Tag-Archiv für 'literatur'

Piraterie am Parnassos: Bartels, der Abschreiber

Am 28.03.2015 hat der kritische Theoretiker und Blogger Felix Bartels im Kulturteil der Tageszeitung „Neues Deutschland“ einen Artikel zur Autorschaft in Zeiten des Internets veröffentlicht, den ich als in weiten Teilen von meinem fünf Jahre alten Text „Der Autor heute“ übernommen, also abgeschrieben einstufen muss. Bartels, der seit geraumer Zeit nachweislich Leser (und Kommentierender) meiner Webseite ist, übernimmt nicht nur haargenau das spezifische Thema (traditioneller Autor versus Web-Existenz), sondern auch nahezu jeden einzelnen Abschnitt meines Textes. Er hat diesen lediglich schlechter formuliert und verkürzt, also in ein plattes Feuilletonisten-Deutsch übersetzt, sowie um den Marxismus meines Originals erleichtert. Dem Textsinn nach handelt es sich um ein Plagiat, und zwar bis hinein in die Textstruktur, den inhaltlichen Aufbau und den Schluss, zu dem ich gekommen bin.

Ich gebe dafür im folgenden ein paar offensichtliche Beispiel-Passagen aus unseren beiden Artikeln:

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Zur Verfilmung von Tellkamps „Turm“

Die von Christian Schwochow verbrochene MDR-Produktion des Tellkamp’schenTurms“, die Ende letzten Jahres im Ersten lief und nun auch ihre Opfer noch auf DVD heimsucht, ist selbst für die Verhältnisse einer zweiteiligen deutschen Feiertagsfernsehproduktion ein ganz und gar widerliches, plattes und geschichtsrevisionistisches Machwerk. Es wird hier nämlich zu der üblichen, kategorischen Anti-DDR-Hetze eine neuere hinzugefügt: die differenzierte Anti-DDR-Hetze, die gediegen empörend durchgequirlte Darstellung einer Bourgeois-Familie (Vater Richard Hoffmann (überzeugend bescheuert wie immer: Tatortleichenschänder Jan Josef Liefers): Arzt; Sohn Christian (Sebastian Urzendowsky): Soldat; Mutter Anne (Claudia Michelsen): engagiert) in den brutalen Mühlen des SED-Rechtsstaats. Der erste Teil baut die werkimmanente Barbarei, die auf der kalten, großen, bergehohen und scheinbar ewig brandenden Welle des gesamtgesellschaftlichen BRD-Antikommunismus surft, zunächst recht behutsam auf, bis es dann im Laufe des zweiten Teils zum Schluss hin immer ekelhafter wird: Falsche Ästhetik und falscher politischer Inhalt bedingen sich hier gegenseitig; der elende bourgeois-kirchliche Familienkitsch einer quasi im Osten ausgesetzten, tief im Herzen gesamtdeutschen Akademikersippe vermählt sich mit dem paramilitärischen Frondisten-Pathos zum endgültigen Vollhirnriss, der aus dem ganzen Film nichts anderes als einen – natürlich gebührenfinanzierten – Werbefilm für die Verherrlichung der völkisch-faschistoiden Anti-DDR-Demonstrationsverbrecher von 1989 macht. Michael Hanfeld hetzt derweil im FAZ-Feuilleton diesen typisch deutschen Filmmüll – Guido Knopp für anspruchsvolle Halbgebildete, denen der Roman dann aber auch wieder „zu dick“ ist – zum Kandidaten für den nächstjährigen deutschen Filmpreis hoch: selbst bürgerliche Ästhetizisten vergessen also jedwedes künstlerische Kriterium, solange der Quatsch zumindest inhaltlich ihrer Ideologie entspricht; Tellkamps Alter Ego, der treue, gerechte deutsche Einheits-Vorkämpfer und (Konter-)Revoluzzer Christian Hoffmann quält sich in diesem TV-Meisterwerk deutschideologischer Ressentimentbestätigung pubertär unterfickt, irrational soziopathisch, besessen antikommunistisch, lebensmüde, möchtegern-autistisch, individual-intellektualistisch und dann freilich auch noch vergewaltigend durch seinen erbärmlichen Schul- und Armee-Alltag, lernt wie der dämlichste Streber jeden Dreck, macht aber natürlich gleichzeitig pflichtbewusst – er ist ja schließlich letztlich doch nur ein komplett verwirrtes, unterwürfiges Provinzwürstchen – auch jeden achso schlimmen DDR-Folklore-Krempel mit, solange dieser mit der eigenen Borniertheit übereinstimmt und also antikommunistischer Bürgerberuhigungs-Galgenhumor ist: zwecks angestrebter Karriere als Arzt (wie der Vater, so der Sohn); natürlich nur, solange nicht die eigene Mutter oder der Nazikumpel vorm Kanonenrohr steht (da entdeckt er dann sein wiedervereinigtes Gewissen) und erschrickt vor seinem Vater, als er erfährt, dass dieser in jungen Jahren einmal mit dem MfS (durchweg bezeichnet als „Horch und Guck“ oder eben einfach bloß „DIE“) geliebäugelt hat, und all das bloß, um nachher, 20 Jahre später, im inzwischen gesamtverblödeten Großdeutschland schlechte Romane für Analphabeten schreiben zu dürfen. Na, da hat sich der „Freiheitskampf“ ja gelohnt. Armer Uwe, er kann einem schon leid tun – fehlt nur noch, dass er im Keller eines autonomen Punkschuppens namens Arschlochracket eine disjunktiv-discordische Electro-Rave-Rapper-Gruppe aufmacht und zum „Kiffen gegen den Sozialismus“ oder ähnlichem Trotzkistendreck aufruft, man ist ja im Hause Tellkamp/ Hoffmann schließlich emanzipativ.

Das erspart einem der Film aber dann doch, denn die Handlung ist in hahnebüchenem Ausmaß unlogisch und schwachsinnig genug, die Figuren genauso verblödet, wie es der westdeutsche Arztsohn in seiner Familie nunmal gewohnt ist, die bösen sind immer die SEDler oder Mfs-Mitarbeiter: Was würde ich dafür geben, auch nur EIN EINZIGES MAL einen Film zur besten Sendezeit im deutschen TV zu sehen, in welchem der von der Lohnarbeit geschundene Familienvater abends nach Hause kommt und die Macht des Kapitals, des Verfassungsschutzes, der Kirche, des BDI, und des CDU-Regimes beklagt, die ihn alle so sehr unterdrücken, verfolgen und seiner Freiheiten berauben. Aber nix da – stattdessen wird über 20 Jahre nach deren Exodus immer noch über die Vernunftherrschaft der SED abgejammert.

Besonders niederträchtig sind die zum Zwecke der verstärkten Propaganda hineinkolportierten Szenen, in denen die nunmal als nichts anderes denn faschistisch zu bezeichnende Schriftstellerin Judith Schevola auftaucht, welche „die Verbrechen des 2. Weltkrieges“ auch mal „differenziert“ beschreiben, also die deutschen Täter als Opfer darstellen möchte, was die Film-SED glücklicherweise verhindert, wodurch jene dann wiederum zur erbitterten Staatsfeindin wird – unterstützt vom evangelisch-opportunistischen Lektor Meno Rohde, der natürlich keine Vernunftgründe anführt, sondern sich in die Autorin verliebt – kennt man ja, immer wenn es zu politisch wird oder den Drehbuchschreibern nichts mehr einfällt, kommt der Verliebtheitskitsch ins Spiel. Und der senile Tatortkomissar-Darsteller-Opa und Linkspartei-Bundespräsidentenkandidatscanaille Peter Sodann nuschelt sich als Bezirkssekretär à la Modrow dann auch noch seinen impotenten Durchhaltebullshit in den Schnäuzer. Hört sich scheiße an? – Liegt am Film. Hätte es schlimmer kommen können? – Wohl kaum.

leuchtturm
„Der Turm“ zu Dresden (Abbildung ähnlich)

Als potentes Gegenmittel zu diesem deutschnationalistischen Dreck empfehle ich den hervorragenden, nun auch auf DVD und in den diversen Online-Filmstream-Portalen erhältlichen stalinistischen Film Looper von Rian Johnson: eine Ode an den historischen Materialismus mit einem herrlich abgefuckt-abgeplackten Bruce Willis. Einer der besten Filme der letzten Jahre.

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Vorläufige Lösung des Arschlochproblems: Nazis bitte draußen bleiben!

„Seit 1961 wurde der Schriftsteller von der Stasi überwacht, nachdem er sich für den DDR-Schriftsteller Uwe Johnson eingesetzt und den Bau der Berliner Mauer in einem offenen Brief verurteilt hatte.“ (Wikipedia über Günter Grass)

Der Staat Israel hat heute den deutschen Ex-Waffen-SS-Nazi, Judenkritiker*, Holocaustrelativierer, Geschichtsklitterer und antikommunistischen Russenfresser Günter Grass zur persona non grata erklärt und ihm Einreiseverbot erteilt. Grass, der seit Jahrzehnten in dem Wahn lebt, er sei ein Dichter, hatte innerhalb seiner großangelegten Revanchismus-Kampagne mittels eines schlecht geschriebenen postmodernen Hetzgedichts die endgültige Ausrottung aller Juden als durchaus friedensfördernd und überhaupt recht angemessen impliziert und sich dabei mit den niederträchtigen Interessen des faschistischen Gottesstaatsregimes Iran, von dessen obersten Friedens-Gangstern er inzwischen natürlich Lob und Zustimmung erhielt, gemein gemacht, wie es nunmal in der Tradition sozialdemokratischer deutscher Literatenhetzer liegt. (mehr…)

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Zur Frankfurter Buchmesse 2011

Sieben bolschewistische Vorschläge zur Verbesserung der Literatur

„Ein Buch schreiben, das ist Mord.“ (Alfred Andersch)

„Lest die Prawda!“ (Josef Stalin)

1. -‎“Sie lesen gerne Bücher? Diese Woche GRATIS in Ihrer ZEIT: Ein 88 Seiten starkes Literaturmagazin mit den wichtigsten Neuvorstellungen im Herbst“, wirbt die ausgerechnet 88 Seiten dicke Literatur-SS von der drolligen altliberalen Senilenzeitung „Die Zeit“ im Faselbook.

Nein, niemand, der noch bei Trost ist, liest gerne Bücher. Lesen ist, wenn man es denn mit Ernst betreibt, eine notwendige, anstrengende Arbeit für alle Behirnten auf diesem Planeten, weil nur noch im Text Wahrheit zu finden ist, wenn im Alltags-Geblöke der Zwang zum Falschen und zur Lüge herrscht. Und ob der Text dabei in einer Zeitung, auf Plakaten, Papyrusrollen, iPads, in Holz geritzt, selbstausgedruckt und zusammengetackert, im Internet oder auf Klopapierrollen steht, ist völlig schnurz. Mit dieser großbourgeois-verblödenden Lesesessel- und Teestövchen-“Gutes Buch“-Romantik muss schonmal als allererstes Schluß sein, wenn man einen Begriff von Literatur bewahren will, der dem Geist nicht hohnspottet.

2. Das Sein bestimmt, ja – um hier endlich einmal diesen doof vereinfachten Marx-Satz dialektisch zu korrigieren – ERZEUGT vielmehr das Bewusstsein, es geht diesem voraus, prägt und formt es, worauf dieses wiederum selbst auf das Sein zurückwirken, es also durchaus, rückwirkend, auch „bestimmen“ kann. Ein richtiger Schriftsteller muss also, vor allem anderen, ein RICHTIGES SEIN haben. Ein RICHTIGES SEIN ist das GEGENTEIL von einem sogenannten GUTEN LEBEN®, denn ein gutes Leben ergibt nur schlecht abgehangenen kleinbürgerlichen Stumpfsinn in den Literaten-Denkröhren, ein richtiges Sein hingegen ergibt richtiges Bewusstsein, richtiges Bewusstsein ergibt richtige Literatur, richtige Literatur ergibt richtige Politik und richtige Politik ergibt irgendwann mal Kommunismus. Das ist gut, das hat man also zu wollen.

3. Wer das nicht will, darf seine Bücher weiterhin bei Matthes & Seitz, Hanser, Rogner & Bernhard, Hippiekack & Rummelpups und wie all diese Blödianverlage für feinziseliert-verkultürlichte Vollhornochsen heissen, drucken lassen, damit sie auch nur ja nicht gelesen werden, und wenn, dann nur von kompletten Vollidioten ihres ekelhaften Menschensschlags, bevorzugt solcher, die sich in neo-esoterisch-antisemitischen Dreckskaschemmen wie der Versand- und Ladenkette „Zweitausendeins“ ihre Mängelexemplare und noch viel zu überteuerten Ramsch-“Sachratgeber“ gegen George Bush, die USA im allgemeinen, die SED, Israel, DDR und überhaupt jedwede Vernunft, dafür aber pro-islamistisch, unterjubeln lassen, oder, auch kaum weniger schlimm, wie das leicht anstudierte Kundengesindel der Buchgroßlagerketten in Kategorien wie „Freche Frauen“, „Verschenken“, „Spannung“, „Unabhängige Verlage“oder „Erfahrungen“ stöbern.

4. Alle Bücher müssen, nach Einführung einer hoch angesetzten, progressiven Literatursteuer, so günstig wie möglich erhältlich sein, die Bibliotheksbestände werden um ein Vielfaches erweitert, neue Bibliotheken müssen eröffnet werden, auch das kleinste Dorf hat eine staatlich subventionierte Buchhandlung zu erhalten, alle Autoren aller Verlage bekommen ein Einheitsgehalt in Höhe des jeweiligen Brutto-Durchschnittseinkommens, wer von ihnen nach drei Jahren Autorentätigkeit kein Werk oder vielversprechende Ansätze zu einem solchen vorzuweisen hat, bekommt die Autorenlizenz entzogen und wird zu gemeinnütziger Arbeit in Stadtarchiven, Bibliotheken, Redaktionen etc. verpflichtet; alle Verleger werden enteignet und in Kohlebergwerke geschickt (die deutsche Verlagslandschaft mahnt: „Alle Atomkraftwerke abschalten, zurück zur Kohle!“), alle Verlage, die noch was taugen, werden verstaatlicht, der Rest verboten.

5. Martin Walser, Hans-Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann, Uwe Tellkamp und Günter Grass werden zum Wohle und zur Rehabilitation der internationalen Literatur umgehend erschossen.

6. Man kann heute als Autor schreiben, was man will, den Leser kümmerts null, der zieht weiterhin seinen Schwachsinn durch, ganz ungetrübt von allem Geschriebenen.
Es gibt keine Leser mehr, keine Lektoren, keine Literaturwissenschaftler, die ihren Namen verdienten. Es bleibt einem heute – als Autor, als Denkender also mithin – nur noch übrig, Zeugnis abzulegen vor sich und dem Weltgeist, also der Zukunft. Die Mitwelt ist zur schalen Ansammlung von “Rezipienten”, allenfalls mindestens genauso üblen Rezensenten, heruntergekommen; und wer nicht schreiben kann, der kann auch nicht lesen, daher all das Service-, Konsumentenberatungs- und Dienstleistungselend auf dem Buchmarkt. Ein nicht lesen könnendes Publikum braucht aber niemand, daher soll bitte auch der Markt wieder abgeschafft werden, so wie wir es ja in der DDR damals schon hervorragend umgesetzt hatten.

7. Die Abschaffung des Publikums durch Aufspaltung desselben in einzelne Szenen, Subkulturen und Genrefanclubs hatte die Abschaffung und Fragmentierung allgemeiner Öffentlichkeit zur Folge. Die postöffentliche Literatur ist keine mehr, kein Buch ist mehr gültig (von Klassik ganz zu schweigen), alle Texte nur noch ephemerer Krähwinkeldreck und überhaupt hat der gesamte Literaturbetrieb sowie das Festhalten an der Alphabetisierung heutzutage nur noch den Zweck, möglichst lückenlosen Antikommunismus unter Intellektuellen, Studenten, Wissenschaftlern, Romanschmökerern und anderen Opfern der Kulturproduktionsmonopole zu verbreiten. Die abermalige Diktatur des Proletariats wird natürlich auch diese Mißstände zu überwinden wissen. Es dürfte also klar sein, was zu tun ist.

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Der Autor heute II: Harlan Ellison zur ökonomischen Stellung des Autors

Harlan Ellison, einer der letzten (meinetwegen auch ersten, je nach Tageslaune) vernünftigen Menschen auf Erden, den hierzulande, wo senile, rechtsradikale Scheiße nuschelnde Ohrensessel-Lesedreck- und Einschlafhilfen-Hersteller wie Martin Walser und Günter Grass allen Ernstes als Autoren gelten, natürlich wieder mal keine Sau kennt, der aber in der gesitteten stalinistischen Gesellschaft (also meiner) nicht mehr vorgestellt werden muss, äußert sich – wahr, schön und präzise wie je – zur trostlosen Stellung des Autors (den er übrigens explizit vom „creative typing“-Amateur abgrenzt) im kapitalistischen Produktionsprozess:

Was Ellison hier während seiner knapp dreieinhalbminütigen Lehrstunde im Interviewgeben (und wie in nahezu allen anderen, sehr sehenswerten, grandiosen Beiträgen auf Youtube sowie natürlich in seinen Werken) an Wahrheit triggert, dürfte den anarchistischen Autorenrechte-Abschaffern („Copyleft“), also Literatur-Liquidierern natürlich ein großer Dorn im bescheidenen Hirne sein, an dem sie hoffentlich irgendwann mal endgültig verrecken werden, denn:

„Writing is the hardest work in the world. I have been a bricklayer and a truck driver, and I tell you – as if you haven‘t been told a million times already – that writing is harder. Lonelier. And nobler and more enriching.“ (Harlan Ellison)

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Der Autor heute

Teil I: Die Bekämpfung und Entmündigung des Autors durch Cut-up-Punks und Blogger

„Der freie Mensch ist nicht neidisch, sondern anerkennt das gern, was groß und erhaben ist, und freut sich, daß es ist.“ (Hegel)

1.

Wurde der Autor früher, bevor er durch Agenten von Subjektvernichtungsorganisationen wie den Poststrukturalisten zu „Tode“ (Roland Barthes)1 geschrieben wurde, zumindest noch von einigen wenigen klugen Leuten als PRODUZENT, also schaffendes Subjekt gesetzt und begriffen, welches allein schon aufgrund dieses Umstands zur produzierenden, also proletarischen Klasse zu zählen sei, ist er heute stattdessen endgültig durch lediglich distributive, verwaltende, konsumierende Funktionen einnehmende „Beitragsschreiber“, durch nicht-produzierende, kleinbürgerliche Vermittler und Dirigenten schon vorhandener Materialien und bloße halbbewusste, mit Ressentimentpopel zusammengeklebte und aneinandergematschte Verfestigung von Infrastruktur-Erweiterungen, also durch Fotos weitergebende und Tagebuchmüll-Blogger, -Twitterer und Internetpampe aufbackende sonstige digitale Nuscheler und Schrift-Freiräuber („Cut-up“) ersetzt worden. Cut-up, der Aktionismus des passiven Bewusstseins, die Domäne bürgerlicher Kunstbeobachter und Diskurs-Verwaltungsbeamter, die Tätigkeit der „zufälligen Existenz“ (Hegel), die ihre Zufälligkeit auch noch zur Kunst erheben will in der Projektion ihrer allgemeinen Planlosigkeit aufs Material, strebt einen Autor an, der nicht mehr schreibt, sondern den Müll, der eh überall herum liegt, kopiert, also die Scheiße verdoppelt und die Tätigkeit des Kapitalisten nachahmt – seine objektive Funktion im gesellschaftlichen Produktionsprozess ist die Ausbeutung des produzierenden Autors.

Ende der Sechziger Jahre fiel es armen commünistischen Irren nämlich plötzlich ein, auf künstlerische Maßstäbe lieber ganz zu verzichten und als neues Ideal des Autors den Drogendealer und Scientologen William S. Burroughs hoch zu hetzen, schließlich musste der wissenschaftliche Marxismus und sein projektives Endprodukt, der Kommunismus, nicht nur auf sozialer, wissenschaftlicher und politischer, sondern auch auf literarischer Ebene effizient bekämpft werden – da kam der „bewusstseinserweiternde“, also Hirnmasse auflösende Stumpfsinn der Beatniks gerade recht (zur Not, wenn man das Pack mit den Folgen ihres Tuns konfrontierte, gab es immer noch die Sowjetunion, der man jegliche Probleme bei der Umsetzung des Kommunismus in die Schuhe schieben konnte). Der bewusst gebildeten Künstlichkeit des Werks wurde die bewusstlose, reaktionäre Authentizität einer geistlosen, scheinweltverhafteten, imaginierten Unmittelbarkeit und Echtzeitlichkeit der zusammengewürfelten Momente einer Werklosigkeit entgegengesetzt. So war die commünistische Schnipsel-Ästhetik geboren und es dauerte kaum 20 Jahre, bis sie sich zur endgültigen Totalität entfaltet an jeder Ecke finden ließ – die Kritiker (also: Opfer) des Kapitalismus boten ihr den fruchtbaren Boden. Dieser Zustand hält nicht nur bis heute an, er wird nahezu auf alle publizistischen Bereiche ausgeweitet; kaum ein Blogger, der heute nicht stolz ist auf seinen Analphabetismus.

Jahrhundertelang exzerpierten Leser Textstellen in ihre Kladden, heute wird die Veröffentlichung solcher Exzerpt- und Zitatsammlungen als neue, ja als einzig maßgebliche Gattung hochgejubelt, gerade so als läse außer der postmodernen Autoren-Karikatur („Texter“) niemand Zeitung, als sehe sonst niemand Fernsehen, als sei der ganze ge-cut-upte Kram den Interessierten nicht eh schon längst bekannt und als könnten sie die sagenhafte Verknüpfungsarbeit zum Zwecke der exorbitanten Bewusstseinserweiterung nicht selber leisten. Wenn nun also der bemittleidenswerte Stefan Ripplinger, einer der strebsamsten Repräsentanten der postmodernen Anti-Kunst-Phalanx stolzer Hirnloser faselt:

„Schreiben ist Kombinatorik. Der Schreibende kombiniert Buchstaben, Wörter, Sätze, Texte miteinander. Er montiert fertige Stücke zu einem Ganzen“,2

dann beschreibt er hier den Autor nicht nur ungefähr so positivistisch wie der Satz „Die Hure empfängt Männer und entlässt sie wieder“ die Tätigkeitsbezeichnung einer Prostituierten bestimmt, sondern ignoriert vor allem die Tatsache, dass die Hauptaufgabe des Autors immer das Denken, das Produzieren von Ideen und Konstellationen, die Reflexion, und nicht das bloße Schreiben, Texten oder gar Kombinieren von vorgefundenem, quasi naturwüchsigem Schriftmaterial war.

Das bloße Am-Schreibtisch-sitzen-und-texten, auf welches gerade auch bei den grundsätzlichen Kritikern des Konzepts Autorschaft die Autorentätigkeit immer reduziert wird, nimmt beim klassischen Autor höchstens 20 Prozent seiner Zeit ein. Den Großteil des Tages verbringt er mit dem Beobachten, Denken, Lesen, Begreifen, Entwerfen; hier und da macht er sich nebenbei und zwischendurch ein paar Notizen, ordnet Phänomene in seinen geistigen Kategorien- und Begriffs-Apparat ein, sortiert Aufzeichnungen und Zettel unter Stichwörtern (z.B. mit der Zettelkasten-Methode), führt ein Leben, das sich dem Irrsinn des bürgerlichen Verwaltungs-Sisyphosismus und den schlimmsten Niederungen der Lohnarbeit weitestgehend zu entziehen weiß; – die Praxis des Autors ist zum überwiegenden Teil eine geistige (was, nebenbei bemerkt, die Hauptursache für den Umstand ist, dass man an deutschen Universitäten und Hochschulen so gut wie keine klassischen Autoren findet), nämlich die seines Lebensprojektes, der Verwirklichung der Realität in Begriffe. Die Texterei, die Büroarbeit, das Lohnsklaven-Elend eines Betriebs-Angestellten, als das die autorschaftsfeindlichen postmodernen Spinner den Autor gerne sähen, ist heute dem Journalisten überlassen, der dafür vom kapitalistischen Betrieb ja auch hinlänglich belohnt und allmählich dessen Mitglied, also das Gegenteil eines Autors wird. Einen solchen himmelhoch jauchzend elenden Scheiß mit der Tätigkeit des wirklichen Autors zu verwechseln ist natürlich dumm, aber es ist wohl vor allem auch die Böswilligkeit des allseitig in seinen Ambitionen und an seinen eigenen Idealen Gescheiterten, des trotz krassester Anpassungsleistung kaum Arrivierten, welche Leute wie Ripplinger (ich will ihn hier nur – ganz in seinem Sinne – als paradigmatisches Symptom verstanden wissen, er ist ja repräsentativ für die „Szene“) dazu treibt, ihren Neid auf die unabhängigen Geister zu verkleiden, indem sie sie TOTAL und ALLESAMT eingemeinden möchten in ihre hirnlose Hölle der Gebrauchstexte fabrizierenden Vollzeit-Arschlöcher. Lohnschreiberei und Autor-Existenz aber schließen sich aus; jene schadet dem Autorenwesen so, wie der Commünist dem Kommunismus schadet.

Ripplinger weiter über „den Schreibenden“:

„Er zitiert fremdes Material, denn das Alphabet gehört ihm nicht, [wem, by the way, wenn nicht dem Autor, gehört denn das Alphabet? Dieser Satz ist so logisch wie: „Der Autofahrer fährt mit fremdem Material, denn das Auto gehört ihm nicht.“ Anmerkung von mir, L.W.] die Wörter hat er nicht geprägt, die Sprichwörter und Sprachbilder nicht ersonnen, all die Bücher nicht geschrieben. ‚All minds quote.‘ Wer schreibt, wiederholt, spricht in Zitaten. [Absatz] Der Verfasser einer Zitatmontage hat also nicht, wie manche meinen, als Autor abgedankt, sondern er ist überhaupt der Einzige, der die Autorfunktion mit allen Konsequenzen anerkennt. Er behauptet nicht, Kaninchen aus dem Hut zaubern zu können. Er behauptet im Gegenteil, dass das Kaninchen schon vor seiner Revue auf der Welt war. Wir [das Krankenschwester-Wir, immer wieder gern genommen bei Idioten, die ihren Schwachsinn ständig auch gleich der restlichen Welt unterjubeln wollen, Anm. L.W.] sollten nicht so voreilig sein zu behaupten, es sei durchaus dasselbe. [Absatz] Schreiben ist so gesehen immer Abschreiben.“3

Ripplinger, so gesehen, geht in sich, findet nichts und will dann diesen Zustand auf den Rest der Menschheit übertragen, Motto: „Ich bin unfähig, also kann es keine Fähigen geben, Genieglaube abschaffen, ab jetzt bitte auch alle anderen nur noch Scheiße fabrizieren, klappt doch eh schon prima in der Jungle World zum Beispiel!“ Welch bequemes Leben wenn man doof ist.

Das Interessante, weil Wesentliche an den derzeitig grassiernden Pest-Teilen jener regressiven Großbewegung, die das Prinzip der Autorschaft – auch noch unterm Mantel der Avantgarde – als solche sowieso schon immer komplett für „überholt“, tot, überflüssig, prätentiös oder sonstwie falsch hielten, ist ja einfach, dass sie die Speerspitze der Kunstlosigkeit darstellen: Weil sie keine eigene Kunst herzustellen in der Lage sind, können sie, wo eine solche einmal vorliegt, auch keine Kunst, also Autorschaft, Genie usw. mehr erkennen; sie denken in ihrer konsumierenden, passiven, indifferenten Literaturzitatesammler-Existenz eben tatsächlich, dass jeder andere genauso dämlich und einfallslos ist wie sie selbst, ahnen gar nicht, dass sich Kunst, Talent, Autorschaft nunmal durch ganz andere Dinge als bloß durch das reine Ausdenken, Erfinden, Aufschreiben, „Kombinieren“ von Sätzen, sondern das sinnvolle Anordnen von Begriffen und Kategorien innerhalb eines zusammenhängenden geistigen Gebildes, eines klassisch autonomen Kunstwerks, das sich selber wieder auf einen größeren (Werk-) Zusammenhang bezieht, das Dramatisieren von Texten, Textfragmenten, Gedanken, Sätzen, Zusammenhängen, Meinungen, Personen usw. im Roman, im Essay, in der wissenschaftlichen Untersuchung, im Theaterstück usw. auszeichnen (und sich von jeher ausgezeichnet haben). Autorentätigkeit bedeutet ja gerade das (durch Fabel) Zusammenführen, das KOMPONIEREN von Gedanken, Positionen, Gegenständen, Figuren, und eben nicht das bloße HERSTELLEN solcher. Der klassische Autor „verwendet den Stoff“ (Susan Sontag) nicht, er erzeugt ihn zu großen Teilen erst. Nur weil sich der Produktions- und Autoren- (also auch: Wissenschafts- und Marxismus-) Feind nicht vorstellen kann, dass die Kunst keineswegs am Ende ist, heisst das eben noch lange nicht, dass es sich real auch so verhält; im Gegenteil, sie ist ja gerade erst einmal am Anfang, und wird sich von daher erst recht nicht von Luschen wie Ripplinger und sonstigen aufständischen Autorschaftsgegnern etwas sagen oder gar auf den Friedhof der Geschichte vergraben lassen. Auch die Kunde von der Existenz des Begriffs Neologismus, überhaupt von sprachlicher Fortentwicklung und Neu-Erfindung von Sprachen scheint bei Ripplinger und den anderen marodierenden Antiautoritären (und was ist das Schreiben anderes als autoritäres Verhalten par excellence) noch nicht angeklopft zu haben – was Sprache überhaupt ist, davon haben sie keinen Schimmer, sonst würden sie weder so schreiben, wie sie schreiben, noch das schreiben, was sie schreiben, noch ihren verkorksten Hirnplunder über Sprache, Text und Autor im allgemeinen unters Volk kotzen. Man hat es also hier mal wieder mit den drei großen Bollwerken bürgerlicher Demokratie gegen marxistische Vernunft und für die Abschaffung der Kunst zu tun: (Kunst-)Freiheit4, Antiautorität, Unbildung. Die Entkernung des Subjekts auf gesellschaftlicher Ebene geht mit der Autorfeindschaft auf literarischer einher.

„Cut-up“, „Remixen“, „Collage“: Dass sie Literatur behandeln als sei sie Pop-Musik oder Fotografie, offenbart ja schon alles über die Geistlosigkeit der Zustände, die jene Szene ausmachen. Leute, die keine ästhetischen Kriterien besitzen, überhaupt die reich bevölkerte Gemeinschaft derer, die das Elend jenes Bewusstseins teilen, welches sich durch Kriterienlosigkeit nahezu definiert, pfeifen nunmal auch auf Ästhetik, weil sie nämlich auch inhaltlich nichts aufzubieten hätten, was der angemessenen ästhetischen Darstellung würdig wäre. Kunst kommt eben von Können (die Existenz solcher Antiautoren wie William S. Burroughs, Rolf Dieter Brinkmann, Uwe Nettelbeck, Susan Sontag, Jean Genet, Robert Anton Wilson etc. ist dafür ja gerade der auf Papier manifestierte Beweis5, zumindest der Beweis dafür, dass Nichtkönnen immer Nichtkunst zur Folge hat – es verhält sich mit den Nichtskönnern ähnlich wie mit modernen Politikern: das Volk wird gar nicht mehr verarscht, sondern man gibt die Schweinerei einfach zu, ist sogar stolz auf Unfähigkeit und Dummheit UND IST GERADE DESHALB BELIEBT); keine Ahnung, was die Nichtskönner immer zur Kunst treibt und sie sich auch noch erdreisten lässt, ihr Vorschriften zu machen; wahrscheinlich ist es der prinzipielle Gestus des Kritischen, der humanoiden Spürhund-Idiotie, der ästhetische Trotzkismus also, wie man ihn schon von Adorniten, 68ern, Frauenbewegung usw. kennt, vermengt mit der letztlich nur somatischen, vorbewussten Aufnahme des bloßen auratischen Abglanzes des „sinnlichen Scheinens der Idee“, als welche Hegel das Kunstschöne gültig definierte . (Der Anarchismus hatte ohnehin noch nie eine Ästhetik – man erinnere sich nur an Godard, Camus, die Sex Pistols, Family Guy und vor allem deren Fans.) Langweilig, verblödend und dämlich wären sie schon zur Genüge, wenn sie nur monomanisch ihren Mist durchzögen, aber dass diese Kunst-Lumpensammler auch noch allen anderen ihre „Theorie“ aufdrücken, das muss nun wirklich nicht auch noch sein; der Provinzkrämer mag bemitleidenswert, armselig und für seine Verhältnisse sogar erfolgreich sein, aber wenn er dem Großkonzern Nachhilfe im Handelswesen geben will, wird es doch langsam grotesk.

Der Cut-upper (und was ist das ordinäre Weblog anderes als ein erbärmlich langes Cut-up), der Bilder-, Texte- und Aufrufe-Weiterverbreiter – und natürlich erst recht der jenen Stuß wiederum verbreitende Journalismus – sieht die Welt der Kunst nur als einen unzusammenhängenden Brei, als etwas Begriffsloses, weil er keinen Begriff von ihr bilden kann oder will, und hat deshalb auch keinerlei Schwierigkeit damit, munter durch die Gegend zu cut-uppen, zitieren, faseln, bloggen. Bei ihm liegt der traditionsreiche romantische Irrtum vor, den eigenen, durch grundlegende Armseligkeit hervorgerufenen Entäußerungsdrang mit dem Informationsbedürfnis der restlichen Welt zu verwechseln (denn erst im Kommunismus werden logischerweise beide endgültig in eins gehen UND BIS DAHIN HAT MAN ENTWEDER DIE FRESSE ZU HALTEN (Hirnlose) oder zu ARBEITEN (Einsichtige)). Man hat es hier in der Regel zu tun mit Design- oder Kulturwissenschaftsstudenten, die sich „in ihrer Freizeit“ auch noch für „Marxismus“ und „Kapitalismuskritik“ interessieren, weshalb sie mit ihrer Scheiße andauernd die anderen armen Schweine im linken Zentrum belästigen und dazu natürlich noch ein Blog betreiben, damit alle Welt auch sofort weiß, wenn sie wieder ein neues Heinrich-, Adorno- oder Butler-Kapitel fertig gelesen haben, so wie sich der Großkapitalist nebenbei auch noch für „Kunst“ interessiert oder womöglich selber Hobby-Maler ist, weil er ein paar Gemälde im Büro hängen hat und zweimal im Jahr ins Museum geht. Die Klassik nannte das noch Dilletantismus, heute, in der total und global fleischgewordenen deutschen Romantik, gehört es „in der Szene“ zum guten Ton.

In ihren Texten beziehen sie sich formal auf den Kommunismus, bezeichnen sich bisweilen sogar als dessen Anhänger; was die eigene Stellung im Produktionsprozess und die Haltung zu geistiger Produktivität, die Ergebnisse der eigenen Bemühungen anbelangt, praktizieren sie jedoch das genaue Gegenteil: Bürgerliche, antikommunistische (oder dem Kommunismus zumindest nichts nützende) Überzeugungs-, Aufklärungs- und Agitations-Aktivität, also die in Text gefasste Nicht-Arbeit, die begriffslose Nachlese oder die kontrollierende Kritiker-Haltung (der Kritiker ist ja nahezu das Paradebeispiel des unproduktiv-reaktionären Arschlochtums, letztlich ist er das zombieeske Gegenstück zum Autor), also alles explizit nichtproduzierendes, den Status Quo lediglich reproduzierendes Tun, das Werkeln am bloßen Gegebenen. Ihr REALER Klassenstandpunkt ist also ein falscher, nichtproletarischer, bürgerlicher; einer der dem vorgeblichen widerspricht, ja entgegengesetzt ist, einer, der der Kapitalreproduktion, nicht dem Sozialismus verpflichtet ist. Ein Texter, Nicht-Autor kann also kein Kommunist sein; er mag für den Kommunismus Propaganda treiben (die Parolenhaftigkeit von Propaganda-Flugblättern war schon immer der ärgste Feind des selbständigen Gedankens und des Fortschritts), so wie ein Werbeagentur-Angestellter für ein Fernsehgerät Reklame macht – den Fernseher aber hat er selber weder hergestellt, noch konzipiert. Der bloße Material-Sammler, -Verwurster und -Publizierende ist der Blinddarm des Produktionsprozesses und entwicklungsgeschichtlich ungefähr auf dem Stand einer Biene; er übernimmt zudem auch noch freiwillig die schändliche Drecksarbeit des dümmsten Standes der Gesellschaft, nämlich des Journalisten, dessen Job ja schon von je her die bloße ohnmächtige, chaotische, entkontextualisierende Ansammelei und Verbreitung von rein Zufälligem war. Die Tätigkeit des klassischen Autors hingegen war schon immer das Gegenteil, nämlich die bewusste, Ordnung stiftende, Sinn erzeugende Komposition, die Vermählung des bloßen Materials mit dem darüber erhabenen Gedanken. Klassische Autoren wie Goethe und Heine haben also auch im Sinne des Kommunismus Großes und zum Fortschritt der Menschheit Nützliches geleistet – vor allem weit mehr, als all die vergessenen namenlosen sozialrevolutionären Agitatoren, Gutmeiner und „Aufklärer“, die zur selben Zeit nichts anderes taten als mit ihrem wiedergekäuten Mumpitz vollgeschmierte Flyer zu verteilen und kritische Diskussionsgruppen zu leiten.

2.

Das prinzipielle Elend der modernen Form des Autorendaseins ist ja, neben all den hyperlinkübersäten Dreckstexten von bewusstlosen Arschlöchern, die man im Netz überall so lesen muss, vor allem die Tatsache, dass der Autor (der produzierende, also klassische natürlich, nicht der seine Konsum-Erfahrungen schildernde – oder, wenn er beispielsweise ein Bahamas-Schreiber ist, aus seinem Zettelkasten Adorno-Paragraphen leicht umformulierende oder direkt abschreibende, postmoderne, tote), um wenigstens von ein paar armen Irren gelesen zu werden, andauernd auch mit deren hirnloser Scheiße konfrontiert wird: das Blogroll-, Referer-. und Follower-Unwesen, die Kommentarfunktion, die oft nicht vermeidbare Bezugnahme auf die einen anpissenden Canaillen etc.: Ignoriert man die Deppen, wird man wiederum von den Deppen ignoriert, und somit – da die Deppen aufgrund ihres Mangels an wirklichen Fähigkeiten ja innerhalb der kapitalistischen Arbeitsteilung für die Verbreitung, Multiplikation und Popularisierung von Material zuständig sind, das sie selber nicht begriffen haben – auch vom Rest der Öffentlichkeit. Der im Aussterben begriffene traditionelle Autor weiß schon, warum er sich mit dem Pack, das sich „Leser“ oder „Fans“ schimpft, nicht abgibt; Verlag, Lektor, Agent, Redakteur waren nicht nur wunderbare Zensurinstanzen, die die Veröffentlichung von wirklich guten Werken meist zuverlässig vereitelt und das heutzutage alles durchseuchende orientierungslose Bloggerschwätz verhindert haben, indem sie wiederum das Schriftstellergeschwafel direkt auf von niemandem gelesene Buchseiten drucken ließen, sondern vor allem prima Bollwerke gegen das Scheißgesindel selbsternannter Anhänger, die bislang jedem auch noch so selbstsicheren Autor die Schamesröte ins Gesicht getrieben haben. (Anmerkung für die Hirnlosen: Ich hoffe, der Satz war unverständlich, menschenverachtend, lang und inhaltslos genug. Ansonsten bitte wie gehabt ins Meckerformular unten reinblöken, danke.) Vor einem Autor unter Verlags- und Apparats-Schutz hatte man wenigstens einen Rest von Achtung (man belästigte ihn höchstens auf Lesungen), der Internet-Autor kann sich vor bescheuertem Fan- oder Kritiker- (strukturell eh dasselbe) Gejaule kaum noch retten; selbst Verlage sind ja heute nur noch schlecht gemachte Kollektivblogs mit gedrucktem Ausschiss.6

Ein Künstler (erst recht ein Autor) aber, der mit dem Publikum spricht, ist keiner mehr, weil er sich mit seiner Bereitschaft, dem bösartigen Gesindel entgegenzukommen, selber schon zum Diskussionszombie, zum netten Typen von nebenan, zu „einem von ihnen“ macht (die Diskussionsbereitschaft der commünistischen Communications-Canaillen zum Beispiel ist in den allermeisten Fällen ohnehin nur die Weigerung, seinen eigenen Verstand zu benutzen – wo ein solcher aber nicht existiert, sind natürlich auch Diskussionen unnötig). Und einer, der nicht selber produziert, sondern nur sammelt und schnippselt, ist ohnehin irrrelevant, weil nur derjenige auch wirklich sammeln und konsumieren kann, der das Gesammelte und Konsumierte auch in der Lage ist PRODUKTIV zu verarbeiten, also in ein neues zu verwandeln. Goethe, die Inkarnation des klassischen Autors (der bisweilen Jahre, sogar Jahrzehnte an einem Werk schrieb, sich also Zeit ließ, statt jeden ephemeren, unzusammenhängenden Gedanken sofort auf irgendeine Weise ins stumpfsinnige Nichts der Öffentlichkeit zu verramschen und seine Aufgabe auch nicht bloß darin sah, auf volkstümliche Weise ohnehin schon bekannte Banalitäten in Kunsthandwerk zu übersetzen, sondern sich nunmal auch der (Natur-)Wissenschaft, Ästhetik, Philosophie konzentriert und engagiert widmete) dazu an Frédéric Jacob Soret, 1832:

„Was bin ich selbst? Und was habe ich getan? Ich habe all das gesammelt, nutzbar gemacht, was ich genommen, beobachtet habe. Meine Werke sind genährt durch Tausende von verschiedenen Einzelwesen, von Dummköpfen und von Weisen, von geistreichen Menschen und von Narren. Die Kindheit, die Reifezeit und das Alter, sie alle haben mir ihre Gedanken, ihre Fähigkeiten, ihre Seinsweise angeboten, ich habe oft die Ernte eingebracht, für die andere gesät hatten. Mein Werk ist das eines Kollektivwesens, und es trägt den Namen Goethe.“7

3.

Wenn ich diese Blogtickermeldungen des hirngefickten Plauderpacks schon lese: „Ich werde in der nächsten Zeit wieder vermehrt bloggen“ (große Ankündigung auf vierzehn Blogs, bei Facebook und über Twitter, BREAKING NEWS!) und dergleichen mehr; ja worauf hat die Welt mehr gewartet, als dass irgendein namenloser unbeachteter Spinner von der humanistisch-undogmatisch-kritisch-anarchistischen offenen automomen selbstverwalteten autarken genderqueeren selbstorganisierten veganen kollektiv arbeitenden und lebenden toleranten kämpferischen pazifistischen kriegskritischen antikapitalistischen solidarischen Gruppe für Ameisenstaatskritik aus Göttingen nun endlich wieder vermehrt gecopypastete Aufrufe für komplett nutz- und wirkungslose linkscommünistische Piss- und Pöbeldemos und sonstiges Pop-Konzert-Diskussions- und Agitationsgewichse (in diesem Falle wirklich Gewichse: der Agitator ist ja vom Wesen her Masturbierender, er lässt prinzipiell keinen Verkehr mit anderen zu, höchstens mit den zu erziehenden Gummipuppen aka. „Massen“) in seinen vor Legasthenie und Irrelevanz nur so strotzenden Scheißblog über sein nichtiges Drecksleben rotzt. Man dachte ja als Mitglied des gebildeten Standes realitätszugewandter hegelianischer Stalinisten zunächst wirklich, dass mit den durch das selige, würdige und weise Ministerium für Staatssicherheit8 der Deutschen Demokratischen Republik vernünftigerweise eingefädelten Bekämpfung und Liquidierung der RAF-Bande und dem sonstigen antiautoritär-bundesrepublikanischen Trotzkistengeschmeiß zumindest die schlimmsten links-antikommunistischen Hornochsen vom Erdboden verschwunden seien, aber Pustekuchen!, kaum gibt es das Internet, fängt die Scheiße wieder von vorne an, und vor allem so schlimm wie nie zuvor.

Der Autor produzierte Kunst, Wahrheit, Wissenschaft; der Blogger produziert im besten Fall Meinungen, also Stuss.
Mehr Sehnsucht nach Mielke war selten.

(Fortsetzung folgt.)

Nachbemerkung: Immer, wenn man etwas verteidigt, sei es das militärische Vorgehen Israels, die Politik der SED, Kunst, Autorität, oder, wie hier, den Autor, kommen ja alle möglichen Kommunikations-Canaillen rechter oder linker Dachschadenkategorie aus ihren Löchern herausgetorkelt, um mal wieder AUS PRINZIP dagegen zu sein und um zu skandieren, wie menschenverachtend, doof, reaktionär o.ä. eine solche Verteidigung doch sei. Die Kommentarspalte ist offen, aber die Ordnungs-, Setzungs- und Bestimmungs-Feinde haben die Fresse zu halten. Eure „Argumente“ sind bekannt, sie interessieren den Weltgeist einen Kehricht, weil sie vollkommen irrelevant sind; ihnen wird hier kein Forum geboten, damit das klar ist.

  1. Die Theorie des „Tods des Autors“ ist auch nur eine primitive Form der schon seit Ewigkeiten bestehenden Erkenntnis, dass ein Text durchaus auch andere Interpretationen zulässt, als die vom Autor intendierte – Hegel nannte sowas schlicht Objektivität. [zurück]
  2. Stefan Ripplinger, Return to Sender. Uwe Nettelbecks Zitatmontagen, in: Kultur & Gespenster Nr.7, Herbst 2008, S. 74) [zurück]
  3. ebd. [zurück]
  4. Es ist ja eine lange Tradition der Kunst-Unverständigen, sich für die Abschaffung der Kunst qua „Kunstfreiheit“ einzusetzen. Im Milieu der Gegenwartsliteratur haben sie es ja auch fast geschafft, Gratulation! [zurück]
  5. Abgesehen von der Form (erst „offene Form“, dann geschlossene Anstalt, kennt man ja) ist deren Quatsch auch THEMATISCH ein einziger Dreck: „Entfremdung“, Antiamerikanismus, Pazifistenhetze, Drogensumpf, Hippiekauderwelsch, TV-Spielshows – langweiliger und dümmer geht es nicht. Rauschgift, Romantik, Diskontinuität, Trübsal, Fragment, Fabellosigkeit und Hirnriss: das sind die Ideale des postmodernen Texters, Bloggers, Cut-Up-Punks (statt Bewusstheit, Klarheit, Klassik, Können, Konzentration, Reichtum, Zusammenhang und Sinn, wie noch beim klassischen Autor). Der postmoderne Texteverwurster ist wie der commünistische Kritiker (weswegen beide meist ja auch in Personalunion auftreten): Er ist mal hier dagegen und mal dort unzufrieden, mal hier verzweifelt und mal dort empört – einen Standpunkt, gar einen Plan hat er nicht. [zurück]
  6. Jetzt ist auch noch der Suhrkamp-Verlag aus seinem Frankfurter Elfenbeinturm nach Berlin „umgezogen“, wo auch diese letzte Bastion des verlegerischen Klassenkampfs (von unten wie von oben gleichzeitig, Pluralismus eben – der Suhrkamp-Verlag hat ja nun wirklich JEDEN veröffentlicht) in den nächsten Jahren wohl kontinuierlich von den dort ansässigen Web-2.0-Canaillen, Loboianern und sonstigen Aphoristikern des allgemeinen Elends unterwandert werden wird. [zurück]
  7. Wolfgang Herwig (Hg.), Goethes Gespräche. Eine Sammlung zeitgenössischer Berichte aus seinem Umgang, auf Grund der Ausgabe u. des Nachlasses v. Flodoard Freiherrn von Biedermann, 5 Bde., Bd. 1-3.2: Zürich u. Stuttgart, Bd. 4 u. 5: Zürich u. München 1965-1987; hier Bd. 3.2, S. 839, Nr. 6954. Zitiert nach: http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/birus_wiederbegegnung.pdf, Seite 6, Fußnote 5. [zurück]
  8. Nur, dass es bei Biermann nicht kurzen Prozess gemacht hat, und zwar schon viel viel früher, ist unverzeihlich – ansonsten beste sozialistische Arbeit, kaum ein Mord mehr als notwendig. [zurück]
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Stalins Imitationen

Für Tim

„Adorno heißt der Feind, Mitscherlich, Grass, Rowohlt, und Kiepenheuer und Witsch. Den „Spiegel“ gilt es abzuschaffen. Die „Zeit“. Nichts ist so schlimm wie das Deutsche Schauspielhaus. (…)

Ein Nazi ist Kanzler, der sagt, die Nazis sind keine Nationalsozialisten, weil er hofft, daß die Nazis nicht sagen, daß er ein Nazi ist. Die Sozialisten sagen nichts, weil sie hoffen, daß der Kanzler nicht sagt, wer von den Sozis Nazi ist. Die FDP sagt nichts, weil sie hofft, die Nazis der CDU oder der SPD sich eher noch mit ihr vereinigen als mit den Nazis einer Partei, der zur NSDAP nur SA fehlt. (…)

Der Architekt wählt FDP, weil er will, daß die SPD drankommt. Uli wählt CDU, weil Innensenator Schmidt ihn ins Gefängnis gebracht hat. Der Sohn aus gutem Hause glaubt, nun, da die SPD den Paragraphen 175 aufheben half, könne man wieder CDU wählen. Die Tunte aus Marrakech wählt mit all ihren Freunden NPD, um es den jungen Rüpeln zu zeigen. Loddl wählt SPD, weil er will, daß die SPD drankommt.
– Wenn ich SPD wähle, kommt die CDU dran. Vielleicht sollte ich CDU wählen, um die FDP zu stärken. Wenn man ein sozialistisches Deutschland will, ist es nur logisch, die Nazis zu wählen.“

Hubert Fichte, Detlevs Imitationen „Grünspan“, Frankfurt am Main 1978, S. 83ff.

Fichte wurde 1935 in Perleberg (Brandenburg) geboren und hat als einziger deutscher Schriftsteller des letzten Jahrhunderts nebenher auch noch was vernünftiges gemacht. Er war nämlich u.a. Kinderdarsteller, Schauspieler, Landwirtschaftslehrling und Schafhirte in der französischen Provence. Er konnte deshalb gut schreiben und war natürlich ein stalinistisches Genie, frei von Argumenten, also Ressentiments. Er starb 1986. Sein Werk ist im Fischer-Verlag erschienen.

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Tellkamp: „Fortsetzung ist geplant“ – Lyzis: „Tellkamp, halt’s Maul!“

„Eine Gesellschaft verrostet (…), es rückt und rührt sich einfach nichts, das Land liegt auf dem Sterbebett, es schneit ein (…), eine ganze Gesellschaft wird sich selbst gegenüber gleichgültig und stirbt, ohne dass es irgend jemanden interessiert“

verkündete der inoffizielle Birthlerbehördenmitarbeiter und Westentaschen-Antikommunist Uwe Tellkamp in der gestrigen Ausgabe des 3Sat-Barbareimagazins „Kulturzeit“ im Rahmen eines der vielen in diesem Jahr noch folgenden Propaganda-Interviews zur Zelebrierung des 20. Jubiläums der deutschen Konterrevolution von 1989 sein Urteil über die späte Honecker-DDR.

„Hat sie Hass getrieben?“

fragt ihn die Moderatorin. Telli darauf:

„Beim Schreiben nicht, wiewohl ich diese Empfindung kenne.“

Wenn er für diese genüsslich betriebene Fortschritts- und Denkfeindlichkeit wenigstens noch vom VS bezahlt werden würde. Aber er tut es aus freien Stücken, womöglich sogar „für Deutschland“ oder „die Aufklärung“. „Eine Fortsetzung“ zu seinem Schundroman „Der Turm“ sei natürlich „geplant“, so Tellkamp.

LYZIS‘ WELT dazu in einem Interview mit sich selbst:
„Tellkamp, halt’s Maul!“

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