Tag-Archiv für 'linke'

Hegel und die Doofen

Hegel eignet sich für so vieles gute, schöne und richtige: zum Beispiel dazu, um Idioten zu widerlegen oder die Kategorie der Wahrheit gegen die Meinungen des Diskursmülls ins Recht zu setzen und den Stümpern und Dilletanten zu zeigen, dass es verbindliche Maßstäbe gibt, mit denen die Welt vernünftig erkannt werden kann. Leider eignet sich Hegel gerade heute auch für vieles schlechte, unschöne, falsche: z.B. dazu, um tolle Hegel-Experten-Kenntnisse zur Schau zu stellen oder sich etwa auch noch mit den zu widerlegenden Feinden der Vernunft zum Plaudern in irgendwelchen Medien des Meinungswahns einzufinden. „Hegel to go“ darf deshalb gerne auch verstanden werden als eine Art Buch gewordener kleiner Gedenkstein gegen die Hegel-Interpretations-Industrie und gleichzeitig Nachweis ihrer Überflüssigkeit: dieses Büchlein zeigt, dass es tatsächlich nicht noch die siebzehnmillionste Hegel-Erläuterung braucht, sondern dass schon ein paar hundert Zitate reichen, um deutlich zu machen, dass man die Wahrheit – die selbstverständlich kein Ding im Besitz einer Person sein kann, sondern immer nur im Verhältnis zu bestimmen geht, und auf die Hegel lediglich hinweist – selbst zu ERFAHREN hat, um nicht nur ÜBER die hegelsche Philosophie, äußerlich angeeignet, plappern zu können, sondern sie anzuwenden weiß im Klassenkampf. (Das wäre dann „Verwirklichung“: praktisch gewordene Erkenntnis. Aber um etwas in die Welt setzen zu können, muss man es vorher in sich haben.) Schöne Exempel für das Gegenteil erbringen derweil jene, die dazu nicht imstande sind täglich, indem sie Hegel im Munde führen, weil sie ihn nicht im Schilde zu führen vermögen: also jene tragischen Existenzen, die deutsch schreiben könnten – oder zumindest wollen –, aber lieber journalistisch schreiben.
In dem Selbst-Erfahren-müssen der Wahrheit (durch reales Handeln), auf die Hegel hinweist, liegt die Pointe des Witzes, den der Budenzauber der Fachphilosophie und ihres Instrumentariums von Philologie und Jargon nicht verstehen kann: Hegel heute zu verstehen, bedeutet eben, sein eigenes Nichterfahrenes und Unbegriffenes zu verstehen. Deshalb ist es für die meisten so schwer, Hegel wirklich zu begreifen: die eigene Moral, die eigene Identität und andere Sicherheiten und Bestimmtheiten sind es, die einen daran hindern.
Für Hegel zeichnet sich das ungebildete, das noch nicht es selbst gewordene Bewusstsein dadurch aus, dass „das negative Wesen ihm ein äußerliches geblieben, seine Substanz […] von ihm nicht durch und durch angesteckt“ worden ist: „Indem nicht alle Erfüllungen seines natürlichen Bewußtseins wankend geworden, gehört es an sich noch bestimmtem Sein an; der eigne Sinn ist Eigensinn, eine Freiheit, welche noch innerhalb der Knechtschaft stehenbleibt.“ (PhG, Suhrkamp-Werkausgabe Band 3, S.155)
Es ist daher dem einen ein leichtes, und dem anderen so schwer, Hegels Philosophie zu begreifen: Auf bloßes Denkvermögen, will Hegel sagen, kommt es nicht an, sondern es geht um eine existenzielle Entscheidung: wer zu leben gewohnt ist in den Gefilden des Wirklichen, welche einzig die Wahrheit hervorzubringen imstande sind, und also „das negative Wesen“ durchdrungen hat, wird keine Schwierigkeiten beim Verständnis haben. Wer kein Knecht ist, dem wird Hegel kein Rätsel bleiben. (Deshalb auch konnten Marx, Engels und Lenin Hegel begreifen.)
In seinem Urteil über die Tatsachen MIT diesen Tatsachen übereinzustimmen, d.h.: zu sagen, was SACHE ist, also die Wahrheit über die Wirklichkeit ins Bewusstsein zu rücken, bedeutet, nicht zu heucheln. Wer aber schon das Urteil gefällt hat, bevor er mit der Wirklichkeit einer Sache in begriffliche Auseinandersetzung getreten ist, wer also moralische oder ideologische Werte auf die Tatsachen projiziert und diese seine subjektiven Werte als solche der Tatsachen selbst ausgibt, betätigt sich als Heuchler, weil er vorgibt, seine (moralischen, ideologischen) Werte seien bereits solche der schnöden Wirklichkeit, der elenden Verhältnisse. Wessen Geschäft die Heuchelei ist, kann also kein Hegelianer sein.
„Auch in unserer Zeit findet es mehr oder weniger statt, daß die Ehrfurcht vor dem Bestehenden nicht mehr vorhanden ist und daß der Mensch das Geltende als seinen Willen, als das von ihm Anerkannte haben will.“ (Hegel, Rechtsphilosophie §138, Zusatz)
Nur ist es heute sehr schwierig, vor allem Linken, die sich auf Kriegsfuß mit „dem Bestehenden“ befinden, begreiflich zu machen, dass das adäquate – d.h.: nicht-ideologische, nicht-moralische, also: objektive – Beschreiben dieses Bestehenden der erste und vor allem notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Schritt dahin ist, die Tatsachen innerhalb des Bestehenden zu etwas besserem aufzuheben. Heutige Vulgär-Idealisten, linke zumal, die schon der Kategorie der Wirklichkeit – also des Bestehenden – als solcher feindlich gesinnt sind, denken, es ließen sich die Tatsachen ändern, indem man sich von einem eingebildeten Standpunkt außerhalb des „Bestehenden“ um sie herummogelt und jene dann, durch bloße Kraft des Gedankens, wegzaubert. Diese Leute sind aber, genauso wie alle anderen, TEIL dieses Bestehenden. Sie mögen das bedauern, aber auch sie existieren in dieser Welt. Sicher, es mag für die völlig in sich gekehrte Schöne Seele (heutige Bezeichnungen dafür sind etwa: „Intellektueller“, „Kritiker“ usw.) so scheinen, dass sie gar nicht Teil dieser einzig vorhandenen Realität des einzig vorhandenen Bestehenden ist (vgl. „Phase 2 – Zeitschrift gegen die Realität“), weil sie vielleicht glaubt, es gebe später im Himmel einmal Bonuspunkte für nicht vollzogene Handlungen, nicht gelebtes Leben, nicht gekämpfte Kämpfe usw. Aber letztlich leben auch sie in dieser Welt und müssen in dieser Welt handeln, wenn sie denn handeln wollen. Das wird ihnen dann schnell zuviel: entweder sie handeln nicht oder sie täuschen sich selbst über die Grundlagen dieses Handelns, romantisieren sich also die Wirklichkeit als eine zurecht, die nach ihren Maßstäben funktioniere und nicht nach objektiven. Im Auge solcher Betrachter ist dann jeder, der nicht seine vorgefassten moralischen, ideologischen Werte auf das Bestehende projiziert, jeder also, der nicht heuchelt – d.h. die bürgerlichen Verhältnisse schönlügt – schon Vulgärmaterialist oder reaktionär. Eine Linke, aber, die mit der Wirklichkeit auf Kriegsfuß steht, weil sie lieber bereits VOR deren Kenntnisnahme schonmal Werte predigt, an welche sich die Wirklichkeit gefälligst zu halten habe, kann niemals vernünftig sein. Das könnte sie von Hegel lernen, wenn sie ihn denn läse.

(Aus dem Vorwort zur chinesischen Ausgabe von Hegel to go)

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Referenzen reloaded

Auch weiterhin Programm: Stalinismus ohne Augenzwinkern

Ist dieser Lyzis wirklich so schlimm und grauenvoll? Ja, ist er – da ist sich das Volk einig. Es hat zwar nichts von ihm gelesen, geschweige denn begriffen, aber das Urteil ist eindeutig: schuldig, egal in welcher Anklage.
Er wird auch weiterhin alles dafür tun, diesem Urteil gerecht zu werden. (mehr…)

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Kleine Sektologie der Linken


“An wirklichem, tatsächlichem oder theoretischem Bildungsstoff ist da absoluter Mangel. Statt dessen Versuche, die sozialistischen oberflächlich angeeigneten Gedanken in Einklang zu bringen mit den verschiedensten theoretischen Standpunkten, die die Herren von der Universität oder sonstwoher mitgebracht und von denen einer noch verworrener war als der andre, dank dem Verwesungsprozeß, in dem sich die Reste der deutschen Philosophie heute befinden. Statt die neue Wissenschaft vorerst selbst gründlich zu studieren, stutzte sich jeder sie vielmehr nach dem mitgebrachten Standpunkt zurecht, machte sich kurzerhand eine eigne Privatwissenschaft und trat gleich mit der Prätension auf, sie lehren zu wollen. Daher gibt es unter diesen Herren ungefähr soviel Standpunkte wie Köpfe; statt in irgend etwas Klarheit zu bringen, haben sie nur eine arge Konfusion angerichtet – glücklicherweise fast nur unter sich selbst. Solche Bildungselemente, deren erstes Prinzip ist, zu lehren, was sie nicht gelernt haben, kann die Partei gut entbehren.”

Zirkularbrief von Marx/Engels an Bebel, Liebknecht, Bracke u.a., 1879 (MEW 19, S.164f.).

Man kann sich den Linken heute nur noch mit den Mitteln der quasi-ornithologischen Kategorisierung nähern; der Weltgeist steht hinterm Baum und guckt durchs Fernglas, dadurch sieht er allerlei Sorten bunter Vögel durcheinander zwitschern. Eine dementsprechende, natürlich vollkommen „verkürzte“ (so bezeichnen die kritischen Kritiker ja immer alles, was zu deutlich an Wahrheit gemahnt), vorurteilsbehaftete und unsachliche, also absolut zutreffende Übersicht der umtriebigsten, lautesten und auffälligsten linken Sekten und ihres jeweiligen Unwesens lege ich hiermit allen Interessierten zum ausdrucken, übers Bett hängen, weiterverteilen und auswendiglernen vor. (mehr…)

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Notwendige Bestimmungen zu einem richtigen Begriff des Stalinismus

***Die erheblich erweiterte und überarbeitete und Version dieses Beitrags ist enthalten in: Kommunismus für Erwachsene von 2019***

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Das Elend des GegenStandpunkt I: Interessiertes Weglassen bei „Ofenschlot“

Das Weglassen als Zensur, eine alte und beliebte Methode vor allem derjenigen, die sich über kommunistische Zensur erbösen, während sie hingegen selber schon in nahezu randalierender Weise zensierend, beschneidend, selektierend und ignorierend durch die Welt stolpern, hat kürzlich auch der relativistische Zitate-Blogger Ofenschlot für sich entdeckt – natürlich vollkommen im Interesse des antikommunistischen Diskussionsvereins GegenStandPunkt.

In seinem Blogeintrag vom 30. Juni 2009 zu Peter Hacks‘ Urteil über die GegenStandPunkt-Vorläufer-Organisation MG und deren Zentralorgan MSZ (siehe auch: die von begriffsloser Verwirrung nur so strotzenden „Beiträge“ und „Kommentare“ (es ist eigentlich nur Grütze, daher die Anführungszeichen) der GSP-Gläubigen, z.B. bei mpunkt und neoprene) unterschlägt er deshalb natürlich gleich mal den wichtigsten Satz Hacksens gegen den GSP-Oberguru und Berufsidealisten Karl Held, welcher da lautet:

„Wieso nennt dieser antikommunistische Linke die Kommunisten antikommunistische Linke? Das finde ich frech.“

(Peter Hacks, Verehrter Kollege, Berlin 2006, S. 291)

Auf die Antwort zu dieser Frage wartet der Weltgeist, nicht zuletzt meine Wenigkeit, übrigens bis heute. Ich denke allerdings nicht, dass ausgerechnet einer der bloggenden GSP-Bots dazu eine adäquate Antwort zu liefern imstande ist, weswegen diese Frage wohl auch für dieses Jahrhundert offen bleibt.

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