Tag-Archiv für 'medien'

Bildzeitung vs. Drosten

Dass Christian Drosten, wenn es nach Springer geht, der neue Christian Wulff wird, zeigt dass es inzwischen die allseits Beliebten, die Volks-Zugewandten, die Konformisten sind, die der Zorn des bürgerlichen Hetz-Apparats trifft. Die Tendenz ist, dass Springer heute nicht mehr gegen RAF-Terroristen oder linskradikale Studenten zu Felde zieht, sondern gegen die biederen Onkel von nebenan, gegen Leute, die brav und gesetzestreu, vielleicht etwas ungeschickt ihren Job machen und ansonsten keiner Fliege was zuleide tun können.

Was eines von vielen Exempeln abgibt dafür, wie doof und unnötig Anpassung doch ist: Wenn es nach der Bildzeitung (und mir ihr großer Teile dieses – ihres – Landes) geht, ist eh jeder, der was anderes als der Spingerkonzern will, ein gefährlicher autoritärer Stalinist, der die Menschheit unter Planwirtschaft versklaven will. Es lohnt sich also letztlich überhaupt nicht, nett zu sein, und sich NICHT völlig der Wahrheit zu widmen, die ja eben stalinistische Planwirtschaft lautet. Denn was Nettsein bedeutet, bestimmt das Presse-Monopolkapital: Nett ist, wer den Kapitalismus lobt oder zumindest nicht allzu hart angeht. Nett, ist wer vorgibt, sich um die Alten, die Kranken, die Kinder zu sorgen. Nett ist, wer will, was alle wollen – Friede, Freude, Gesundheit, Eierkuchen –, ohne eine Macht hinter sich zu haben, die das auch erkämpfen und realisieren könnte. Nett ist, wer sich nur mit anderen Netten umgibt. Nett ist der naive Glaube an irgendwelche Ammenmärchen, nett sind also auch leider die Linken geworden. Weil die ständige Gereiztheit, eine stets aufgeschreckte Grundnervosität und damit die Bereitschaft zur Empörung, die das Leben in bürgerlichen Gesellschaften hervorbringt für jene, die die Erziehungs- und Reichtumsverteilungs-Verlierer sind, bloß noch Modi wie Altruismus, Mitleid, rigiden Moralismus usw. übrig lässt, mit denen sich Ohnmacht und Knechtschaft heute rationalisieren.

Diese emotionale und moralische Überspanntheit vor allem bei Linken, bringt das Bedürfnis nach Schonung mit sich und also das nach Nettigkeit: wer selber nur nett sein kann, will damit in Wahrheit dem Streit aus dem Weg gehen, er will andere dazu bringen, sich auf sein Feld, das der Nettigkeit herunter zu bequemen. Auf diesem Felde kann er, der Diplomat, geschützt durch die Bollwerke der Moral und der Geisteskrankheit namens „gesunder Menschneverstand“ immer als Sieger hervorgehen, ohne selbst was riskieren zu müssen.
So macht Not Feige aus ihnen allen: Es spiegeln sich also in der eingeforderten Nettigkeit nur die materiellen Verhältnisse, die Ohnmacht und die ökonmische Abhängigkeit der Leute.
Die Linken haben sich zurückgezogen in ihre safe spaces, in ihre autonomen bubbles, Flausch-communities, ihre sorgsam abgesteckten Nettigkeits-Zonen (und jene postlinken jammerlappigen Provokations-Hampelmänner vom Schlage der Ideologiekritiker willfahren diesem Bedürfnis bloß, indem sie ihre eigene geschlossene Anstalts-Moral kultivieren, die zur Kommunikation nicht mehr fähig ist). Wenn ein Linker heute z.B. mal aus Versehen die völlig selbstverständliche und vernünftige Aussage macht, dass Kapitalisten nach der Revolution natürlich ins Gulag gehören, wird sich wenige Stunden später sofort (wie im Fall von Bernd Riexinger) bei Springer, FDP, BDI und CDU entschuldigt.

So werden in der großen Öffentlichkeit die Positionen von Radikalität, Tabubrecherei und intellektueller Randale frei für andere, die Rechten. Peter Sloterdijk etwa macht heute in der Tat nichts anderes als damals die 68er: Provozieren. Sie hauen auf den Putz, denn sie wissen, dass heute die einzige effektive Werbung für egal was die Provokation, das Spielen mit Tabus, das Reinscheissen von hot takes in den Diskurs ist.
Klar erkannt hat das auch der rechte Boulevard, der sich im Vergleich zu all den netten (also: antiautoritären, „kritischen“, d.h. verängstigten) Linken nun wunderbar als Rebellion und Machtkritik gerieren kann. Die das Böse beobachtende Klasse ist selbst zur bösen, also Politik treibenden geworden. Kurz: Julian Reichelt, das ist das Downgrade von Charles Manson. Der Typ will die Welt brennen sehen, doch leider hat es bei ihm nicht zum Rebellen, zum Sektenführer oder Serienmörder gereicht, sondern nur zum ordinären, aber lauten Kapitalknecht, dessen reaktionärer Eifer wie Rebellentum ausschaut – zumindest im Vergleich zu in universitären Diskussionszirkeln „assozierten“, also handzahmen Sozialkritikern, die weder die Regierung, noch irgendwelche Regierungs-Virologen angreifen wollen oder können.

Reichelt, Roepcke und einige bei der Bildzeitung untergekommenen Adorniten sehen sich auch selber als Kritiker des Konformismus, als Ideologiekritiker, als Rebellen gegen den „Zeitgeist“. Reichelt und Roepcke haben in der Parallelwelt Twitter kaum mehr Follower als irgendweche anonymen linken Accounts und können sich in dieser „Subkultur“ dann zurecht als Minderheit geben, die ihre Schweinereien unterm Mantel des Kampfs gegen eine übermächtige linke Unvernunft der ähnliche Schimären durchziehen können. So gehen sie aber durch die gesamte Welt: mit dem Bewusstsein des Mundtotgemachten, mit dem Seelenzustand des zu Unrecht Verfolgten, des in der Minderheit befindlichen Aufklärers.

All diese rechten Arschlöcher sie sind strukturell Linke geworden. So leben sie hin.

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Verschwörungsideologie und Verschwörungsideologiekritik

Es existiert seit einiger Zeit eine „Bewegung“, die wohl tatsächlich noch verblödeter als die der Verschwörungstheoretiker zu sein scheint und sich hauptsächlich in den Organen der Niedertracht namens social media und linksliberale Wochenzeitung äußert: die Verschwörungstheorie-Kritiker.

Wo Verschwörungstheoretiker Leute sind, die meinen, sie hätten geheime Absprachen aufgedeckt, deren Wesen es ist, von niemandem außer den sich geheim Absprechenden aufgedeckt werden zu können, sind die Verschwörungstheorie-Kritiker nochmal eine „Entwicklungs-“, also: Verblödungsstufe weiter: sie erwählen sich ausgerechnet die offensichtlich arg minderbemittelte Verschwöungstheorie-Szene, an die sie sich mit ihrer abstrake Jammerlappigkeit („Kritik“) wenden – ganz so, als sei da was auszurichten, was zu mehr führt als eben zur Entwicklung von Ideologe (Vebreiten von Ideologie als Kritik) zu Ideologiekritiker (Verbreiten von Kritik als Ideologie). Es zeigt schon, wie schlimm es um ihren Intellekt stehen muss, wenn sie ihr Kritik-Bedürfnis ausgerechnet an den lowest hanging fruits ausleben müssen.

Nun gehen die Verschwörungstheorie-Kritiker ja soweit, an die wahnsinnigste Verschwörungstheorie überhaupt zu glauben, nämlich die, es gebe in dieser Welt der permanenten Verschwörungen GAR KEINE Veschwörungen, obwohl täglich solche aufgedeckt werden. So hat sich der gesellschaftskritische Gratismut nur verschoben: den verwegenen Aufdeckern von eingebildeten Verschwörungen wird das Feld der Doofheit streitig gemacht durch die verwegenen Aufdecker von eingebildeten Verschwörungs-THEORIE-Zirkeln. Das Prinzip bleibt – bei aller Mühe, was besseres zu sein – dasselbe. Es handelt sich sozusagen um Verschwörungsideologie 2.0 – eine Verlängerung des eigenen Elends der Vergangenheit in die Gegenwart. Nicht zufällig sind die größten Verschwörungstheorie-Kritiker in jüngeren Jahre noch beherzte Verschwörungstheoretiker gewesen und scheint auch ihr halber Bekanntenkreis noch immer aus solchen zu bestehen – anders ist gar nicht erklärbar, wie sie immerzu die krudesten, von 99% der Bevölkerung unbeachteten und von so gut wie niemandem ernstgenommenen Verschwörungstheorien aus den Tiefen des world wide web herauskramen, um dann in ihrer kritisch-theoretischen Krämer-Mentalität noch ein paar Cent Distinktionsgewinn in ihrer Szene von gleichverblödeten Kritikern herauszuholen.

tazverschw

Inzwischen ist es soweit gekommen, dass die Aufdecker von Verschwörungstheorien die „Verschwörungen“ im Ernst schon bei den Verschwörungsideologen selbst verorten. Die taz nennt – wahrscheinlich einfach aus Wurstigkeit – Verschwörungstheoretiker nun tatsächlich „Verschwörer*innen“ und damit hat sich der Kreis des Schwachsinns wunderbar geschlossen. Man kann endlich wieder gegen Verschwörer agitieren, weil die Kritik-Bedürftigen ihre Verschwörungen nun in den Auslassungen der Verschwörungs-THEORETIKER verorten. Einfach jeder muss ganz dringend davon überzeugt werden, wie die wirkliche Wahrheit, wie es hinter den Kulissen ausschaut, nämlich: dass die größte Gefahr für den freien Westen in geisteskranken Youtubern und 17 demonstrierenden Spinnern auf dem Dorfmarktplatz besteht. Es ist wirklich ein grandioses Schauspiel, ein happening am sich selbst öffentlich lobotomisierenden Kollektiv-Hirn linksliberal-radikaler Kritik. Daniel Kulla z.B, einer der Pioniere dieser Großbewegung von seit langem in den Denk-Streik Getretenen, redet seit Jahren von „Entschwörung“ wo er „Verschwörungstheoriekritik“ meint. Wer aber bei Vernunft ist, braucht keine Verschwörungstheoriekritik, genausowenig, wie man etwa als fähiger Dichter keine Romantik-Kritik, sondern einfach Klassik betreibt. Was heute so unter „Kritik“ läuft, ist eine Erfindung von ständig am Rande der geistigen Prekarität entlang schwankenden „freien“ Journalisten – also: Komplettknechten des Presse-Monopolkapitals –, die versuchen, ihrer Unterwürfigkeit und ihrer Angepasstheit an den Betrieb eine Berechtigung zu verleihen, indem sie mit dem Ausmachen und Anschwärzen von angeblich „gefährlichen“ (also „die Demokratie unterhöhlenden“ o.ä.), in Wahrheit aber vollkommen armseligen und absolut wirkungslosen Grüppchen eine Distanz zum Betrieb vorgeben, die in Wahrheit nicht existiert (man schaue sich z.B. mal das liberale Geschmeiss an, was sich da so kritisch aus dem taz-, Jungle-World- und Ruhrbarone-Sumpf bis zu Springer empor kritisiert). Die irrsinnigen Theorien freischaffender Hobby-Verschwörungsideologen aber sind die Auseinandersetzung nicht wert. Sie fungieren als Religionsersatz, als eine neue Art des Seufzens berdrängter Kreaturen. Die einzige Kur dagegen bleibt das konsequente Ignorieren. Aber das Herumwühlen in den Seelen dieser bedrängten Kreaturen, das ständige Erspähenwollen der Fehler und Dummheiten dieser Leute ist ja auch wieder nichts anderes als das Seufzen bedrängter Kreaturen – nur halt solcher, die nur schon eine weitere Stufe auf dem Weg zur Hölle der vollendeteten Totalverblödung erklommen haben.

Die Verschwörungskritik-kritische deutsche Linke setzt ihre Prioritäten: Während veritable Verschwörungstheorien wie jene u.a. von Trump und der Bildzeitung verbreitete, das Corona-Virus entstamme einem chinesischen Labor, momentan täglich selbst in den als seriös geltenden öffentlich-rechtlichen TV-Nachrichten verbreitet werden, kümmern sich die Verschwörungstheorie-Kritiker um die Kritik irgendwelcher hauptberuflicher Drunterkommentierer. Derselbe Mumpitz, der täglich im ZDF verkündet wird, verlautbart aus dem Munde eines Ken Deppsen, würde bei ihnen wochenlange Diskussionen in zig Artikeln und tausenden Facebook-Postings nach sich ziehen. Und natürlich: die Redaktionen von Titanic und Jungle World etwa wären komplett arbeitslos, wenn es keinen Bedarf mehr an linker Verschwörungsideologie-Kritik gäbe. Was nur ein weiteres gutes Argument für deren möglichst schnelle Abstellung ist.

Selbstverständlich sind den Verschwörungstheorie-Kritikern Theorien (egal ob zu Verschwörungen oder sonstwas) schon deshalb ein Dorn im Auge, weil allein das Wort „Theorie“ sie daran erinnert, wie es mit ihrer eigenen Fähigkeit zur Theorie steht. So wird „Theorie“ bei anderen immer sofort zur „Ideologie“, während die eigenen nachgeplapperten Versatzstücke von zufälliger Menschenbeobachtung, angelesenen Ressentiments und banalstem Teenage-Weltschmerz in die Weihen edler Theorie gehoben werden. Verschwörungstheorie mag die Theorie der Theorielosen sein; aber die Kritik daran ist die der theorielosen Möchtegern-Theoretiker. Man nennt diese auch: „Kritiker“. Denn wer Theorie hätte, müsste ja nicht kritisieren – in seiner Theorie wäre schließlich das Unzureichende des Gegenstandes schon umfassend enthalten und bedürfte nicht mehr des akademischen Populismus, der sich als „Kritik“ bezeichnet.

Jemand wie Ken Jebsen ist dann sowas wie der tote Hund Chico der Verschwörungsodeologiekritiker; es geht ihnen – was sie natürlich nicht wissen können, weil, wer den Wahn noch teilt, diesen nicht erkennen kann – nicht um einen toten Hund oder um einen lebenden Hundesohn, sondern darum, dass man sich qua Profilbild-Message („RIP Chico“; „Gegen jede Verschwörungsideologie“) einer Gemeinde von Erleuchteten zuordnen kann, deren Erleuchtung eben darin besteht, genau so doof zu sein wie alle anderen, dies aber mit dem bloßen Streben nach Besonderheit (nicht der Besonderheit selbst; für eine solche müsste man sich eben sondern, gesondert sein, – was in Rudeln halt logisch unmöglich ist) schlecht zu übertünchen. Die Verschwörungstheorie-Kritik-Szene besteht aus Leuten, die sich für allerlei obskuren Scheiss interessieren, solange dieser bloß kein Mainstream ist, sondern als Underground durchgeht, und sich dabei mit dem Elan eines lerngestörten Kleinkindes auf Ideologiekritik und antikapitalistische Antigesellschaftstheorie stürzen – den beiden Verschwörungstheorieformen für Antiverschwörungstheoretiker, die sich ihre Ideologeme und Wissenshäppchen aus Szene-Boulevardblättchen wie Jungle World und Konkret zusammen gecut-upt haben.

Man mag den Verschwörungstheoretikern wie deren Kritikern zurufen, dass da, wo sie hinwollen, wir Bolschewisten schon herkommen, denn es handelt sich doch bei beiden Gesindel-Varianten um bloße Karrikaturen von Erleuchteten; – der Erleuchtete zeichnet sich klassischerweise nicht dadurch aus, dass er ständig davon schwadroniert, endlich den Ausgang aus Platons Höhle erreichen zu wollen, sondern dass er bereits aus diesem ans Licht getreten und zurückgekehrt ist, um die Gebannten (also: die an die emotionalen Staatsmaschinerien Angeschlossenen, an die Empörten und Aufgebrachten, an die Schar von in der Höhle gefesselt Sitzenden und Ditfurth-Vorträge und „Deutsch-mich-nicht-voll“-Facebookgruppen-Kommentare auf der Leinwand Glotzenden) mittels Einprügeln von Vernunft von der Notwendigkeit, zunächst mal die Änderung – meinetwegen: die Revolution – des eigenen Lebens zu bewerkstelligen, um dann – nicht die Höhle neu einzurichten, sondern: – im Lichte der Wirklichkeit als Mündiger das sittliche Geschehen zu organisieren, also überhaupt die Fähigkeit zur Revolution aufbringen zu können.
Wem das in seinem statt nach begriffsbildender und revolutionärer Arbeit bloß nach moralischer Genugtuung darbenden Gemüt schon wieder zuviel der Anstrengung ist, sollte es doch wirklich einfach bleiben lassen mit all dem ewig gleich langweiligen und vollkommen hirnlosen social-media-Gejammer und dessen sich ständig selbst prohezeienden und in Kreisen des immer größer werdenden Schwachsinns verlaufenden Aufgebrachtheits-Drunterkommentier-Gebullshitte.

TL; DR: HDF.

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Thüringen vom Ende her

Der hegelschen Philosophie heute die Geltung zu erweisen, die sie verdient, heisst z.B. ihr so betiteltes „Denken vom Ende her“ – also: das objektive Denken der Logik der Dinge selbst – auf gegenwärtige Phänomene anzuwenden. Das mag natürlich auch unter den Linken niemand gerne tun, denn es widerspricht den meisten momentan herrschenden Formen von Moral. Aber wenn nun erzählt wird, dass die ganze Thüringen-Chose von CDU, FDP und AfD – also den drei aggressivsten Interessenvertretungen bürgerlicher Macht – nach hinten los gegangen sei und letztendlich nichts gebracht, ja den Parteien und ihrer Demokratie sogar geschadet hätte, ist darauf hinzuweisen, dass, wenn man denn einmal die ideologischen Fitnessübungen von linken Szenen und Liberalen beiseite lässt, eben vom Ende her gedacht, das Gegenteil der Fall ist: Dass die FDP sich erst von Faschisten unterstützen lässt, dann diese Unterstützung willkommen heisst und einige der Granden der Partei draufhin sogar zunächst mal gratulieren, sendet ein klares Signal ans Bürgertum, also: die von der FDP am vehementesten vertretene besitzende Klasse: „Wir sind bereit. Wir könnten, wenn wir wollten. Auf uns ist Verlass. Lieber Faschismus und das Fortbestehen unserer Eigentumsprivilegien, als auch nur das kleinste bisschen Sozialdemokratie und eventueller Verlust von Besitz.“ Man sollte dieses Signal, wenn es (etwa wegen der tags darauf geschehenen lautstarken Zurückruderei) auch nicht von allen so laut vernommen wurde, nicht unterschätzen. Und man sollte auch nicht unterschätzen, wie davon die CDU (die ja für die die rechte „Integration in die Mitte“, also: die Mäßigung des Faschismus zuständig ist) und – sowieso – die AfD (die für die Integration der Konservativen in den Faschismus zuständig ist) auf längere Sicht – vom Ende her gedacht – profitieren könnten: denn es ist ja damit eine realistische Option für eine bürgerlich-faschistische Zusammenarbeit und damit auch für eine reale Verwirklichung des AfD-Programms durchaus gegeben.

„Vom Ende her gedacht“, dialektisch, ist auch das ebenso sehr nützliche Herumlavieren von FDP und CDU (selbst wenn wohl kein zurechnungsfähiger Mensch glaubt, dass bei denen irgendein konkreter Mensch zu solchem Denken imstande ist), das eben KEINE konsequente Absage an die AfD enthält, aber für gutwillige nichtfaschistische Liberale immerhin die Möglichkeit enthält, an den Mythos zu glauben, die bürgerlichen Parteien könnten sich unter Bedingungen liberaler Herrschaft NICHT auch zu konsequent bürgerlichen, also: faschistischen Parteien mausern.
Es geht bei all dem Geplänkel abseits des Landesparlaments natürlich wie immer vor allem auch darum, welche Klasse den offeneren, von der Öffentlichkeit stärker unterstützten Klassenkampf führen darf: die besitzende und zudem im Osten Deutschlands seit 1990 wieder herrschende und damit auch entsprechend (nicht nur mit Faschisten) gut ausgestattete bourgeoise, oder eben die seit 1990 nur noch in fast vollständig kampfunfähig gemachter, verbürgerlichter Form der PdL vorhandenen, nichtbesitzende, produzierende Klasse. Wo die bürgerliche Klasse einen sich unbürgerlich gebenden bürgerlichen Bürgerschreck namens Höcke hat, der zumindest etwas wollen und eventuell auch umsetzen könnte, was zwar dem Kapital nützlich, aber Teilen der liberalen Öfffentlichkeit zuwider sein würde – das schon macht seine Attraktivität beim rechten Pöbel aus – hat die andere Klasse keinen Ulbricht mehr, der nicht nur irgendwas wollen, sondern auch umsetzen könnte, was dem deutschen Kapital und seinen Medienkonzernen nicht passt. Das Mahnmal dieser Unfähigkeit heisst Ramelow. Das Mahnmal wiederum für die schiere Notwendigkeit der unbedingten Bekämpfung von Konterrevolutionen in sozialistischen Staaten heisst AfD.

Unabhängig also davon, wie das Theater im Thüringischen Landtag nun im einzelnen weitergeht, scheint es, als stünde ein Gewinner auf längere Sicht schonmal fest: die bürgerliche Demokratie (also: die völkische Barbarei). Aber die Frage beim Vom-Ende-her-denken ist natürlich immer, wo und wann denn das wirkliche Ende überhaupt stattfindet. Wir Kommunisten denken vom wahren Ende her. Und das hat ja, wie man inzwischen weiß, doch wohl immer einiges mit dem Aufkreuzen der Roten Armee zu tun. Die Bourgeoisie sollte sich also nicht zu früh freuen; kann sein, das Ende ist letztlich IHR Ende.

(Der Text ist entnommen aus meinem neuen Buch: „Mit Demokraten reden. Ein Leitgefasel“. Erscheint 1812 in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung Tübingen, Preis: 16 Groschen.)

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JOKER (2019) von Todd Phillips

Jemand meinte, er fand den Film deswegen gut, weil der Alltag darin ausnahmsweise einmal aus der Perspektive der Armen, der Verlierer der Gesellschaft gezeigt werde, die sich gegen die Reichen, die arroganten Gewinnertypen, die Erfolgs-Arschlöcher wenden. Genau das Gegenteil ist der Fall:
Der Joker wird so dargestellt, wie sich der Großbürger, der liberale Fan von gemäßigter Umverteilung, von Charity und staatlicher Aufsicht über „asoziale Elemente“ ein Opfer ihrer Gesellschaft, einen Verrückten vorstellt. Der Joker wird als Bedrohung gezeigt, in ihm lauert die Gefahr für die Reichen; deshalb handelt es sich bei der Erzählperspektive in diesem Film um die Perspektive des sozialdemokratischen Bourgeois, der seine Mitwelt vor der Rache der Verlierer in der von ihm verteidigten Gesellschaft warnen will.

Denn wenn, so das Credo, der Verlierer zuviel verliert, verliert auch der Reiche – zum Beispiel sein Leben. Deshalb stellt sich der Film selbstlos in den Dienst der cineastischen Sozialarbeit: vor den Gefahren, die vom Pöbel ausgehen, wird gewarnt; die gesamte Joker-Existenz wird lediglich als unerfreulich wahrgenommen, als ein hässlicher Schandfleck – von anderen, wie von ihm selbst. Die Mitglieder der herrschenden Klasse im Kapitalismus, das zeigt sich hier entschieden, können bzw. wollen sich den Kampf gegen ihr System immer nur als unreflektierte, aus Gefühlschaos resultierende Anarcho-Revolte von Kranken oder gewaltgeilen Irren vorstellen, als eine von hirnlosen Gaunern, die ohne Plan auf einzelne Kapitalisten – oder Menschen, die sie für solche halten – losgehen, statt als geschulte Kommunisten die saubere Gesamt-Exekution der bürgerlichen Gesellschaft zu planen und durchzuführen. (Deshalb bekommen ja auch Leute wie Handke und Jelinek den Nobelpreis: zornige Spinner und vor Feinfühligkeit fast zerfallende Poetinnen, denen man anmerkt, dass ihre politischen Äußerungen ein Pfeifen im Keller sind und dass ihre Phantasien, wie ausgeklügelt sie auch sein mögen, niemals Politik werden können. Man belohnt und belobigt die „radikalen Querdenker“, die Künstler, die der Gesellschaft – jetzt aber mal so richtig – den Spiegel vorhallten nur zu gerne, weil sie und ihre Kunst immer auf sehr angenehme Weise ohne Konsequenzen bleiben.)

Aber die Ideologie des Erfolgs, die Arroganz der Gewinnertypen, gegen die sich der Joker bzw. der Film angeblich wendet, drückt sich selbst noch aus in der Konzeption des Films als Zerrbild des bürgerlichen Opportunismus, als – negative – „Karriere“: der Joker darf nicht einfach auf dem Sofa vor dem Fernseher dahindümpeln, nein, er muss unbedingt ganz unten ankommen, sich immer weiter in den Schwachsinn flüchten, damit wir, die verblödeten Zuschauer, die das soziale Allheilmittel und die Katharsis ausgerechnet im Popcornkino erwarten, endlich kapieren, wie schlimm es steht mit den Ausgegrenzten. Aber das wissen wir längst.
Trotzdem muss der Joker dieses Films unbedingt das Role Model abgeben für die Loser und Kranken, für die Ausgestoßenen und Unbefriedigten; das ist seine Motivation, sein einziger Antrieb. Er selbst sieht sich in seinen einsamen Tagträumereien als großes Talent, als Heiland der darbenden, verarschten Massen, als verkanntes Comedy-Genie, als Anstachler der Revoltenwoller. Aber warum überhaupt? Man erfährt es nicht. Millionen Menschen erleiden das Schicksal des Jokers (und schlimmere) und gehen trotzdem nicht auf Passanten los. Dieses Role Model ist konzipiert von genau jener Ideologie, die eben ansonsten dazu da ist, das Krankmachende, das Gewinner und Verlierer hervorbringende Konkurrenzsystem, den Schwachsinn, die Verarschung der Massen, die ungehemmte Produktion von Jokers, das Leid von Millionen in der liberalen Gesellschaft zu rechtfertigen.

Natürlich bietet der Film die 1 zu 1 Identifikation für die „Unverstandenen“, die Gamer und Anarcho-Teens, aber das ist der Trick, denn er tut das so schlecht wie möglich: er will jugendliche Unzufriedenheit in gesellschaftlich irrelevante Amok-Phantasien kanalisieren. Aber Menschen, die diese Gesellschaft mit bestem Wissen und Gewissen hassen, sind nicht einfach Kranke und Wahnsinnige, sondern vernünftig und deshalb Kommunisten und keine Clowns. Der Amok-Depp, der wirkungslos um sich wütende Terrorist, dass ist schon immer die bourgeoise Idealvorstellung vom „Kampf gegens System“ gewesen: Der Kapitalistenklasse sind 1000 Jokers lieber als ein Lenin.

Jokers Hass nämlich bekommt nicht die Gelegenheit, als richtig bestätigt zu werden; seine Gewalt kann sich nicht legitimieren, weil ihm der institutionelle Rückhalt – also etwa eine den Generalstreik organisierende revolutionäre Gewerkschaft, eine Kommunistische Partei im Aufstieg oder gar an der Macht – fehlt, und muss deshalb in eine die Ohnmacht und den Irrsinn nur noch verstärkende, den niedrigsten Bedürfnissen nachgebende, völlig subjektivistische Impulsivität münden, also im anarchistischen Komplett-Elend.
Die Geschichte des Jokers ist ein Bildunsgroman, aber ohne Bildung; ein Entwicklungsroman der Rückentwicklung. In einer (natürlich nicht existenten) alternativen Version des Films lässt Joker sich in der U-Bahn nicht provozieren, nimmt den Packen auf sich, erkennt die Realität, sieht ein, wird also vernünftig – und setzt sich, statt zum lahmen Epigonen von Leatherface herunterzukommen, an den Schreibtisch, um ein Buch mit dem Titel „Kommunismus für Erwachsene“ zu schreiben oder fängt als Kulturredakteur bei der FAZ an, wo er bolschewistische Artikel veröffentlicht.

Die schnöde Version aber, die derzeit in den Kinos läuft ist Gregor Gysis erhobener Zeigefinger als Film; ein zweistündiges „Denkt mal an die Kinder, Armen, Schwachen, Kranken“; eine Verständnissinnigkeit mit den Mitteln des Splatters; ein schlechtes Teenie-Meme auf zwei Stunden aufgebläht; Terminator 3 in blöd; Appell statt Kunst; Fight Club für Doofe.
Der Film bebildert lediglich die Sorgen der herrschenden Klasse: „Seht, was passiert wenn ihr Kranke mies behandelt und den städtischen Sozial-Etat kürzt: Chaos bricht aus und wir müssen dann wieder Charity machen. Batman, eile zur Hülf!“.
Die liberale Elite des Showgeschäfts klopft sich mit diesem Film auf die eigene Schulter, verleiht diesem Rotz den Goldenen Löwen in Venedig und dünkt sich dabei wohl noch rebellisch oder gar revolutionär.
Joker aber, das ist der Weltdepp zu U-Bahn. Er ist Andreas Baader, seine Clowntruppe die RAF, und Thomas Wayne Hans-Martin Schleyer (dessen Sohn, Batman, dann später Robert Habeck, das personifizierte schlechte Gewissen der Bourgeoisie, wird).

Die Vorlage war vielverprechend – was ein fähiger Resgisseur wie David Fincher daraus hätte machen können, lässt sich erahnen, wenn man an Fight Club denkt. Die Ausgangssituation der Story hat Potenzial, aber dieser Film setzt seine Idee ästhetisch miserabel um. Wer Protagonisten sehen will, die es richtig machen, die ihren völlig gerechtfertigten Hass auf die Gesellschaft auf gekonnte Weise, also produktiv einsetzen, dem seien die grandiosen bolschewistischen Meisterwerke „Now You See Me – Die Unfassbaren“ von Louis Leterrier und natürlich David Finchers „Verblendung“ empfohlen. In denen geht es darum, was Disziplin und Arbeit erwirken können, wenn sie richtig, nämlich zum sittlichen Zweck betrieben werden.

Joker. Regie: Todd Phillips. Mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz. 122 Minuten; im Kino seit 10.10. 2019.

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Der Nobelpreis, Peter Handke & seine Kritiker

Man sollte, wenn man an irgendeiner Einsicht interessiert ist, die über die medialen Verkündigungen zum Nobelpreisträger und dessen Legitimität hinausgeht, Peter Handke nicht einfach als Literaten sehen, sondern muss ihn als Projektionsfläche auffassen, zu der er sich – sozusagen als Künstlerexistenz, als „öffentliche Figur“ – ja bereitwillig macht, als eine Instanz, die aus den Leuten ihre Ressentiments hervorlockt. (Und das ist es ja, worauf das gesellschaftliche System Literatur hinauswill: keine ernstzunehmenden Haltungen gar politischer Art aufzuzeigen, sondern Narren in einem Kindergarten vorzuführen, denen man, quasi als sozialarbeiterische Hilfestellung, staatlich betreutem Schreiben, dann irgendwelche Preise verleiht, um sie in ihrem jeweiligen Wahn zu bestätigen (also ruhigzustellen), damit auch bloß niemals irgendetwas von ihren Inhalten, sofern solche überhaupt noch vorhanden sein sollten, das Licht der wirklichen Welt erblickt).
Wenn also in den letzten Tagen über – also vor allem gegen – Handke, etwa bei Saša Stanišić oder taz-Schreibern die Rede war, dann waren das meistens Verlautbarungen aus dem gemütlichen (links-oder rechts-) liberalen Moralkitsch-Nest. Das eigene seelische oder moralische Unwohlsein (also die Verletzung der je subkjektiven bubble-Ethik) wurde in Worte gekleidet, statt zu einem Urteil in der Sache zu kommen, welches natürlich, soll es von Belang sein, Handke eben nicht als irgendeinen Akteur unter vielen anderen „Meinungsmenschen“ betrachten dürfte, sondern ihn als das sehen müsste, was er wirklich ist, wozu er sich als Mensch letztlich gemacht hat: ein Kunstwerk, einen Artisten im Medienzirkus.
Handkes Kritikern ist es völlig einerlei, was er wirklich gesagt hat, was seine tatsächliche Haltung ist, ob sie nach den Prinzipien von Provokation in demokratischen, also von der Bourgeosie und ihrem „Volkswillen“ zugerichteten Öffentlichkeiten funktioniert (kurze Erinnerung an Böhmermanns Erdogan-“Gedicht“, „Satire“-Geblödel usw.) – und das weiss Handke, und er wusste das schon in den 90ern. Seine Kritiker beachten nicht, was Handke geschrieben, gesagt und gewollt hat, es geht diesen bosnischen und anderen liberalen Nationalisten, die sich jetzt in linken Zeitungen völlig gehen lassen dürfen, darum, ihre eigene politische Agenda (Nato- und EU-Propaganda) zu befeuern, und da kommt ihnen die durchs Dorf getriebene Nobelpreis-Sau gerade recht: es wird da immer auf die Populärsten eingedroschen, um was von der allgemeinen Aufmerksamkeit abzubekommen. Das ist das Prinzip der öffentlichen Solidarität, wie man es seit geraumer Zeit (spätestens seit dem Fall der Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der Gemeinschaft staatlicher Sittlichkeit) kennt: Werbung in eigener Sache unterm Deckmantel staatsbürgerlichen Engagements.
Es sind das größtenteils Anhänger einer rot-grünen Politik, die damals Nato- Angriffskriege nicht bloß verteidigt, sondern selbst durchgeführt hat. (Die halbe politisch engagierte deutsche Schriftsteller Riege – von Sascha Lobo über Sophie Passmann bis Juli Zeh – ist ja bei der SPD.)
Und natürlich ist der Nobelpreis immer eine Würdigung des Mittelmaßes, also der literarischen Auswüchse der Mitte einer Gesellschaft, der Preis soll, jährlich aktualisiert, eine Art Platzhalter des idealen Gesamtliteraten darstellen, da muss schon immer auch eine ordentliche Portion Durchschnittlichkeit, also Bourgeoisie-verträgliches Provokationsgerumpel und Halbradikalität wie bei Handke vorhanden sein, damit ein Autor geehrt wird. Letztlich klopft sich da die liberale westliche Gesellschaft bloß selbst auf die Schulter, weshalb auch immer schön auf den entsprechenden Anteil an Frauen, Dissidenten, Afrikanern und Linken geachtet wird – Motto: „der Liberalismus tut für alle was, seht her, wir zeichnen Juden Frauen Unterdrückte Kommunistinnen aus, Aktion Sorgenkind international, Welthungerhilfe für den armen darbenden Poeten, Suizidprävention für Künstler“; Literaturpreise als Ruhigstellung des eigenen schlechten Gewissens usw.
Und natürlich ist sowas immer auch Ausdruck der Zustände einer jeweiligen Zeit: Obama hat ja im Ernst den Friedensnobelpreis bekommen und Winston Churchill den Literaturnobelpreis.
So kommt dann auch ein literarischer „Joker“, also ein Clown, ein Wilder, ein Anarchist wie Handke diesem Betrieb immer gelegener als z.B. ein aufrichtiger Klassiker. Man stelle sich vor, was los gewesen wäre, hätte man zu dessen Lebzeiten einem Peter Hacks die Öffentlichkeit und Achtung eines Nobelpreisträgers gegönnt.
Sowas ist dem liberalen Rechtsstaat dann auch wieder zuviel des guten. Die Bourgeoisie will ihre Literaten schon wütend und leidend und kritisch, chaotisch, wild und planlos geifernd, aber bitte nicht konsequent und kämpfend oder gar bolschewistisch.
Karl Eduard von Schnitzler sollte posthum Pulitzer-, Büchner- und Nobelpreis (Frieden und Literatur) bekommen. Dann wäre der ganze Quatsch ernst zu nehmen. Bis dahin ist es nur möglich, diesen Zirkus aus Preisverleihern und Kritikern als Ausdruck eines inoffiziellen postmodernen Performance-Kollektivs zu verstehen, dem mal wieder ganz provokativ zumute ist und eben Befindlichkeiten aus der Öffentlichkeit in die Öffentlichkeit rotzt.

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Bürgerliche AfD-Kritik

Wenige Tage vor der Bundestagswahl geraten die naiven Vorzeige-Demokraten und Marktwirtschafts -Romantiker Deutschlands, die sich so gemütlich in den bürgerlichen Medien und deren Internet-Minizweigstellen eingenistet haben, mal wieder pflichtgemäß in Aufregung: Von völliger intellektueller Zerrüttung zeugende Rechenspiele werden angestellt (Niggemeier), eine Satirepartei als Helfershelfer der AfD ausgemacht (Martin Kaul/taz, ebenfalls Niggemeier), der deutsche Postfaschismus verharmlost (Böhmermann), Nichtwähler als 5. Kolonne des Faschismus gebrandmarkt (alle anderen) und allgemein so getan, als hätte es in den etablierten Parteien in den letzten Jahren nie Faschisten gegeben – Martin Hohmann, Jürgen Möllemann, Thilo Sarrazin und dutzende andere geflissentlich ignorierend.

Das Problem soll laut der nun wieder an jeder Ecke mahnenden AfD-Kritiker plötztlich nicht mehr sein, dass ca. 10% der Deutschen veritable Neonazis in den Bundestag wählen, sondern eine Partei, die dem sonst doch so hoch gefeierten demokratischen Wählerwillen lediglich Ausdruck verleiht und bloßes Symptom einer durch und durch rassistischen und sich in ihrer strukturellen Vollverblödung gefallenden Gesellschaft, ihrer Medien-“Eliten“, ihres bürgerlichen Staates und seiner kapitalistischen Wirtschaft ist, in der doch Faschismus, global betrachtet, bisher eher die Regel als die Ausnahme war. Mittendrin die bürgerlichen Linken, die sich bisher im Schönlügen des deutschen Normalbürgers und in Geraune gegen Rechtsradikale hervorgetan haben, ohne darauf zu kommen, das beide miteinander zu tun haben könnte.

Es ist die parlamentarische Demokratie westlichen Zuschnitts, die ansonsten als höchstes Gut und Hort der gelungenen Aufklärung hochgehalten wird, die das Faschistenpack hervorbringt, ja geradezu zielgerichtet produziert – und es ist das Grundgesetz der BRD, das die entsprechenden Parteien erlaubt. Deshalb mögen all die engagierten Demokraten doch bitte mal ihr Maul halten, wenn sich nun die braune Fratze aus dem Sumpf der bourgeoisen Klassenherrschaft hervortut, sie aber seit Jahren „den Wähler“ als solchen nicht antasten mögen, weil er für sie das edle, unschuldige Wesen, das es zu respektieren, höchstens zu domestizieren gelte, bleiben soll, so wie die Kapitalknechte in den Medien prinzipiell weder das deutsche Volk beleidigen und somit in seinem Irrsinn stören wollen, da es ihnen schließlich als fruchtbarer Boden für ihren rund um die Uhr abgesonderten ideologischen Sperrmüll dient, noch die Verfasstheit des bundesrepublikanischen Staats für kritikwürdig erachten, auf den sie sich jederzeit treu berufen, solange er ihnen und ihren niederträchtigen Interessen zu Diensten ist.

Es ist nicht zu erwarten, dass sich in deutschen Journalistenkreisen jene einfache Erkenntnis rumspricht, sie seit der Brecht’schen Sentenz vom fruchtbaren Schoß für jeden denkenden Menschen selbstverständlich sein sollte: Man kann nicht gleichzeitig Verteidiger der bürgerlichen Demokratie und Faschistenbekämpfer sein.

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Free Deniz & your mind won‘t follow

Der nun in der Bundesrepublik allseits von braven Bürgern, also von Jutta Ditfurth bis Erika Steinbach, vom Bahamas-Schreiber bis zur Bildzeitung, vom Antideutschen Autonomen Zentrum Neukölln bis zu Angela Merkel wegen seiner Inhaftierung bedauerte Deniz Yücel hat sich übrigens zu Zeiten seiner Tätigkeiten als Jungle-World- und taz-Redakteur mit diversen barbarischen Artikeln wie z.B. einer ressentimentgeladenen Hetzschrift gegen die DDR hervorgetan, um dann in Springers „Welt“ zur Lobeshymne auf den grünen Hartz4-Befürworter Volker Beck anzustimmen. Kein Wunder, dass der Springer-Konzern weiss, was er an diesem seiner Knechte hat, und sich daher nun genauso nachdrücklich mit ihm solidarisch erklärt, wie die Canaillen aus der (anti)deutschen Anarcho-Szene: Im Fall Yücel kennt man keine politischen Richtungen oder Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche, die mit einem Deutschen (erst Recht einem deutschen Journalisten, denn wen jucken schon die paarhundert seit Jahren unschuldig inhaftierten Leute, die keine Journalisten sind) jederzeit solidarisch zu sein haben, egal was dieser so treibt.

(Der Inhalt der klassischen Massenmedien ist von Journalisten produziert und in nicht geringem Umfang vermittelt er deshalb eine Weltsicht, die vor allem auf das Wohl & die Rechtfertigung des eigenen Berufsstands konzentriert ist. Die Medien im Kapitalismus sind gleichzeitig der grösste Lobbyverband der journalistisch Tätigen, ein Werbeunternehmen in eigener Sache, dem die eigentlichen Gegenstände der Berichterstattung oftmals nur noch zur Dekoration dienen, das zeigt die nun seit Tagen anhaltende mediale Hysterie um den Untersuchungshäftling Yücel.)

Wenn Gremliza die taz als „Kinder-FAZ“ betitelt hat, schwang dabei immer etwas von der Erkenntnis mit, dass all die kleineren, linksliberadikalen Jugendblätter unterm Monopol der bürgerlichen Ideologie natürlich nur als Ausbildungs- also: Zurichtungs-Stätten für die Arbeit bei „richtigen Zeitungen“, also denen von Springer, fungieren. Der Jungjournalist wird dabei langsam aber stetig an den angeblich nunmal alternativlosen Zeitungsmacher-Alltag herangeführt, bis er sich dort zuhause fühlt und die ungeschriebenen Gesetze verinnerlicht hat; etwaige Radikalität wird damit in verfassunsgsfreundliche Bahnen gelenkt, der Autor zum Journalisten heruntergezähmt, die bürgerliche Medienherrschaft stabilisiert, die rechtsradikale Springerhetze legitimiert.

Immerhin hat Yücel nun für alle ersichtlich die Probe auf dieses Exempel gemacht, und dafür sollte man ihm dankbar sein, auch wenn er in einem sozialistischen Rechtsstaat sicherlich ebenso inhaftiert würde – dann aber mit korrekter Anklage: konterrevolutionäre Umtriebe.

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Donald Trump & deutsche Demokraten

Man merkt es den Empörten momentan einfach zu stark an, wie es sie stört, dass da mit Trump nun jemand US-Präsident ist, der die ganze Widerlichkeit und Hässlichkeit des „freien Westens“ und seiner bürgerlichen Gesellschaft auch noch mit dazu passender widerlicher und hässlicher Fratze repräsentiert.

So gerne hätten sie weiterhin eine Regenbogen-Einhornwelt voll Inklusion, Antirassismus und engagiertem liberalen Bürgerrechtlertum eines Obamas vorgespielt bekommen, mit dem sie sich heimlich oder offen identifizieren hätten können, um ihre sozialdemokratischen Ideale nicht über Bord werfen zu müssen.

So glücklich waren sie über Obama (der zwar Drohnenmorde, Kriege, Massen-Abschiebungen und die sonstigen üblichen Schweinereien ins Werk setzte, wie jeder andere US-Präsident zuvor) und seine objektive Funktion, dem ganzen kapitalistischen Grauen wenigstens die ernsthaft besorgte, aber zugleich auch streetworkerhaft coole, mit dem neusten Shit der nationalen Popkultur vertraute Charaktermaske zu verleihen, die das System so sehr benötigt, um von den politischen Inhalten abzulenken.

Schon deshalb ist ein ahnungsloser Proll und Polit-Hochstapler wie Trump als Präsident zu begrüßen, weil er zum bösen Spiel, ehrlich wie er ist, auch böse Miene macht. Am Spiel selber wird er nichts ändern – weder zum guten, noch wohl kaum zum sonderlich schlechteren. Aber das ist der deutschen Empörungs-(Quer-)Front egal, denn ihre Mitglieder wissen eh schon seit Monaten, dass Trump den Untergang des Abendlandes bedeutet und die deutschnationale Angela Merkel nun die „Führerin des freien Westens“ zu sein hat, um die deutsche Wirtschaft vor den Kraken-Armen Trumps gleichermaßen wie vor denen Putins zu retten. Das ist die doppelte Frontstellung des sich im Weiter-Erstarken befindlichen deutschen Imperialismus, dessen linksliberale Knechte von Sascha Lobo und Carolin Emcke bis hin zu „Bild“-Zeitung und „taz“ der herrschenden Klasse hierzulande eben wieder nur die gute Miene zum deutschen Spiel bereiten.

Es ist die unangenehme Art dieser Charaktermaske Trump, an der sich die Empörlinge, Warner, Mahner und Besorgten heute stören, nicht die Politik. Daran werden diese Heuchler beim Anblick Trumps erinnert, das bereitet ihnen die Bauchschmerzen, nicht irgendwelche Inhalte, auf die sie im großen und ganzen den Rest des Jahres eh pfeifen.

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