, Tegan & Sara, Kent oder die unsäglichen Canaillen von den Beatsteaks werden dieser Ehre – trotz vereinzelt gut geklauter Stücke – nicht gerecht; einzig die leider inzwischen aufgelösten grandiosen The Cooper Temple Clause und vielleicht noch Interpol und Belasco konnten einige Momente des Placebo‘ schen Genies in ihr Werk integrieren, ohne dabei zur peinlichen Cover-Jahrmarktskappelle à la JJ72 herunterzukommen. Es scheint, dass Placebo ein schwarzes Loch der künstlerischen Rat- und Mutlosigkeit hinter sich herziehen – was sich bestätigt, wenn man sich mal den Horror der Placebo-Coverversionen auf Youtube angetan hat. Man kann von dieser selbstbewussten Souveränität, dieser allumfassenden Perfektion wohl tatsächlich nur geblendet sein, nie inspiriert, denn Inspiration setzt immer Unfertigkeit der Inspirationsquelle und Unzufriedenheit mit dem Vorgefundenen voraus; bei Placebo kommt sowas nicht vor, kein ernstzunehmender Künstler nimmt sie sich als Vorbild, da Scheitern vorprogrammiert wäre.

Meisterlich hingegen lassen Placebo ihre Vorbilder in ihr Werk einfließen: Siouxsie & The Banshees, Wire, Stereolab, Mogwai, Idlewild, Queens of the Stone Age, Roxy Music, Rainbirds („Song To Say Goodbye“ ist, wie bisher scheinbar noch keine Sau bemerkt hat, eine leicht umgewandelte und mit anderem Text versehene Version von deren 80er-Jahre-Knüller „Blueprint“), dEUS, Pixies, At The Drive-In, PJ Harvey etc. (die Helden aller nekrophilen Friedhofs-Katzenleichenschänderkinder, die bedauerlichen Joy Division, ignorieren wir hier mal unauffällig). Trotzdem sind Placebo keine bloße Bibliothek des geschehenen Wave-Rock, sondern halten konstant und gekonnt die Spannung zwischen Klassizismus, Erneuerung und Neuerfindung aufrecht, ohne in entweder restaurative Repetition einerseits oder experimentellen Kitsch andererseits zu verfallen – ein Fehler, der, vermutlich schlicht aus Unvermögen und nicht so sehr aus Faulheit, selbst von den besten und zurecht hochgelobten Bands (Wire, Depeche Mode, The Cure) dieser (und verwandter) Gattungen immer wieder begangen wird.

Ein solches Einhalten der Mitte nennt man traditionell Genie und es geziemt sich hier also sehr, von einem eben solchen zu sprechen. Wer, wenn nicht Placebo, ist heute genial? Wenn künftige Geschlechter von Pop reden werden, dürfen sie Placebo als zentrale Bezugsgröße nicht unerwähnt lassen oder sie machen sich vor KP & Restgesellschaft im höchsten Maße lächerlich.

„Fuck the government, fuck their killings, fuck their lies!“ (Placebo, „Soulmates“) Um sowas dem Pöbel zu verklickern, brauchen die lahmarschigen „Gegenstandpunkt“-Doktoren über hundert Seiten und ganze Seminar-Wochenendveranstaltungen. Molko, Olsdal & Forrest bringen sowas, genauso wie gelegentliche Präsidentenbeleidigungen und andere prima stalinistische Schweinereien einfach mal nebenbei in ihren Songs unter, kümmern sich in der Hauptsache aber um ihr großes, messianisches Werk der Auferstehung der klassischen Pop-Universalität.

PLACEBO – BATTLE FOR THE SUN (Dreambrother/PIAS) ist am 5. Juni 2009 als CD, CD + DVD, Vinyl, Download, sowie Limited Edition Boxset (inklusive 2 Bonustracks, Live-CD, Live in Angkor Wat / Kambodscha DVD, Making-of-the-Album-Doku-DVD, Doppel-Vinyl-LP & 2 Hardcover-Büchern) erschienen. Diesen Sommer spielen Placebo auf mehreren Dutzend Festivals in der ganzen Welt, im November/Dezember gibt es eine Arena-Tour durch Europa.

www.placeboworld.co.uk

www.placebocity.com

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Frohe Weihnachten, Genossen!

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„Raven gegen Deutschland“ (Egotronic)

Demnächst wohl auch noch:

Schlafen gegen Deutschland
Essen gegen Deutschland
Aufs Klo gehen gegen Deutschland
Ficken gegen Deutschland
Arbeiten für, äh: gegen Deutschland
Spazierengehen gegen Deutschland
und Deutschsein gegen Deutschland, oder was?

Ihr könnt mich echt mal, ihr Spinner.

Wenn ich rave, moshe, dive, tanze, esse, knutsche, lese, schlafe, schreibe, saufe oder mich sonstwie meines Lebens erfreue, dann mache ich das ausschliesslich für mich und mein Lebensglück. Dabei geht mir Deutschland sowas von am Arsch vorbei, das glaubt ihr nationalistischen AntiD-Deppen gar nicht.
Ich tue diesem Scheissland doch nicht auch noch den Gefallen, meine Freizeitaktivitäten gegen es zur richten.

Ich arbeite schon genug gegen Deutschland, Egotronic und sonstige schlechte Kunst, da muss ich mir von euch Losern garantiert nicht sagen lassen, wogegen mein Gerave nun gut sein soll oder nicht!

Egotronic: Dummsein gegen (aber eigentlich letzlich doch wieder bloß: für) Deutschland.

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